21. Okt. 2021
Wirtschaft

Papier fehlt: Erste Zeitungen beginnen bereits, ihre Umfänge zu verringern

Wenn die Zeitungen in diesen Tagen dünner werden, hat das nur bedingt mit Nachrichtenarmut oder vermindertem Anzeigenaufkommen zu tun. Der wesentliche Grund dürfte der Papiermangel sein, der sich derzeit in den Zeitungsdruckereien bemerkbar macht. Der NDR berichtete, die „Böhme-Zeitung“ im Heidekreis habe ihren Umfang verringert, der Sportteil habe nur noch drei statt bisher fünf Seiten.

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Und die Lüneburger Landeszeitung habe ihren Lesern schon erklärt, die Nachrichten künftig auf weniger redaktionellem Raum zu komprimieren. Nach Darstellung der Redaktion würden pro Ausgabe 1,2 Tonnen Papier benötigt – und es sei schon vorgekommen, dass eine fest eingeplante Lieferung ausgefallen war. Die Mediengruppe Madsack in Hannover, die einen erheblichen Anteil der niedersächsischen Tageszeitungen herausgibt, lehnte gegenüber dem Politikjournal Rundblick nähere Auskünfte zur aktuellen Situation und zu den Erwartungen ab.

Altpapier-Preise steigen: Kürzen Zeitungen nun ihre Sonder-Beilagen?

Die Gründe für die momentane Krise sind offenbar vielschichtig. Für den Zeitungsdruck wird vor allem auch Altpapier benötigt, der Markt ist aber angespannt, die Chinesen treten stärker als bisher als Nachfrager in Erscheinung. So steige der Preis, was wiederum die Nutzer zum sparsameren Umgang mit dem Stoff zwinge. Beim „Mindener Tageblatt“, so hieß es schon vor Tagen, werde als Konsequenz nun das Fernsehprogramm weggelassen. Spannend wird nun zu beobachten sein, ob die Zeitungen in Niedersachsen etwaige Sonder-Beilagen, die beispielsweise zum 75. Landesgeburtstag am 1. November geplant waren, wegen dieser Umstände kürzen oder knapper ausfallen lassen. Der Sprecher des Verbandes der Papierindustrie berichtete jüngst gegenüber dem Deutschlandfunk über einen „heftigen Kampf“ um das Recyclingpapier. Dies geschehe aber vor dem Hintergrund einer allgemein seit 15 Jahren sinkenden Nachfrage. Dies hänge mit dem Wandel der Medien und Schwinden der gedruckten Auflagen zusammen. Viele Hersteller hätten entsprechend ihre Kapazitäten abgebaut oder Maschinen umgerüstet, weshalb man auf eine kurzfristig gestiegene Nachfrage – wie derzeit – nicht mehr so schnell und flexibel reagieren könne. Das ist nun eine Erklärung für die aktuelle Situation.

Toilettenpapier und Co.: Corona-Krise treibt Nachfrage nach Papier in die Höhe

Eine andere hat – indirekt – mit der Corona-Krise zu tun. Denn der boomende Online-Handel hat als Schattenseite auch die Papp-Flut, für den Versand müssen die Waren oft aufwendiger eingewickelt und eingepackt werden als für den Verkauf in den Einzelhandelsgeschäften. Die Kartonhersteller sind daher eine wachsende Branche – nicht zuletzt auch deshalb, weil Plastik-Verpackungen zunehmend in die Kritik geraten und langfristig ganz verbannt werden sollen. Wo Plastik nicht mehr gefragt ist, braucht man bisher mehr Papier und Pappe – und das auch im Lebensmittel-Einzelhandel. Die erhöhte Nachfrage schlägt sich auch in Produkten nieder, die jedermann benötigt, so etwa Toilettenpapier. Bei Büchern gibt es teilweise Hinweise von Verlagen, dass begehrte Titel womöglich vor Weihnachten nicht mehr rechtzeitig in den Handel gelangen können. Im Deutschlandfunk ließ sich der Sprecher des Verbandes der Papierindustrie mit dem Hinweis zitieren, dass er von einer Entspannung der Lage in den kommenden drei oder vier Monaten ausgehe – wenn die Produktionsengpässe wieder überwunden sein werden. Da sich der langfristige Trend zur Digitalisierung nicht aufhalten lasse, werde auf lange Zeit gesehen die Nachfrage nach Papier eben auch abnehmen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #188.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum