Lieferkettenengpässe, Materialknappheit, Corona-Pandemie: In der Wirtschaftswelt geht es seit vier Jahren drunter und drüber. „Wir leben in turbulenten Zeiten, wie wir sie überhaupt noch nicht erlebt haben. Planungssicherheit ist in der Industrie völlig abhandengekommen. Die Situation ist für viele Unternehmen kaum mehr beherrschbar“, sagt Volker Schmidt.

Der Hauptgeschäftsführer von Niedersachsen-Metall und der Allgemeinen Arbeitgebervereinigung Hannover und Umgebung (AGV) spricht in seiner Eröffnungsrede für das diesjährige „Arbeitgeberforum“ im Schloss Herrenhausen den 280 Teilnehmern aus der Seele. Die Unternehmer sehnen sich nach Sicherheit, doch die Lage ist eine andere.„Die Cash-Position vieler Unternehmen ist schlicht und ergreifend besorgniserregend“, sagt Schmidt. Die unsichere Versorgungslage zwinge viele Betriebe dazu, Vormaterialien zu horten oder sogar zu hamstern. Und ein Ende der Preissteigerungen sei nicht absehbar.
"Es ist nicht auszuschließen, dass wir in diesem Sommer noch bei einer Inflation von 10 bis 12 Prozent landen werden."
Volker Schmidt„Es ist nicht auszuschließen, dass wir in diesem Sommer noch bei einer Inflation von 10 bis 12 Prozent landen werden“, prognostiziert der Arbeitgeberchef und erklärt das Liquiditätsmanagement in diesen Zeiten zur „Königsdisziplin“. Allerdings erwarte die Politik von der Industrie, dass sie gleichzeitig zu allen anderen Herausforderungen in die Transformation hin zur klimaneutralen Produktion investiere. „Wie soll das funktionieren? Es ist eine Herkulesaufgabe“, sagt Schmidt. Von der Landeshauptstadt, die laut Ratsbeschluss bis 2035 klimaneutral werden soll, fordert der Arbeitgebervertreter deswegen im Gegenzug eines: einen attraktiveren Wirtschaftsstandort.
Das schlechte Image der Landeshauptstadt, das zuletzt durch eine Allensbach-Umfrage im Herbst 2021 nachgewiesen wurde, bereitet den hiesigen Arbeitgebern große Sorgen. „Die geringe Attraktivität hat Konsequenzen für die Chancen unserer Unternehmen, qualifizierte Leute für Hannover zu begeistern. Das ist für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Stadt und auch der Werke am Standort problematisch“, sagt Schmidt und kritisiert insbesondere die „Selbstverzwergung“ der Stadt, die aus seiner Sicht den Wettbewerb mit anderen Metropolen nicht annimmt, sondern sich selbst genügt.
"Die geringe Attraktivität hat Konsequenzen für die Chancen unserer Unternehmen."
Volker Schmidt„Es kann so nicht weitergehen, wir müssen die Ärmel hochkrempeln“, fordert der Arbeitgeberchef, der hier mit Regionspräsident Steffen Krach einer Meinung ist. „Wir müssen den Rahmen dafür schaffen, dass sich Unternehmen hier in der Region wohlfühlen“, beschreibt der SPD-Politiker die Aufgabe der Politik. Die schlechten Umfrageergebnisse tun dem gebürtigen Hannoveraner „richtig weh“, denn grundsätzlich sieht er die Landeshauptstadt mit 14 Berufsbildenden Schulen, Gründungszentrum, Leibniz-Universität und diversen Forschungseinrichtungen gut aufgestellt. „Wir haben gute Chancen, Fachkräfte hier gut auszubilden. Die müssen aber auch hierbleiben. Und da fängt es an, schwierig zu werden“, sagt Krach, für den die Standortattraktivität eine „Frage der Zukunftssicherung“ ist.

„Für Unternehmen ist zentral wichtig, dass wir hier etwas für unser Image machen. Dazu müssen wir Ereignisse schaffen. Umfragen zeigen: Wenn Menschen Hannover kennenlernen, denken sie danach besser über die Stadt“, betont der Regionspräsident. Die Messen, Feste und Events sieht Krach als tolle Möglichkeiten, um Auswärtige für die Landeshauptstadt zu begeistern. Dabei dürfe man sich aber nicht selbst im Weg stehen, wie etwa bei der neu eingeführten Sperrstunde für das Maschseefest, die auf 22.20 Uhr festgesetzt wurde. „Das kann man niemandem von außerhalb erklären“, ärgert sich der Regionspräsident und stellt mit Besorgnis fest, dass eine ähnliche Diskussion auch für das Kleine Fest im Großen Garten geführt wird. „Das ist wirklich gefährlich“, warnt Krach. Der SPD-Politiker sagt deutlich: „Es gibt ganz viele Dinge, die wir in Hannover bieten können. Aber wir dürfen das nicht zerreden. Wir müssen das weiterentwickeln und mehr davon schaffen.“
Der Tourismus ist aber nicht der einzige Hebel, bei dem der Regionspräsident ansetzen will. Dass die Ausstellung eines Taxischeins oder die Bearbeitung eines Bauantrags sechs Monate oder länger dauere, ist für den Verwaltungschef völlig inakzeptabel. „Das können wir auch nicht auf die Landes- oder Bundesebene schnieben. Das können wir hier vor Ort lösen“, sagt er. Doch wenn immer er die Digitalisierung vorantreiben will, höre er mindestens zehn Gründe dafür, warum etwas nicht geht. Krach: „So können wir nicht weiter machen. Da stehen wir als kommunale Verwaltung in der Verantwortung.“
Was den Abbau von bürokratischen Hindernissen angehe – insbesondere für den dringend notwendigen Bau von neuen Windkraftanlagen in der Region Hannover – setzt Krach auf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Von 70 Windrädern, die aufgrund der Abstandsregeln überhaupt in der Region noch realisierbar wären, fallen laut dem Regionspräsidenten derzeit 68 wegen Artenschutzbedenken weg. Zudem pocht Krach darauf, dass Windräder auch in Waldgebieten gebaut werden dürfen: „Da ist Olaf Lies dran und wird das verändern.“
"Wir brauchen überall eine gute Notfallversorgung, aber wir müssen nicht überall eine Kardiologie oder Neurologie haben."
Steffen KrachKrach kündigt außerdem eine „Medizinstrategie 2030“ zur Neuorganisation des Klinikums Region Hannover (KRH) und seiner zehn Standorte an. „Mein Vorgänger hat mir immer gesagt: Bloß nicht über Standortschließungen sprechen“, verrät der Regionspräsident. Er selbst ist allerdings gegen Vorgaben und Denkverbote in der Debatte. Sein Ansatz: „Wir brauchen klare Profile. Wir brauchen überall eine gute Notfallversorgung, aber wir müssen nicht überall eine Kardiologie oder Neurologie haben.“ Das Profil des Forschungs- und Wissenschaftsstandorts Hannover will er ebenfalls schärfen. Aus seiner Sicht ist es dabei ganz entscheidend, dass die Landeshauptstadt endlich zum Exzellenz-Standort wird. Der Image-Gewinn sei unbezahlbar. „Wenn man sagen kann: Ich bin auf der Exzellenz-Landkarte in Deutschland, dann habe ich ganz andere Möglichkeiten, um internationale Experten hierher zu holen“, sagt Krach. Und auch beim ÖPNV will der Regionspräsident die Landeshauptstadt wieder zum Vorbild für andere Kommunen in Niedersachsen machen. Krach: „Wir haben enorme Möglichkeiten in Hannover, aber wir nutzen sie manchmal nicht genug. Da ist zum Teil auch die Politik schuld.“


