29. Okt. 2015
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Kommentar: Flüchtlingsfrauen in Not

(rb) Im Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen ist die Kriminalität – bis auf die Ladendiebstähle – nicht signifikant gestiegen, sondern landesweit sogar gesunken. Diese Nachricht der Polizei wird die Bevölkerung, die in diesem „Umfeld“ lebt und für sich zumindest gefühlt eine höhere Kriminalität wahrnimmt, sicherlich beruhigen, wenn auch das diffuse Unbehagen angesichts der dort alltäglich zu beobachtenden mehr oder weniger großen Gruppen von Flüchtlingen damit nicht einfach verschwindet. Die gefürchtete Zunahme von Gewalt oder gar sexuellen Übergriffen gibt es demnach gar nicht. Oder doch? Vielleicht nicht außerhalb, aber innerhalb der Einrichtungen reden manche mittlerweile bereits von einem rechtsfreien Raum. Denn zumindest allein reisende Frauen mit oder ohne Kinder haben wenig Schutz zu erwarten, obwohl sie dafür einen so langen Weg auf sich genommen haben. Für die wenigen Frauen unter den zumeist muslimischen Flüchtlingen – rund 80 Prozent sind ja Männer – hat die Verfolgung niemals aufgehört. Sie kommen wie ihre männlichen Landsleute aus Ländern, in denen Frauen nichts gelten und ohne wirkliche Rechte sind. Und das ist offensichtlich auch in vielen Flüchtlingsunterkünften nicht anders. Frauen ohne männliche Angehörige werden als „Huren“ beschimpft und auch wie solche behandelt. Die sexuellen Übergriffe auf diese Frauen und zum Teil auch Kinder sind nach den Berichten vieler Sozial- und Frauenorganisationen eben keine Einzelfälle, wie Polizei und Innenministerien glauben, sondern nahezu täglich an der Tagesordnung. Dennoch bleiben sie öffentlich weitgehend unbeachtet. Tatsächlich gibt es nur vereinzelte Strafanzeigen gegen männliche Flüchtlinge, denn dass Frauen sexuelle Gewalt hier in Deutschland nicht hinnehmen müssen, dass das hierzulande strafbar ist, wissen diese Frauen oft gar nicht. Ihre Erfahrungen aus den jeweiligen Heimatländern haben sie gelehrt, dass Polizei und sonstige Behörden eher auf der Seite der Männer stehen; entsprechend zurückhaltend sind sie gegenüber den hiesigen Sicherheitsbehörden. Am Ende fürchten sie um ihren Asylantrag, wenn sie „Ärger“ machen. Wie gering das Interesse an den Sorgen und Ängsten dieser ohnehin schon traumatisierten Frauen ist, zeigt die geringe öffentliche Wirkung, die erste Berichte über sexuelle Gewalt in den Aufnahmeeinrichtungen entfaltet haben. Man hat angesichts der dramatischen Flüchtlingszahlen einfach drängendere Probleme – Unterkünfte finden, Registrierung und Asylanträge organisieren etc. Da müssen diese Dinge eben warten. Was bleibt sind kraftlose Appelle an die Ankommenden, die Grundrechte in Deutschland zu anzuerkennen, zu denen eben auch die Achtung der Würde aller Menschen und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gehören. Junge Männer aus Ländern, in denen die Rechte von Frauen keine Rolle spielen, werden kaum hier damit anfangen, sich von ihrer Machokultur zu verabschieden und sich in Frauenversteher zu verwandeln. Ohne konkrete Einweisung in die gesellschaftlichen und rechtlichen Lebensverhältnisse in Deutschland, dem Land, das sie sich als neue Heimat ausgesucht haben, werden sie hier nie wirklich ankommen – egal wie gut oder schlecht sie in den Arbeitsmarkt integriert werden können oder in die Bildungssysteme. Allein, dass beides sich auch an weibliche Flüchtlinge richtet, wird für viele von ihnen kaum verständlich sein. Zu den Grundforderungen vieler Verbände, Institutionen und Organisationen, die sich der Rechte der Flüchtlingsfrauen annehmen, gehört deshalb neben der getrennten Unterbringung alleinstehender Frauen von den Männern auch die verpflichtende Teilnahme von Frauen an Sprach- und Integrationskursen. Vor allem weibliche Ansprechpartner in den Aufnahmeeinrichtungen für die Flüchtlingsfrauen in Not sind das Mindeste, das ihnen anzubieten sei. Selbst wenn es keine konkreten Zahlen über gewalttätige und sexuelle Übergriffe gibt, sie finden trotzdem statt. Und die Frauen schweigen zu oft aus Angst – wie zu Hause. az
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #199.
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