PRO: Es ist richtig: Wir brauchen mehr Wohnraum, vor allem in den Städten, in die besonders viele Menschen ziehen wollen. Der Wohnungsbau ist in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr vernachlässigt worden. Aber wir dürfen auch nichts überstürzen und die Städte nicht überfrachten, meint Klaus Wallbaum.
Die Grundsatzfrage stellt sich oft immer dann, wenn es sehr konkret wird. Zum Beispiel in Hannover-Limmer. Dort sind noch alte Gebäude, die einst von der Traditionsfirma Continental genutzt wurden – ehemalige Fabrikhallen und ein typischer Turm, aus der Ferne nett anzusehen. Das alte Hannover, verbunden mit der geschichtsreichen Marke, kommt hier zum Vorschein. Auf der Fläche sollen viele neue Wohnungen entstehen, es gibt wie so oft im Detail noch Streit um die Genehmigungen. Früher oder später muss dann noch ein besonderer Konflikt entschieden werden: Soll der große Turm der Conti stehen bleiben, sozusagen als Industriedenkmal? Soll das Fabrikgebäude daneben auch bleiben – selbst wenn es, wie es bisher aussieht, kurzfristig gar nicht nutzbar wäre? Einige Teile der alten Anlagen sind nicht denkmalgeschützt, vor wenigen Tagen begann der Abriss. Spontan demonstrierte eine kleine Gruppe von Denkmalfreunden dagegen. Waren das unrealistische Phantasten und Ewiggestrige? Nein, sicher nicht. [gallery columns="6" link="file" ids="36798,36803,36802,36801,36800,36799,36796,36797,36794,36795,36793,36792,36791"] Es melden sich viele Leute und sagen: Wer will schon direkt neben einem hässlichen, Schatten werfenden Turm und alten, wenig nutzbaren Ruinen sein neues Haus für viel Geld errichten wollen? Das wäre dann die Argumentation des maximalen Profits, und solche Argumente lassen sich derzeit gut hören. Schließlich sind die Baupreise hoch, die Nachfrage nach Wohnraum ist es auch – ebenso die Nachfrage nach Wohnraum in exklusiven Lagen. Muss daraus dann nicht folgen, dass diejenigen, die viel Geld zu zahlen bereit sind, auch die Bedingungen wenigstens mitbestimmen können? Konkret ausgedrückt: Sollte der alte Conti-Turm fallen, wenn es anders nicht gelingen sollte, hohe Summen aus dem Verkauf der Grundstücke zu erzielen? Nein, das sollte nicht die Leitschnur sein. Der Druck, neue Wohnungen zu bauen, mag noch so groß sein – dies darf nie als Vorwand dafür dienen, bei der Gestaltung zu viele Kompromisse zu machen. Die Gefahr besteht, dass wichtige Leitlinien bei der Stadtarchitektur wieder außer Acht gelassen werden, nur weil der wirtschaftliche Druck immer größer und durchschlagender wird. Das wäre nun nicht das erste Mal in Hannover. Hat man nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Leichtfertigkeit, sondern sogar aus Überzeugung viele historische und charakteristische Gebäude in der Landeshauptstadt geopfert, weil die „autogerechte Stadt“ das Idealbild war?
Der Druck, neue Wohnungen zu bauen, mag noch so groß sein – dies darf nie als Vorwand dafür dienen, bei der Gestaltung zu viele Kompromisse zu machen.
In den Jahrzehnten danach ist das als schmerzliche Fehlentscheidung aufgenommen worden. Aber dass daraus dann eine Liebe zum Detail, ein Gespür für die passende Präsentation der neuen Gebäude geworden wäre, lässt sich nun auch nicht sagen. Es gibt architektonische Highlights in Hannover, etwa das gläserne Nord/LB-Gebäude. Aber es gibt auch höchst umstrittene, in keiner Weise irgendwie besondere Bauten. Der dunkle Anbau des Sprengel-Museums teilt noch die Geister, man kann sich an ihn als zwar klotzige, aber doch charakteristische Spezialität gewöhnen. Die Ernst-August-Galerie neben dem Hauptbahnhof ist hingegen unbestritten auswechselbar. Sie steht in Hannover, könnte auch in jeder anderen mittleren oder größeren Stadt errichtet werden. Niemand würde das Haus mit Hannover verbinden, wenn da nicht der Name Ernst August wäre.
Es gibt aktuell drei Versäumnisse, die mit der Stadtplanung einhergehen. Das sind drei Probleme, die oft nicht erkannt, ausgeblendet oder heruntergeredet werden.
Erstens achten die Planer nicht genug darauf, wie sich Neubaupläne in das Gefüge der vorhandenen Siedlungen, in die stadtgeschichtlichen Ursprünge und Bezüge einpasst. Zur Architektur gehört, auch etwas Neues zu wagen – aber dieses Neue sollte dann originell sein und sich in den Ort einfügen. Daneben sollte das Neue auch Anklänge an das alte haben, auch das Gewesene. Mehr Liebe zum Detail ist nötig. Ein Beispiel: Die hannoversche Markthalle ist heute ein trister Zweckbau. Warum entsteht keine Initiative, daraus etwas viel Ansprechenderes zu machen? Warum entsteht keine Initiative zur Beseitigung der Hässlichkeit in Hannovers Städtebau? Es ist höchste Zeit.
Zweitens droht eine zu starke Verdichtung. Wenn jeder freie Platz in der Innenstadt mit hohen Wohngebäuden zugebaut wird, weil wir ja gerade dort Bedarf an neuen Wohnungen haben, dann geht der nötige Kompromiss zwischen Gebäuden, Freiflächen, Parkanlagen und ausreichenden Abständen zwischen Bauten verloren. Auch hier wird dann die Stadtgestaltung dem Diktat der Suche nach neuem Wohnraum untergeordnet. Am Ende werden die Städte unansehnlich, noch enger, noch hektischer, noch verstopfter und noch unübersichtlicher.
Drittens wird viel zu wenig darüber diskutiert, ob wir verlorene Schätze wieder errichten sollten – in Hannover etwa die alte Wasserkunst am Landtag, das nahegelegene Friedriekenschlösschen, die Tränenburg in Hannover-Döhren oder andere Gebäude. Nun wäre es falsch, all das wieder hinzustellen, was früher einmal war. Aber hin und wieder könnte dies schon geschehen, womöglich gar in Kombination von alter und neuer Ansicht. Die Stadt Leipzig, die auf ihrem zentralen Platz mit einem Neubau an die dort von Walter Ulbricht entfernte Universitätskirche erinnert, gibt ein gutes Beispiel. In Hannover aber, auch in anderen niedersächsischen Städten, wird diese Frage überhaupt nicht mehr diskutiert. Das ist schade.
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CONTRA: Macht kaputt, was Euch (und den Wohnungsmarkt) kaputt macht: Gegen falsche Industrieromantik hilft nur die Abrissbirne. Man muss auch nicht so tun, als ob jedes alte Gebäude zum Weltkulturerbe gehört – also weg damit, meint Martin Brüning.
Das ehemalige Gelände des Autozulieferers Continental im hannoverschen Stadtteil Limmer ist nicht nur für Vandalen ein beliebter Treffpunkt, die in den ehemaligen Fabrikgebäuden mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist und so für ein Bild der Verwüstung sorgen. Das Motiv der Industrieromantik zieht auch immer wieder Hobbyfotografen an. Das Gelände im Westen Hannovers hat seinen eigenen Charme und erinnert an längst vergangene Zeiten. Die Hallen sind inzwischen zu einem ernsten Streitpunkt zwischen Investor Günther Papenburg, der Stadt Hannover und Anwohnern geworden. Denn abseits jeglicher Industrieromantik sind sie einem Gutachten zufolge vor allem eines: hochgradig verseucht. Sie sind mit Nitrosaminen kontaminiert, ein Stoff, der bei der Gummiproduktion entsteht und krebsgefährdend ist. Lange wurde geprüft, was man mit den alten Produktionshallen trotzdem noch anfangen könnte. Aber wohnen kann darin niemand mehr, und als Parkhaus kommen die Gebäude nicht in Frage. Dennoch wünschen sich viele, dass die Hallen nicht abgerissen werden. Aber ein realistischer Plan, was mit verseuchten Gebäuden anzufangen ist, ist weit und breit nicht zu sehen. Auf dem 23 Hektar großen Gelände sollen eigentlich rund 1800 Wohnungen und Reihenhäuser entstehen. Aber wer wird eine halbe Million Euro für ein Stadthaus ausgeben wollen, das auf der einen Seite im Schatten einer alten kontaminierten und beschmierten Industriehalle und auf der anderen Seite unter einem 50 Meter hohen alten Wasserturm steht? Der alte Conti-Turm soll auch stehen bleiben. Das sogenannte Wahrzeichen wurde sogar für eine Million Euro saniert. Wobei an dieser Stelle durchaus die Frage erlaubt sein darf, ob die Million für angemessene Schultoiletten in der Landeshauptstadt nicht die sinnvollere Investition gewesen wäre.
Lassen wir uns von der Vergangenheit dominieren oder leben wir mutig in die Zukunft gerichtet? Nicht jedes Gebäude, an das man sich erinnert, ist auch erinnerungswürdig.
In Diskussionen um den Erhalt alter Bauwerke wird es häufig schnell sehr grundsätzlich. Gegner der Abrissbirne erwecken dabei den Anschein, dass jedes ältere Gebäude schon zum Weltkulturerbe gehört und das jeder Abriss gleich das gesamte Stadtbild zu verändern droht. Die Macht der Verhinderer führt in Städten wie Hannover nicht immer zu einem guten Ende. Statt einem neuen, transparenten Gebäude aus Glas tagt der Landtag immer noch im alten Klotzkasten Oesterlens der frühen 60er Jahre, weil sich eine kleine interessierte Gruppe, zumeist ältere und solvente Zeitungsabonnenten aus den bürgerlichen Stadtteilen, damals lautstark gegen den Abriss wehrte. Am Ende zahlte der Steuerzahler so viel wie für einen Neubau, und Hannover darf sich jetzt wundern, dass zwischen der müffeligen 50er-Jahre Markthalle, für die die Bezeichnung „retro“ wohl eher ein Euphemismus wäre, und dem Landtagsklotz immer noch keine Menschen flanieren wollen. Warum sollten sie auch?
Gerne werden in Abriss-Debatte die üblichen Feindbilder bemüht. Da geht es dann um raffgierige Investoren, die mitsamt der alten Gebäude unsere gesamte Erinnerungskultur abreißen wollen. Allerdings geht es im Grundsatz überhaupt nicht ums Geld, sondern um die Frage, wie wir leben wollen. Lassen wir uns von der Vergangenheit dominieren oder leben wir mutig in die Zukunft gerichtet? Nicht jedes Gebäude, an das man sich erinnert, ist auch erinnerungswürdig. Und eine alternde Gesellschaft muss darauf achten, den Fokus nicht zur stark auf das Gestern zu legen. Es muss auch Platz für Neues sein. Für das Berliner Hansaviertel, in den 50er Jahren Vorbild für moderne Stadtplanung, wurden damals zahlreiche Häuser abgerissen. Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass sich Stadt und Architekten für ein Großprojekt in dieser Art und Weise einsetzen. Die kleinsten Widerstände werden heute bereits zu großen Hürden.
https://www.youtube.com/watch?v=UwE8dlRnsio
Aber: Der kleinste gemeinsame Nenner baut keine Wohnungen. Die Verhinderer von gestern sind das Problem der Wohnungssuchenden von heute. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass der Bau neuer Wohnungen vielfach stockt und sich der Wohnungsmarkt in den Städten katastrophal entwickelt hat. Die Stadtbewohner auf Wohnungssuche sollten sich deshalb den Titel eines Ton Steine Scherben-Songs auf die Protestfahnen schreiben: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Am besten fängt man mit den verseuchten Hallen und dem unnützen Turm auf dem ehemaligen Conti-Gelände in Hannover an.
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