9. Jan. 2020
Wirtschaft

Nord/LB-Chefvolkswirt: Wir müssen über ein Ende der „schwarzen Null“ diskutieren

Die niedersächsische Wirtschaft hat sich im vergangenen Jahr stabiler gezeigt als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Das ist das Ergebnis einer jüngsten Analyse der Volkswirtschaftler von der Norddeutschen Landesbank. Zwar habe sich der Einbruch bei den Aufträgen an die Industrie auch hierzulande bemerkbar gemacht – vor allem in der zweiten Jahreshälfte, bedingt vor allem durch weniger Bestellungen von Maschinen oder Fahrzeugen aus dem Ausland. Aber der Umsatz in der Industrie sei 2019 trotz der bescheidenen Auftragslage in Niedersachsen sogar leicht gesteigert worden, um 1,8 Prozent. Eberhard Brezski, der zum Team der Nord/LB-Volkswirtschaftler gehört, führt diesen Trend darauf zurück, dass die Firmen ihre Geschwindigkeit erhöht hätten – sie hätten bis dahin eingegangene Aufträge schneller abgearbeitet. „Niedersachsen ragt damit bundesweit positiv heraus“, meint Brezski. Sein Chefvolkswirt Christian Lips unterstützte ausdrücklich die gemeinsame Initiative von unternehmer- und gewerkschaftsnahen Instituten für eine Ausweitung der öffentlichen Investitionen. „Wir müssen wieder groß denken in Deutschland“, sagte Lips, denn der Nachholbedarf bei Digitalisierung, Klimawandel und den Folgen der Alterung sei so enorm, dass der Staat eine aktivere Rolle übernehmen müsse. Die bisherigen Bestimmungen der Schuldenbremse im Grundgesetz, die ja auch einen Konjunkturfaktor enthalten, stelle er nicht in Frage – „wohl aber die Politik der schwarzen Null“, also des generellen Verzichts auf Nettokreditaufnahme. Sogar Unternehmen meinten heute, dass mehr staatliches Engagement nötig sei, beispielsweise zum Zweck einer besseren Rüstung der Infrastruktur für die kommenden Aufgaben der Digitalisierung.

Wir haben noch keinen Aufschwung, die Ampel bleibt auf Gelb oder Rot – aber die Talsohle scheint durchschritten.


Was die niedersächsische Wirtschaft angeht, nennt Brezski den Maschinenbau und die Fahrzeugindustrie als problematische Bereiche, außerdem das metallerzeugende und -verarbeitende Gewerbe. Hier bestehe auch im neuen Jahr weiter Skepsis, zumal diese Branche stark vom Export abhängig ist. Die Bauwirtschaft dagegen floriere weiter. Wichtigste Partner der niedersächsischen Industriebetriebe seien Italien, Spanien, Österreich und Tschechien, aber auch Großbritannien und die USA. Der Handel mit China sei 2019 stark eingebrochen, um 20 Prozent, der mit den Niederlanden um 1,8 Prozent. Am Wohnungsbau lasse die Dynamik zuweilen nach, hier werde allmählich der Fachkräftemangel spürbarer. In der Automobilwirtschaft würden sich „zunehmend strukturelle Effekte bemerkbar machen“ – also die Digitalisierung und die Umstellung der Antriebstechnik mit ihren Folgen. Für Niedersachsen rechnet Brezski mit einem Zuwachs des realen Bruttoinlandsproduktes um 1,2 Prozent in diesem Jahr – also leicht über dem Bundesschnitt.
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Die Nord/LB-Experten messen ihre Prognose an aktuellen Wirtschaftsdaten, die sie mit weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen abgleichen. Vor einem Jahr, als die Erwartungen für 2019 präsentiert wurden, sei man „zu optimistisch gewesen“, räumte Lips offen ein. Die Zuspitzung der Handelskonflikte und die restriktivere Geldpolitik der USA habe man nicht vorhergesehen. Inzwischen herrsche an den Aktienmärkten „fast schon wieder Euphorie“, und die Vorausschau für 2020 sei verhalten optimistisch: „Wir haben noch keinen Aufschwung, die Ampel bleibt auf Gelb oder Rot – aber die Talsohle scheint durchschritten“, sagte Lips. Problematisch blieben die Industrie, vor allem der Fahrzeugbau. Es müsse gelingen, negative Faktoren mit positiven in anderen Bereichen – Bauwirtschaft oder Dienstleistungen – auszugleichen. International blieben die Probleme: „Man wird sehr schnell merken, dass der Brexit eine haarige Angelegenheit ist.“ Christoph Dieng, Risiko-Vorstand bei der Nord/LB, sieht zwar für 2020 weltpolitisch viele Krisen, aber „die Unternehmen sind darauf inzwischen vorbereitet“. Das gelte auch für die unberechenbare Politik von US-Präsident Donald Trump, der „den Geist des aggressiven Protektionismus aus der Flasche gelassen“ habe und nun sehe, wie schwer er wieder einzufangen sei. Gleichwohl fürchte man nicht, die US-Politik von Strafzöllen werde die deutsche Wirtschaft noch stärker einengen, denn im Wahlkampfjahr wolle Trump keine Nachteile für seine Wähler hinnehmen. Sollte es aber weitere Strafzölle geben, werde die EU vermutlich gezielt dagegen angehen – und mit Sanktionen gerade die Wirtschaft in sogenannten Swing-Staaten treffen, die Trump im Herbst bei der Präsidentschaftswahl auf seine Seite ziehen wolle.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #005.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter