
Vor 50 Jahren lief im deutschen Fernsehen eine recht populäre amerikanische Krimiserie, in deren Mittelpunkt zwei agile aufstrebende Herren standen. Die Serie hieß „die Zwei“, war mit Roger Moore und Tony Curtis besetzt und handelte von etlichen verzwickten Kriminalfällen, die diese beiden pragmatisch, zupackend und immer mit einer Prise Humor gewürzt zu lösen hatten. Wie damals in diesen Serien üblich, endete jede Folge mit einem Erfolg der beiden Personen, die schon etwas gegensätzlich waren. Moore war der etwas steife britische Lord, Curtis der vorpreschende amerikanische Geschäftsmann. Beide, so merkten die Zuschauer, verstehen und ergänzen sich prächtig. Sie sind ein richtig gutes Team.
Wenn man Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (41) von den Grünen und den Regionspräsidenten Steffen Krach (43) von der SPD so betrachtet, fallen Parallelen zu den Schauspielern der legendären Serie auf. Onay passt zu Roger Moore, Krach zu Tony Curtis. Die Rundblick-Redakteure Christian Wilhelm Link und Audrey-Lynn Struck haben die beiden Politiker ein Jahr lang begleitet und sie regelmäßig zu Interviews getroffen, mehr als 20 dieser Gespräche wurden per Podcast geführt. Meistens wechselten sich OB und Regionspräsident ab, oft aber traten sie gemeinsam auf – und wirkten dabei stets harmonisch. Sie mussten nicht sagen „Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, denn auch ohne diese Worte war ihr gutes Einvernehmen spürbar. Jetzt, gerade mal drei Wochen nach Bildung einer rot-grünen Landesregierung und noch dazu in der adventlichen Stimmung, gehen sie besonders freundlich und pfleglich miteinander um. Deshalb, weil alles gut läuft? Oder demonstrieren Krach und Onay ihre Verbundenheit auch, um das rot-grüne Wir-Gefühl gerade in der Landeshauptstadt zu stärken – zumal bekannt ist, wie stark die SPD bei der OB-Wahl 2019 vom Machtverlust im Rathaus von Hannover getroffen wurde und wohl noch immer darunter leidet?
Schon von ihrer Rolle her und vom Lebensalter können diese beiden als Politiker gelten, für die das hohe kommunale Amt nicht die letzte Station sein muss. Gegenwärtig gilt: Der OB von Hannover führt die mit großem Abstand bevölkerungsstärkste Stadt in Niedersachsen an, das schafft von Natur aus viel Einfluss. Und der Regionspräsident lenkt eine Kreisverwaltung, die im Vergleich der Landkreise mit weitem Vorsprung auf Rang eins liegt. Was kommunale Funktionen angeht, haben beide schon ihre höchstmögliche Stufe erklommen. Onay und Krach wissen um diese Position, sie kennen auch den Neid all der anderen im Land, die immer meinen, Hannover werde doch vom Land sowieso immer bevorzugt. Forderungen aus Hannover an das Land? Rufe nach einer Stärkung Hannovers? Beide verkneifen sich das – wissen sie doch, schon mit einem kleinen Räuspern vermutlich mehr Widerstände wecken als Unterstützung gewinnen zu können. So bleibt es bei vorsichtigen Andeutungen, wenn Krach etwa meint, der Neubau der MHH müsse „deutlich mehr Tempo bekommen“ und die Straßenbahnanbindung dort müsse bitteschön auch vom Land getragen werden. Hier war die alte Landesregierung auf dem Standpunkt, dass die Verkehrsanbindung Sache der kommunalen Verkehrsträger sein solle. Aber da hießen die Verantwortlichen noch Althusmann und Hilbers, nicht Lies und Heere.

Was macht nun das Profil der Onay/Krach-Politik aus? In mehreren Feldern spürt man auffällige Akzentsetzungen:
Bahnen und Autos: Krach und Onay betonen, sie wollten beide den Autoverkehr in der Landeshauptstadt und auch in der Region zurückdrängen. Das Angebot an Bahnen und Bussen soll verbessert werden. Bisher sind die Bahnen auf das Zentrum sternförmig ausgerichtet, alles führt über Hannover-City. In Zukunft soll ein Ringverkehr gestärkt werden – rund um Hannovers Grenzen herum und auch zwischen den umliegenden Städten und Gemeinden im Umland. Die Angebote für Radfahrer sollen auch verbessert werden.
„Tempo-Begrenzungen sind ein großer Beitrag für den Klimaschutz, der nicht viel kostet. Ich wundere mich, warum das nicht schon längst geschehen ist.“
Tempo-30-Zonen: Auch hier sind sich beide Politiker einig – es soll künftig mehr Tempo-30-Zonen geben. Krach betont, dass der frühere Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) hier nicht zugehört habe und abweisend gewesen sei. Sein Nachfolger Olaf Lies (SPD) trete ganz anders auf. Onay sagt, Hannover poche im Konzert mit anderen Städten darauf, dass im Bundesrecht die Kommunen die Chance erhalten sollen, eigenständig neue Tempo-30-Zonen festzulegen. Krach ergänzt: Die Autobahnen, die durch das Gebiet der Region verlaufen, sollten auf diesen Abschnitten dann auch das Höchsttempo 130 haben. „Das ist ein großer Beitrag für den Klimaschutz, der nicht viel kostet. Ich wundere mich, warum das nicht schon längst geschehen ist.“
Symbolthema Südschnellweg: Nach alten Plänen soll die abgängige Bundesstraßenbrücke des Südschnellwegs an der Kreuzung der Hildesheimer Straße erneuert werden. Der Planfeststellungsbeschluss liegt vor. Nun sagen Onay und Krach, unterstützt von Lies, dass man in Gesprächen mit dem Bundesverkehrsminister prüfen solle, ob die Fahrbahnspuren nicht schmaler ausfallen können und ob es bessere Fahrradwege geben kann. In kleinerer Version müssten für das Projekt auch nicht so viele Bäume gefällt werden. Lies hat die Baumfällungen schon vorläufig gestoppt. Für Onay und Krach ist das ein Symbol für einen Abkehr von der Auto-orientierten Verkehrspolitik, außerdem ein Friedenssignal an die wachsende Protestszene der örtlichen Umweltschützer.
Moderne Energieversorgung: Onay ist stolz auf frühzeitige Konzepte der Stadtwerke Enercity zur Abkehr von fossilen Brennstoffen (am Beispiel des Kohlekraftwerks Stöcken), eine Solardach-Offensive auf öffentlichen Bauten ist in Vorbereitung. Krach erwähnt die massiven Bemühungen, mehr Gebiete für neue Windkraftanlagen vorzusehen.
„Die Landeshauptstadt ist sehr interessiert an einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung in der Region.“
Reform der Kliniklandschaft: In vielen Landkreisen wird erbittert über die Schließung oder den Neubau von Krankenhäusern gestritten. Im Ballungsraum Region Hannover gibt es etwa 17 Kliniken, davon zehn Häuser des regionseigenen Klinikums. 3000 Betten hat das Klinikum der Region, viele sind nicht belegt. Das jährliche Defizit liegt bei mehr als 30 Millionen Euro. Krach sagt: „Es gibt keine Denkverbote bei Standortschließungen.“ Immer wieder ist von Lehrte die Rede, womöglich noch von anderen kleineren Häusern. Klar ist aber auch, dass die Debatten darüber heftig werden dürften. Onay gibt Krach Rückendeckung: „Die Landeshauptstadt ist sehr interessiert an einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung in der Region.“
Hochschulförderung: Krach würde sich wünschen, dass die Leibniz-Uni in Hannover die Chance erhält, in der nächsten Runde eine Exzellenz-Universität zu werden und damit besondere Bundesförderungen zu erhalten. Verdient hätte die Uni das allemal, meint auch Onay. Beide blicken in diesem Zusammenhang erwartungsvoll auf die Landesregierung. Von deren Unterstützung einer Bewerbung hängt am Ende die Erfolgsaussicht eines solchen Ansinnens ab.
In der Serie „Die Zwei“ hatte jeder der beiden Hauptdarsteller einen schnittigen Sportwagen, in dem er eilig von Termin zu Termin eilte. Das unterstrich ihr dynamisches Profil. Ein Sportwagen wäre angesichts der stark verkehrspolitischen Ausrichtung der Krach/Onay-Politik wohl eher unpassend. Das Fortbewegungsmittel könnte bei ihnen wohl eher ein Lastenfahrrad sein – oder doch eher ein Rennrad.


