Wer in diesen Tagen nach dem Bundeskanzler sucht, findet ihn offenbar am ehesten dort, wo niemand unliebsame Fragen stellt und potenzielle Buhrufer schon an der Einlasskontrolle scheitern. Einen Tag vor der richtungsweisenden Landtagswahl im benachbarten Sachsen-Anhalt zog es Friedrich Merz nicht etwa auf den Domplatz in Magdeburg, um vor Tausenden Bürgern um jede Stimme zu kämpfen. Stattdessen sprach er im fensterlosen Tagungssaal eines Flughafenhotels in Langenhagen – vor Stuhlreihen, die teilweise halbleer und von äußerst wohlwollenden Parteifreunden besetzt waren.
Das Setting sprach Bände über den Zustand der Bundes-CDU und das Image ihres Vorsitzenden. Während ein Kanzlerbesuch einst als kraftvoller Rückenwind galt, wird Merz heute eher als Tiefdruckgebiet betrachtet, in dessen Sog man die eigenen Beliebtheitswerte nicht geraten lassen will. Dementsprechend glänzte Hannovers Oberbürgermeisterkandidat Peter Karst mit Abwesenheit. Er wurde zur gleichen Zeit an einem Wahlkampfstand in der hannoverschen City beobachtet – mit großem Sicherheitsabstand zu allen Bundespolitikern.
Auch die Vorband sendete die falschen Signale. Die Musikschule Langenhagen ließ zwar musikalisch wenig zu wünschen übrig. Doch die Titelauswahl, die mit "Man! I Feel Like a Woman!" von Shania Twain startete und dann in ruhigere Lovesongs überging, war nicht gerade als Anheizer zu verstehen. Die Band schien vielmehr kurz davor zu stehen, den Rolling-Stones-Klassiker „Angie“ anzustimmen – um zumindest musikalisch jene Epoche heraufzubeschwören, in der die Union im Land noch verlässlich Wahlen gewann und die Kanzlerschaft unantastbar erschien.
Ob CDU-Landeschef Sebastian Lechner dieser Zeit am Sonnabend ebenfalls hinterhertrauerte, bleibt sein Geheimnis. Beim gemeinsamen Gruppenbild standen inklusive Lechner auf jeden Fall nur drei von insgesamt 47 Landtagsabgeordneten auf der Bühne neben dem Kanzler. Die beiden anderen waren Marco Mohrmann, der als Generalsekretär nur schwer absagen konnte, und Reinhold Hilbers, der dafür bekannt ist, auch dahin zu gehen, wo's weh tut.

Apropos weh tun: In seiner Rede sicherte Merz dem niedersächsischen Spitzenkandidaten Lechner für den Landtagswahlkampf „die volle Unterstützung der Bundespartei, auch meiner eigenen Person“ zu. Zumindest damit erinnerte er an Angela Merkel. Wenn die einem Weggefährten ihr „vollstes Vertrauen“ aussprach, konnte der Betroffene schon einmal vorsorglich den Schreibtisch ausräumen. Bei Merz klingt die persönliche Unterstützung derzeit ebenfalls weniger nach Hilfsangebot als nach Drohung. Denn das Gesetz der politischen Schwerkraft besagt: Reicht dir der Kanzler aus dem Umfragetief die Hand, hast du bald selbst keinen Boden mehr unter den Füßen.
Als äußerst stimmungshebende Handreichung dürfen Sie dagegen die Themen der heutigen Rundblick-Ausgabe verstehen. Wir berichten über:
Festen Stand und einen erfolgreichen Dienstag wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link


