Darum geht es: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Niedersachsen in den kommenden Jahren stark steigen. Sozialministerin Cornelia Rundt schlägt ein Pflegegeld für pflegende Angehörige vor. Ein Kommentar vor Martin Brüning:
Pflegestärkungsgesetz, Pflegezeitgesetz, Pflegeneuausrichtungsgesetz, Pflegeausbildungsreform. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, und sie macht deutlich, dass die Politik den Handlungsbedarf in der Pflege bereits seit Jahren erkannt hat. All die Gesetze führen aber nicht dazu, dass die Deutschen sich beruhigt zurücklehnen und gelassen altern. Rund 60 Prozent bereitet es große Sorgen, im Alter ein Pflegefall zu werden. Schon wer unter 30 ist, macht sich darüber Gedanken. Das muss in diesem Fall nicht unbedingt mit der eigenen gesundheitlichen Konstitution zusammenhängen. Hier geht es eher darum, wer denn in der Zukunft eigentlich die Eltern pflegt, wenn man selbst zwischen Kindererziehung und Beruf im Alltag schon genug um die Ohren hat. Wer kümmert sich dann noch um Oma?
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Wie so oft im Leben geht es bei der Pflege der Zukunft nicht allein um die Zeit, sondern vor allem ums Geld. Denn die Zeit, die wir für die Pflege benötigen, wird bezahlt werden müssen. Und angesichts der zu erwartenden demographischen Entwicklung ist es höchste Zeit, sich darüber einmal grundsätzlich Gedanken zu machen. Es wird mehr Geld in den Pflegetopf fließen müssen. „Menschenwürde darf nicht von der Kassenlage abhängen“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil gestern auf dem Pflegekongress der Landesregierung. Und deshalb wird es auch keine Lösung sein, vor allem auf eine private Zusatzvorsorge zu setzen. Das würde ausgerechnet Berufsgruppen wie Pflegefachkräfte besonders stark treffen, die aufgrund ihrer Bezahlung häufig keinen Euro für eine weitere Zusatzversicherung übrig haben.
Wir werden also frühzeitig – und das bedeutet: jetzt – über Modelle der Finanzierung nachdenken müssen. Das von Sozialministerin Cornelia Rundt vorgeschlagene Pflegegeld kann dabei eine von mehreren sinnvollen Lösungen sein. Das Pflegegeld hätte den Charme, dass es auch eine Anerkennung für die Leistung von Angehörigen symbolisieren würde. Denn während Mama und Papa, die sich Elternzeit für den Nachwuchs nehmen, zumeist ein anerkennendes Kopfnicken ernten, ist das bei der Pflege der Eltern oder Großeltern eher selten der Fall. „Einer muss es ja machen“, ist viel zu oft die landläufige Meinung.
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Aber auch abseits der Frage der Finanzierung wird dem Pflegeberuf in Zukunft ein größeres Gewicht zukommen. Neben höheren Gehältern, die sich aufgrund des Wettbewerbs um Arbeitskräfte in einem wachsenden Markt ohnehin durchsetzen werden, sollte auch die Arbeit der Pflegekräfte erleichtert werden. Wenn bei der Arbeit mehr als ein Zehntel der Zeit für Papierkram, dann fehlt diese Zeit für die Pflegebedürftigen. Und es wäre bestimmt auch nicht falsch, die Anzahl und den Sinn von Vorschriften zu überprüfen, die sowohl den Bau als auch den Betrieb eines Pflegeheims erschweren. Wir haben in Deutschland zwar oft zu wenig Zeit, aber nie zu wenig Vorschriften.
Bleibt die Frage nach den Innovationen. Niemand weiß, wann der Pflegeroboter in deutschen Pflegeheimen den Fachkräften im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greift. Zu befürchten ist, dass die Fortschrittsangst der Deutschen gepaart mit neuen Regularien der Politik solche Lösungen behindert - auf EU-Ebene ist zum Beispiel schon von einem „Robotergesetz“ die Rede. Angesichts der Tatsache, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum 2050 verdoppeln wird, stellt sich allerdings eine entscheidende Frage: Können wir uns das leisten?
Mail an den Autor dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #86.