Die Veränderungen in einigen Gegenden sind jetzt schon im Gange, wir können uns nicht dagegen stemmen.
Wie Böcken berichtete, hat Deutschland nicht nur viele Krankenhausbetten je 100.000 Einwohner, auch die Zahl der Arztbesuche sei hoch – und in vielen Fällen, etwa bei Diabetes, würden Patienten rasch in eine Klinik eingewiesen. Das gelte auch für die Behandlung von Augenleiden, in vielen anderen Ländern sei eine „Augenklinik“ gar nicht bekannt, weil dort solche Fälle strikt nur ambulant behandelt würden. Die Erwartung, dass wegen des hohen Anteils stationärer Behandlungen auch die medizinischen Ergebnisse besser seien, bestätige sich allerdings nicht. Bertelsmann hat Ökonomen und Mediziner zusammengerufen und ein Zielbild für die Krankenhauslandschaft entwickelt. Die Resonanz darauf sei „eine Welle, hoch und schmutzig“ gewesen, sagt Böcken mit Blick auf die Anfeindungen und Beschimpfungen.
Tatsache bleibe aber, dass jedes Krankenhaus eine Mindestausstattung und einen erfahrenen Personalstamm haben müsse, um wichtige Operationen erfolgversprechend machen zu können. Die Grenze bei Schlaganfällen und Herzinfarkten könne bei mindestens 309 Fällen im Jahr definiert werden. Von den 38 Krankenhäusern in einem bestimmten Versorgungsgebiet in NRW hätten 36 diese Dienste angeboten – aber nur sechs davon kämen auf mindestens 309 Fällen beim Herzinfarkt, nur sieben auf mindestens 250 Fälle bei Schlaganfällen. Böcken meint nun, dass die Strukturreform hier lebenswichtig sein könne, denn es könne 1300 Tote weniger im Jahr bedeuten, wenn die Grenze mit 309 Fällen bundesweit verbindlicher Maßstab wäre.
Experte vermisst Konzept der Landesregierung
Allerdings räumt der Bertelsmann-Vertreter ein, dass die Schließung vieler kleiner und schlecht ausgestatteter Kliniken die Folge haben wird, nicht jeden Patienten in mindestens 30 Minuten in eine Klinik bringen zu können. Die Fahrzeit könne auch eine Stunde und mehr betragen. Umso wichtiger sei es in solchen Situationen, dass der Rettungsdienst optimiert wird, damit der Patient bereits auf der Fahrt ins Krankenhaus so gut wie möglich versorgt werden kann. Auch über eine Neuorganisation der ambulanten Versorgung müsse gesprochen werden – etwa auf die Weise, dass man auch Stationen anbiete, in denen notfalls der Patient eine Nacht verbringen kann.Lesen Sie auch: Krankenhäuser versuchen, Zeitarbeit in der Pflege einzudämmen Warum bei der Planung neuer Kliniken großer Zeitdruck herrscht
Der frühere Gesundheitsdezernent der Region Hannover, Erwin Jordan, kritisierte den Veränderungsprozess in der niedersächsischen Krankenhauslandschaft. Dort hatte es vor 20 Jahren noch 203 Kliniken gegeben, inzwischen sind es 172. Doch der Veränderungsprozess sei „ungeregelt“ verlaufen, es habe kein landesweites Konzept gegeben, die Bedingungen jeweils vor Ort hätten die Schließungen ausgelöst. Dies sei vor allem im Heidekreis, in Ostfriesland und im Kreis Diepholz ausgesprochen heftig diskutiert worden – „in der Kommunalpolitik der jeweiligen Kreise war die Hölle los“. Leider habe es aber kein Konzept der Landesregierung gegeben, obwohl dies hilfreich gewesen wäre. Böcken meinte, man müsse Verständnis haben für jene, die eine Schließung von Kliniken als weitere Schwächung ihrer ohnehin unter Schrumpfung leidenden Region verstehen. Dagegen stünden aber die objektiven Versorgungsmängel in kleinen Kliniken. „Ich rate allen, die Zahlen für die jeweilige Region genau zu analysieren, dann kommt man auch zu neuen Erkenntnissen“, sagt der Bertelsmann-Experte.


