18. Mai 2023
Wirtschaft

Lindner-Berater schlägt mehr Investitionen in „Klimasünder“ vor

Nachhaltige Geldanlagen und Investments liegen voll im Trend. Doch die Fokussierung auf „grüne Fonds“ könnte der Klimawende einen Bärendienst erweisen. „Das mag zunächst paradox klingen: Aber braune Anlagegüter sind möglicherweise sogar die besseren, um diese Transformation hinzubekommen“, sagte Kapitalmarkt-Experte Prof. Jörg Rocholl kürzlich bei einer Diskussionsrunde auf der Hannover-Messe. Als „braun“ gelten Investitionen, wenn damit der Einsatz von fossilen Brennstoffen oder die Produktion von großen Mengen an Kohlenstoff verbunden ist. „Durch die Investition in braune Anlagegüter ist ja erst die Möglichkeit gegeben, diese in grüne zu konvertieren“, erläuterte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen und Lehrstuhlinhaber der Deutsche-Bank-Professur für nachhaltige Finanzwirtschaft.

Grüne Fonds werden immer beliebter. Doch aufgepasst: Solche Anlagen halten nicht immer das, was sie versprechen. | Foto: GettyImages/Atstock Pictures

Rocholl warb speziell für Investitionen in Brückentechnologien und die Wirtschaftsbereiche, die transformiert werden sollen. „Wenn man’s mal mathematisch ausdrückt: Wir dürfen nicht so sehr auf den absoluten Wert schauen, sondern auf die Ableitung. Also darauf, was zwischen heute und morgen passiert, und darauf, wie viel CO2 ich tatsächlich einsparen kann.“ Mit Blick auf die neue EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) sieht Rocholl die Gefahr, dass dadurch falsche Anreize gesetzt werden. „Was die Regulierung nicht tun sollte, ist nur zu sagen: Das ist grün, das ist gut, das ist das einzige, in das man investieren kann“, erläuterte der 49-Jährige, der seit 2011 als Präsident die private Wirtschaftshochschule ESMT in Berlin leitet.

Prof. Jörg Rocholl | Foto: ESMT Berlin

Doch sind Investitionen in Branchen und Technologien, von denen man sagt, dass sie keine Zukunft haben, in der Finanzwelt überhaupt noch gefragt? „In der Regel haben unsere Kunden verstanden, dass Desinvestments ganzer Sektoren kein Königsweg mehr sind. Die Kunden verlangen schon, dass wir uns die Unternehmen angucken, die sich auf einem guten Transformationsweg befinden, und gegebenenfalls auch in diese investieren“, berichtete Philipp Finter vom Büro für nachhaltige Investitionen beim Bankhaus Metzler aus Frankfurt.

Philipp Finter | Foto: Bankhaus Metzler

Grundsätzlich seien Investitionen in „kontroverse Branchen“ wie Öl und Gas auch bei grünen Geldanlagen kein Tabu-Thema mehr. Es gebe jedoch auch strikte Kunden und Anlagenkonzepte, die ganze Sektoren ausschließen. Finter wies auf ein grundsätzliches Problem der Branche hin: „Große Player in der Assetmanagement-Industrie sehen sich Greenwashing-Vorwürfen ausgesetzt. Das hat ganz viel damit zu tun, dass nicht klar definiert ist, was eigentlich nachhaltig ist. Da hoffen wir schon, dass die EU-Taxonomie uns Leitplanken gibt.“



„Es ist unterschiedlich, was ein Einzelkunde unter Nachhaltigkeit versteht“, bestätigte Jan Köpper von der nachhaltigen Öko- und Gemeinschaftsbank GLS.  Der Leiter der Stabsstelle Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit sieht die Banken deswegen in der Pflicht, den Kunden in der Beratung folgende Fragen zu beantworten: „Was ist Nachhaltigkeit? Und wo kannst du investieren, um dein subjektives Bild von Nachhaltigkeit umzusetzen?“ An der EU-Kommission und dem europäischen ESG-Regelwerk (Environmental, Social und Governance) übte Köpper scharfe Kritik. „Wir sind noch weit, weit davon entfernt, dass ESG die Grenzen des ökologischen Systems und die Fundamente auf sozialer Ebene abbildet. Wir sammeln ESG-Daten, die gar nicht das Ziel erfüllen, zu einer Stabilisierung des Klimawandels zu kommen“, bemängelte er.

Jan Köpper, Head of Impact Transparency & Sustainability bei der GLS Gemeinschaftsbank | Foto: GLS Bank

Der EU-Kommission warf er vor, die „Marktgängigkeit“ gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen zu priorisieren. „Wir haben eine Fehlsteuerung durch die Daten, die jetzt gerade auf den Markt gebracht werden. Um die Zielzustände beim Klimaschutz zu erreichen, reicht das, was die Taxonomie derzeit macht, nicht aus“, kritisierte er und sagte: „Wir sind zu langsam. Wir wissen genau, wo die Grenzen und die planetaren Leitplanken sind. Wir wissen genau, wann es kippt. Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben eine Ambitions- und Umsetzungskrise.“

Gar nicht so grün wie man denkt: Prof. Jörg Rocholl sieht die „Grünen Bundeswertpapiere“ eher kritisch. | Grafik: Bundesfinanzministerium

Prof. Rocholl betonte, dass man bei der Definition dessen, was grün ist, keine Augenwischerei betreiben dürfe. Als Negativbeispiel nannte er die „Grünen Bundeswertpapiere“, die erstmals 2020 ausgegeben wurden. „Da könnte man denken, dass das Staatsanleihen sind, die grüne Transformation voranbringen. Es ist aber im Prinzip genau andersrum gewesen: Man hat einfach geschaut, was im weitesten Sinne grüne Ausgaben sind und hat genau in dieser Größenordnung emittiert“, kritisierte der Ökonom. Eine echte „grüne Finanzierung“ zeichnet sich für Rocholl dadurch aus, dass sie Veränderungen in den Konzernen ermöglicht.

„Es muss Eingriffsrechte geben, damit man die Transformation nicht nur als passiver Investor, sondern durch aktive Eingriffe mitbegleitet."

Prof. Jörg Rocholl, Präsident ESMT Berlin

„Es muss Eingriffsrechte geben, damit man die Transformation nicht nur als passiver Investor, sondern durch aktive Eingriffe mitbegleitet“, sagte Rocholl. Dabei denkt er unter anderem an Einflussnahme auf Prozesse und Produkte. Bei nicht börsennotierten, mittelständischen Unternehmen sieht der Finanzexperte dagegen wenig Handlungsbedarf. Hier würde der kundenseitige Wunsch nach grünen Produkten, die Ansprüche der Fachkräfte an einen nachhaltig wirtschaftenden Arbeitgeber und die Vorgaben der Banken bei der Kreditvergabe genug Druck erzeugen. „Die Banken stehen ja auch unter Druck, stets nachzuweisen, dass ihre Kreditvergaben entsprechend ESG-Kriterien kompatibel sind“, sagte der Experte für Corporate Finance.

Für Vermögensverwalter Finter ist die Transformation der deutschen Wirtschaft nicht zwangsläufig mit Wohlstandsverlust verbunden. „Die Transformationskosten sind hoch, insbesondere für manche Sektoren. Aber es gibt auch viele Sektoren, die damit große Wachstumsziele erreichen werden. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass das Bruttoinlandsprodukt weiter steigen wird“, sagte der promovierte Volkswirt. Ähnlich sieht es auch Prof. Rocholl. „Wir müssen damit leben, dass wir einen braunen oder grauen Kapitalstock haben, den wir jetzt durch einen grünen Kapitalstock ersetzen müssen. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir den alten Kapitalstock erst einmal abschreiben müssen und der neue kommt nicht einfach so, sondern den müssen wir aufbauen“, analysierte der ESMT-Präsident die Lage auf dem Finanzmarkt.

„Wir von Siemens Energy schauen sehr positiv in die Zukunft, weil wir genau in diesem Auswechseln des Kapitalstocks enorme Chancen sehen. Nicht nur für uns, sondern für die gesamte Wertschöpfungskette in der Energieindustrie“, sagte Dieter Vollkommer, der beim größten deutschen Energietechnik-Unternehmen als Vizepräsident für Nachhaltigkeit zuständig ist. Weil die erneuerbaren Energien bei den Stromentstehungskosten perspektivisch „weit vor allen anderen Energieformen“ liegen, geht der Siemens-Energy-Manager aber auch noch einen Schritt weiter und sagt: „Mittel- bis langfristig sehen wir durch die Energiekosten einen volkswirtschaftlichen Vorteil.“


Dieser Artikel erschien am 19.5.2023 in Ausgabe #091.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link