3. Mai 2022
Wirtschaft

Niedersachsens Hafenwirtschaft dringt auf Investitionen in die Infrastruktur

Der Hafen von Emden ist der große Jobmotor der Region. | Foto: Link

Morgens halb zehn im Emder Außenhafen: Im Fährhaus warten die Urlauber auf die Überfahrt nach Borkum. Im Autoport rollt ein Volkswagen nach dem anderen auf die „City of St. Petersburg“, um nach Übersee verschifft zu werden. Und am Ems-Pier versammeln sich fast 300 Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft für den 30. Niedersächsischen Hafentag an Bord der LNG-Fähre MS Münsterland. Die Stimmung ist gut, denn trotz aller Krisen ist klar: die Häfen sind so wichtig wie nie. „Die niedersächsischen Seehäfen untermauern erneut ihre Systemrelevanz für die deutsche Wirtschaft und spielen dabei eine zentrale Rolle für die Energieversorgung Deutschlands“, sagt ein selbstbewusster Seaports-Chef André Heim.

Rund 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung haben am Hafentag auf der MS Münsterland teilgenommen. | Foto: Link

Der Ausstieg aus dem russischen Erdgas sei ohne die Hafenstandorte an der Nordsee nicht umsetzbar. Über Wilhelmshaven und Stade soll Flüssiggas importiert werden, Wasserstoff über Wilhelmshaven und Cuxhaven. Als Stützpunkt für die Offshore-Windenergie seien die Seehäfen ebenso unverzichtbar – insbesondere Emden, Nordenham und Cuxhaven. „Wir sind bereit für die Energiewende und diese geht nur über unsere Häfen“, sagt Heim.

Die MS Münsterland ist eine von nur drei LNG-Fähren der EMS AG. | Foto: Link

Nur wenige Wolken trüben den blauen Himmel über der Nordsee. „Vereinzelt beschäftigen unsere Häfen immer noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie“, berichtet der Seaports-Geschäftsführer. Die Warenströme haben sich aber wieder erholt. Die neun Standorte der Hafengruppe sind fast schon wieder auf dem Niveau von 2019. Das Eurogate-Containerterminal Wilhelmshaven profitierte 2021 sogar von Covid-19 und steigerte den Warenumschlag um 68,5 Prozent auf 712.953 Standardcontainer (TEU).

„Insbesondere der deutliche Anstieg von ungeplanten Schiffsanläufen und die pandemiebedingten temporären Verlagerungen von Diensten aus anderen Häfen in Nordeuropa haben zu diesem Ergebnis beigetragen“, erläutert Heim. Auf Weltniveau spielt der Jade-Weser-Port damit freilich noch nicht. In Hamburg werden zwölfmal mehr Container umgeschlagen und auch der Gesamtumschlag in der Hansestadt ist mit 128,7 Millionen Tonnen mehr als doppelt so groß wie in allen niedersächsischen Seehäfen zusammen (51,4 Millionen Tonnen).

André Heim ist seit Juni 2020 der Geschäftsführer der Seaports of Niedersachsen. | Foto: Link

400.000 Jobs hängen an den Häfen

Um im weltweiten Export-Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, brauchen Niedersachsens Häfen vor allem eine gute Hinterlandanbindung, sagt Wirtschaftsminister Bernd Althusmann. „Wir müssen beim Ausbau der Infrastruktur schneller werden“, betont der CDU-Politiker und mahnt: „Wenn es uns nicht gelingt, in den nächsten Jahren dafür die Weichen zu stellen, werden wir an Wirtschaftskraft verlieren.“ Die Wertschöpfung durch die niedersächsische Hafenwirtschaft beziffert Althusmann auf rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Rund 400.000 Jobs würden von den Häfen abhängen, 45.000 Menschen seien dort direkt beschäftigt.

„Ohne leistungsfähige Häfen werden wir die Wirtschaftskraft unseres Landes nicht erhalten können“, mahnt Wirtschaftsminister Bernd Althusmann beim Hafentag in Emden. | Foto: Link

Trotz aller Entwicklungschancen für das „Hafenland Niedersachsen“ schlägt der Minister ernste Töne an. „Wie verletzlich die Hafenwirtschaft ist, haben wir schon vor Corona und dem Ukraine-Krieg erleben müssen“, sagt er und warnt vor den enormen wirtschaftlichen Folgen im Fall eines Importstopps für russisches Erdgas. „Unser Ziel ist sehr klar: Wir müssen die Gasversorgung in diesem Land auch für den Mittelstand sichern.“ Morgen früh will Althusmann zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Energieminister Olaf Lies (SPD) den Rammschlag für den Bau eines schwimmenden LNG-Terminals setzen.

„Das reicht aber noch nicht aus, um die Versorgungslücke zu schließen. Wir brauchen auch Stade“, sagt Althusmann und kündigt an: „Die nächste Landesregierung wird jeweils 200 Millionen Euro in beide Standorte investieren müssen. Bei endlichen Haushaltsmitteln brauchen wir dabei die Unterstützung des Bundes.“ Der niedersächsische Wirtschaftsminister sagt sehr deutlich: „Wir können nicht die ganze Last der Bundesrepublik Deutschland stemmen.“ Umweltminister Olaf Lies (SPD) sieht das ähnlich. Flüssiggas ist für Althusmann aber nur eine Brückentechnologie, mittelfristig soll über die LNG-Terminals grüner Wasserstoff importiert werden. Zudem betont er: „Wir brauchen die Kapazität eines Megahubs für Offshore-Windenergie in Cuxhaven.“

Im Industriehafen von Emden befinden sich die Nordseewerke. Die traditionsreiche Werft gehörte zwischenzeitlich zu ThyssenKrupp, inzwischen ist sie im Besitz eines norwegischen Konzerns. | Foto: Link

Seehafen Emden am Scheideweg

Nach elf Jahren ist der Hafentag endlich wieder nach Emden zurückgekehrt. „Hier im Hafen liegt die Seele unserer Stadt“, sagt der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff. Der westlichste deutsche Universalhafen sei nicht nur Wirtschaftsstandort und Tourismusdestination, sondern auch ein Jobmotor für die gesamte Region. „Und das Allerbeste ist: Wir bieten viel Platz für Neuansiedlungen“, wirbt der parteilose Hauptverwaltungsbeamte für den Rysumer Nacken östlich von Emden, wo 476 Hektar unbebautes Entwicklungsgebiet auf Investoren warten.

„Es besteht Handlungsbedarf. Die maritime Wirtschaft will ihre Chance, zu wachsen und bestehende Arbeitsplätze zu sichern, voll ausspielen. Wenn wir in Emden nicht investieren, bleiben wir nicht vor der Welle“, sagt Kruithoff und mag die große „Klippe“ für den Emder Hafen schon gar nicht mehr ansprechen: Seit 2008 läuft das Planungsverfahren für die Vertiefung der Außenems und kommt zu keinem Ergebnis. „Die Fahrrinnenanpassung ist zwingend notwendig, um am Standort Emden weiterhin wettbewerbsfähig zu sein“, bestätigt auch Seaports-Chef Heim.

Von Emden aus werden jährlich rund eine Million Neuwagen in alle Welt verschifft. Fast alle Marken des VW-Konzerns sind dabei. | Foto: Link

Rund eine Million Neufahrzeuge werden jährlich über die Außenems in Emden umgeschlagen. Die 50.000-Einwohner-Stadt ist das drittgrößte Auto-Drehkreuz in Europa. Nahezu alle Marken des Volkswagen-Konzerns werden von hier aus in alle Welt verschifft oder aus Südeuropa und Südamerika importiert. Rund 850 Schiffe und 35.000 Lastwagen kommen dazu laut VW jedes Jahr an die Emsmündung und der Autobauer will sein Engagement in Emden weiter ausbauen. VW investiert nach eigenen Angaben eine Milliarde Euro in den Standort Emden, der mit seinen 8000 Beschäftigten zum Leuchtturmprojekt für die Elektromobilität der Zukunft werden soll.

„Während die neuen Hallen auf dem Areal des Emder Volkswagen-Werkes zum größten Teil fertig sind, wird auch außerhalb des Werksgeländes weiter kräftig in die Fertigung der neuen Generation von Elektro-Modellen investiert“, berichtet Heim. Südlich der Fabrik entstehe gerade eine 15.000 Quadratmeter große Industrie- und Logistikhalle. „Wir sind gerade vor dem Hochlaufen der Elektromobilität. Jetzt ist die Zeit, um in den Hafen zu investieren“, betont Kruithoff und wünscht sich auch eine bessere Verkehrsanbindung des Seehafens.

Am Autoport in Emden stehen tausende Volkswagen-Fahrzeuge bereit, um nach Übersee verschifft zu werden. | Foto: Link

Schienenverkehr spielt zentrale Rolle

„Das Thema Schiene ist auch für die Häfen von immenser Bedeutung. Wir sitzen bei dem einen oder anderen Thema in seinem Boot“, sagt Frank Erschkat von DB Cargo. Laut dem Vertriebschef für kombinierten Verkehr transportiert DB Cargo jährlich etwa 310.000 Neufahrzeuge nach Emden, 90.000 weitere nach Cuxhaven. „Wir glaube, dass die Nachhaltigkeit des Schienenverkehrs dazu führen wird, dass da noch mehr transportiert wird“, sagt Erschkat.

Schon jetzt spare DB Cargo etwa 7 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ein, bis 2030 sollen es 10 Millionen Tonnen werden. Dazu müsste aber auch die Schieneninfrastruktur ausgebaut werden, betont der Bahn-Manager. Anders wird der Konzern seine Umweltziele auch kaum erreichen können. Laut Volkswagen hat die Verlagerung des Lieferverkehrs von der Straße hin zur Schiene am Standort Emden etwa 5000 Tonnen CO2 eingespart. Dabei seien 102 Lastwagen durch drei Güterzüge ersetzt worden.

Frank Erschkat von DB Cargo erläutert beim Hafentag die Bedeutung der Schiene für die maritime Wirtschaft. | Foto: Link

Erschkat ist auch Chef der Bahntochter TFG Transfracht, die den Containertransport unter anderem zum Jade-Weser-Port über die Drehscheibe Maschen organisiert. „Wir haben für das nächste Jahr noch mehr Zugleistung bestellt und werden unseren Zugverkehr in Richtung Wilhelmshaven weiter ausbauen“, verspricht er. Auch die Seehäfen Brake und Nordenham sollen noch mehr über die Schiene beliefert werden. Die Bahntochter blickt überhaupt rosigen Zeiten entgegen. Erschkat: „Das ganze Thema LNG und Wasserstofflogistik wird auch für uns Wachstumschancen bieten.“

Der Bahnhof am Emder Außenhafen ist nicht nur für Touristen auf dem Weg nach Borkum interessant. Hier rollen auch die Güterzüge auf dem Weg zum Autoport vorbei. | Foto: Link

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Dieser Artikel erschien am 4.5.2022 in Ausgabe #083.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link