18. Okt. 2017
Kommentar

Pro & Contra: Braucht der ländliche Raum eine besondere Unterstützung?

Man wolle den ländlichen Raum stärken, heißt es immer wieder aus der Landespolitik. Aber braucht er eigentlich eine besondere Unterstützung oder muss sich der Blick nicht  in gleichen Teilen auf Stadt und Land richten? Ein Pro und Contra von Klaus Wallbaum und Martin Brüning. [caption id="attachment_13603" align="aligncenter" width="780"] Immer wieder schön: der ländliche Raum in Niedersachsen - Foto: MB.[/caption] PRO: Das Stadt-Land-Gefälle verstärkt sich – und darauf muss die Politik eine Antwort geben. Das heißt, eine gezielte Politik für den ländlichen Raum ist notwendig. Sie sollte aber nicht in einer Konkurrenz zu den Großstädten begriffen werden, wie es heute oft geschieht, sondern in enger gegenseitiger Abstimmung, meint Klaus Wallbaum. Wie es jedenfalls nicht funktionieren kann mit der vielgepriesenen Förderung des ländlichen Raumes, das zeigt gegenwärtig die Stimmungslage in vielen Fraktionen des niedersächsischen Landtags. In der CDU beispielsweise haben die Vertreter der Dörfer, Klein- und Mittelstädte das Sagen, in den größeren Städten sind die Wahlergebnisse schwach, auch profilierte Politiker aus Hannover, Braunschweig, Osnabrück und Oldenburg gibt es nur wenige. Das an sich wäre nicht so schlimm, wenn man nicht noch eine latente Spannung zwischen beiden Ebenen spüren würde – die „ländlichen“ Politiker schauen zuweilen skeptisch auf die „städtischen“, sie schöpfen ihr Selbstbewusstsein aus der Abgrenzung, fühlen sich als Ur-Niedersachsen (wie die alten Germanen) gegenüber denen in den urbanen Zentren, die hin und wieder als „großstädtisch“ abgetan werden. „Großstädtisch“, das bedeutet dann so viel wie: „fremd“. Mag sein, dass dieser Konflikt manchmal schlimmer aussieht als er ist. Aber vorhanden ist das Problem schon – auch übrigens bei SPD, FDP und Grünen, sogar bei der AfD. In der SPD sind die Großstädter traditionell stärker, gerade Hannover ist die neue Herzkammer der Sozialdemokratie. Hier spürt man hin und wieder eine Überheblichkeit der Leute aus dem Zentrum gegenüber denen in der Peripherie. Und in der jüngsten Grünen-Fraktionssitzung beklagte sich ein Vertreter aus einer größeren Stadt mit kritischem Unterton, dass die Partei in den Städten zwar ihre Hochburg habe, auf der Landesliste aber die ländlichen, für die Grünen schwächeren Regionen überproportional gut vertreten seien. Einen Stadt-Land-Konflikt gibt es also auch hier.
In Hannover  spürt man hin und wieder eine Überheblichkeit der Leute aus dem Zentrum gegenüber denen in der Peripherie.
Nun sind derlei offen ausgetragene Unterschiede gar nicht überraschend, denn tatsächlich verschärft sich das Gefälle zwischen Stadt und Land, auch und gerade in Niedersachsen. Die Großstädte erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit bei den Menschen, die hier hinziehen wollen. Sie haben zuvor Gegenden verlassen, die zu veröden drohen aus zwei Gründen: Erstens ist der Anschluss an die technische Entwicklung, Stichwort Glasfasernetz, längst nicht so komfortabel wie in den Zentren. Zweitens wandern junge Leute ab und ältere bleiben zurück. Dörfer drohen auszusterben, im Harz etwa gibt es dafür anschauliche Beispiele. Dann stellt sich natürlich die Frage, mit wieviel Nachdruck etwa das Breitbandnetz auch in Gebieten angeboten werden muss, wo nur noch wenige Menschen leben. Und ob es da auf Dauer noch den Arzt gibt, die Grundschule, den Supermarkt, die regelmäßig verkehrende Buslinie in die nächstgrößere Stadt. Gehen die letzten noch verbliebenen Unternehmen auch in die nächstgrößere Stadt? Bei vielen Menschen stellt sich dann das Gefühl ein, den Anschluss zu verlieren – an den technischen Fortschritt, an die notwendige tägliche Versorgung, an die Großstadt, in der anscheinend das Leben schneller pulsiert als auf dem Land. Droht auf dem Land eine wachsende Gemeinde an Menschen, die sich „abgehängt“ sehen,  „ausgegrenzt“ und um ihre Perspektiven betrogen? Diese Probleme sind weit tiefgreifender als die der Leute in den Städten mit Wohnungsmangel, von hoher Zuwanderung geprägten Stadtteilen (etwa in Salzgitter) oder großen Schwierigkeiten bei der Integration der Fremden. Wenn eine besondere Förderung der ländlichen Gegenden notwendig ist, so heißt es überhaupt nicht, im großen Stil das in den Städten erwirtschaftete Geld abzuschöpfen und in die verödenden Dörfer zu pumpen. Notwendig ist vielmehr, die Entwicklung in den ländlichen Gegenden genau zu analysieren und fortzuschreiben. Der Mut zu unkonventionellen Plänen ist gefordert. Die Lösung kann auch darin bestehen, die Mittelzentren in einigen Landkreisen zu stärken und manche Dörfer, die wirklich keine Zukunft mehr haben, aufzugeben Man kann dafür auch Umsiedlungsprogramme starten. Derartige, höchst konfliktträchtige Entscheidungen hat die Landespolitik bisher strikt vermieden. Wenn man von Förderung etwa von Süd-Niedersachsen sprach, dann erschöpfte sich das meistens in der Vermittlung von EU-Fördergeldern und einer Verbesserung der Kommunikation zwischen Bürgermeistern und Unternehmen. Die Lage schönzureden oder Probleme auszublenden, hilft aber nicht weiter. Mail an den Autor dieses Kommentars
CONTRA: Die Herausforderungen sind allerorten groß – in der Stadt und auf dem Land. Für Lösungen braucht es ein Denken abseits von Fördertöpfen und Leuchtturmprojekten, meint Martin Brüning. Der ländliche Raum, das klingt nach unendlichen Weiten, vielen Feldern und langgezogenen Straßen, auf denen einem nur ab und zu einmal ein Traktor begegnet. Es klingt nach Kirche am Sonntag, Hausfrau hinterm Herd und nach Kindern, die draußen spielen. Ein bisschen eine Mischung aus heiler Welt und 60er Jahren. In der Politik bereitet der ländliche Raum aber auch Sorgen. Er drohe abgehängt zu werden, hört man immer wieder. Und in manchem Bundesland ist das „Heimatministerium“ in Mode gekommen, das gleiche Lebensverhältnisse in der Stadt und auf dem Land schaffen soll. Der oben beschriebene ländliche Raum ist natürlich nicht Realität. Das Navigationsgerät im Traktor ist wesentlich komplexer als die Geräte in den meisten Autos, die durch die Städte rollen. In vielen Familien arbeiten beide Partner und suchen händeringend nach einem Kita-Platz – wie in den Städten eben. Die Menschen hören die gleiche Musik, schauen dieselben Fernsehsendungen und haben dieselben Träume. Städter sind auch nicht wesentlich toleranter als Menschen auf dem Land. Es gibt hierzulande keinen unsichtbaren Graben zwischen Stadt und Land. Dennoch richtet die Politik inzwischen häufig den Fokus auf den ländlichen Raum und denkt, dass es dort künftig besonders großer Anstrengungen bedarf.
Die Frage ist nicht, ob man den Fokus auf die Städte oder den ländlichem Raum legen muss -  die Herausforderungen sind allerorten groß.
Richtig ist, dass sowohl die Städte als auch der ländliche Raum vor großen Herausforderungen stehen. Dabei wird es genauso schwierig sein, die Rahmenbedingungen auf dem Land zu erreichen wie in den Städten zu erhalten. Die Politik wird in den Städten und auf dem Land unterschiedliche Aufgaben beherzt angehen müssen – aber im gleichen Tempo und mit dem gleichen Nachdruck. Auf dem Land wird es darum, Schulstandorte zu erhalten und dafür genügend motivierte Lehrer zu finden. Berufsschulen dürfen sich nicht weiter zu modernen Antiquariaten entwickeln, der Arzt darf nicht erst in der nächsten Großstadt zu finden sein und der Einzelhandel kann nicht nur noch auf die grüne Wiese ausgelagert werden. Zentral für die Zukunft ist digitale Versorgung. Dabei geht es nicht nur um die Ansprüche der Bewohner, die in ihrem Haus auf dem Land den Film auf Netflix genauso ruckelfrei sehen wollen, wie der Bewohner einer Stadtwohnung. Es geht dabei auch um die Zukunft der Unternehmen. Ein Standort ohne Breitbandanbindung verliert das Unternehmen möglicherweise nicht an die nächstgelegene Stadt im selben Bundesland. Solche Standorte können auch ganz woanders neu entstehen. In den wachsenden Städten wird man den Wohnungsbau drastisch verstärken müssen, der in den vergangenen Jahren verschlafen hat, um genügend bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können. Man wird ein Gleichgewicht der Mobilität finden und dafür Radwege und öffentlichen Personennahverkehr zügig ausbauen müssen. Auch in den Städten werden genügend Ärzte für mehr und ältere Menschen nötig sein. Und dass es hier bereits überall Glasfaseranschlüsse gibt, entspricht ebenfalls nicht der Realität. Die Frage ist deshalb nicht, ob man den Fokus auf die Städte oder den ländlichem Raum legen muss -  die Herausforderungen sind allerorten groß. Die Frage ist, ob die Politik auf all diese Herausforderungen vorbereitet und in der Lage ist, diese zeitnah zu meistern. Denn dafür braucht es ein Denken abseits von Fördertöpfen und Leuchtturmprojekten. Es wird Mut brauchen, alte Systeme in Frage zu stellen und neuen Ideen eine Chance zu geben – auf dem Land und in der Stadt. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #184.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning