Pro und Contra: Klaus Wallbaum (li.) und Niklas Kleinwächter. - Foto: MB[/caption]
Pro: Wenn Corona vorbei ist, sollte wieder ganz viel in Präsenz stattfinden. Aber bis dahin müssen wir noch deutlich besser werden mit der digitalen Kommunikation – und die Erfolgsgeschichten sollten wir dann in die neue Zeit retten, meint Niklas Kleinwächter.
Hören Sie mich? Sehen Sie mich? Alles klar, dann kann es jetzt losgehen. In den zurückliegenden Monaten hat nun sicher fast jeder seine Erfahrungen mit Videokonferenzen machen können. Diverse Programme wurden ausprobiert, die Vor- und Nachteile vom Datenschutz bis zu den Zusatzanwendungen sind bekannt. Ich kenne inzwischen die Grenzen meiner privaten Internetverbindung (ab zehn Teilnehmern wird es eng) und habe auch gelernt, damit umzugehen – zum Beispiel auch dann, wenn ich nur Not Video-Interviews mit einem schwarzen Bildschirm vor mir führen muss. Das macht nicht alles Spaß, aber es geht und erfüllt seinen Zweck – weniger direkte Kontakte zum Schutz vor Infektionen.Lesen Sie auch: Corona-Debatte hinter Plexiglas Kein Livestream vom Corona-Ausschuss
Natürlich freue ich mich schon darauf, dass nach Corona irgendwann wieder mehr Veranstaltungen in Präsenz stattfinden können. Es gehört schließlich mehr dazu, als nur die reine Botschaft zu hören und dabei das Gesicht eines Sprechers zu sehen. Es geht auch um ein Ambiente, um die Stimmung im Raum und um die Gespräche am Rande. Die wird es zu gegebener Zeit wieder geben – und die muss es auch geben! Denn klar ist auch, dass der politische Diskurs an digitalen Formaten krankt. Kürzlich berichtete ein Gast in der Rundblick-Redaktion, dass ein Kompromiss zwischen zwei Verhandlungspartnern schon lange gefunden wäre, würde man sich einfach mal abseits des offiziellen Konferenztisches unter vier Augen sprechen und ganz klassisch „dealen“. Weil es in der Videokonferenz aber kein inoffizielles Gespräch gibt, laufen die harten Verhandlungen noch immer.
Noch stecken wir mitten in einer Pandemie und die Politik täte gut daran, auch die eigenen Kontakte etwas mehr in Frage zu stellen.
Allerdings: Noch stecken wir mitten in einer Pandemie und die Politik täte gut daran, auch die eigenen Kontakte etwas mehr in Frage zu stellen. Wochenlang ging die Diskussion hin und her, ob Parteitage mit eintausend Delegierten möglich sein sollen. Klar ist dabei: rechtlich mag es gehen, vertretbar ist es aber nicht mehr. Ein gewichtiges Argument dabei ist die Glaubwürdigkeit der politischen Akteure. Die Corona-Verordnung sieht Ausnahmen für politische Parteien und politische Gremien vor. Doch nur weil es erlaubt ist, sollte nicht alles davon getan werden.
Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Sitzungen des niedersächsischen Landtages derzeit trotz Schutzvorkehrungen grenzwertig sind. Zwei wesentliche Gefahren bergen die Sitzungen meiner Meinung nach: Zunächst könnte es ja tatsächlich dazu kommen, dass es nun Corona-Infektionen in den Reihen der Landtagsabgeordneten gibt. Und die hat es bereits gegeben – zumindest aus dem Frühjahr sind solche bekannt. Man stelle sich nun vor, in den Tagen nach einer Plenarsitzung werden ein, zwei oder drei Corona-Fälle aus den Reihen der Abgeordneten bekannt. Gehen dann nun Landtag und Landesregierung komplett in Quarantäne?
Selbst die aufgestellten Glasscheiben und die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, wenn man seinen Platz verlässt, dürften keinen absoluten Schutz bieten. Erst recht nicht, wenn man sieht, wie die Abgeordneten teilweise damit umgehen. Die Disziplin lässt gelegentlich zu wünschen übrig, die neuen Regeln sind noch nicht einstudiert. Sicher: Kaum ein Abgeordneter verstößt absichtlich gegen diese Regeln. Auch die Glasscheiben zwischen den Abgeordneten wirken absurd, wenn man sieht, wie regelmäßig doch die Damen und Herren im Hohen Haus wahlweise sich von ihrem Platz erheben, um über den Schutz hinweg zu sprechen, oder sich auf ihrem Stuhl ganz weit nach hinten lehnen, um an der Wand vorbei mit dem Sitznachbarn zu plaudern. Das ist allzu menschlich, ja. Aber es ist ein schlechtes Vorbild, macht die Angelegenheit lächerlich und schadet ganz enorm der Akzeptanz aller Maßnahmen, die zur Eindämmung des Corona-Virus unternommen wurden. Diese zweite Gefahr ist vielleicht noch viel schlimmer als die erste. Es ist die Gefahr, dass Landtag und Landesregierung selbst aktiv dazu beitragen, dass die Akzeptanz der Maßnahmen rapide sinkt.
Die Kommunen machen es gerade vor, weil sie es nun dürfen, und beginnen digitale Rats- und Ratsausschusssitzungen.
Es ist davon auszugehen, dass die Pandemie noch weit in das nächste Jahr hinein unser Leben beeinträchtigen wird. Selbst wenn ein Impfstoff kommt, wird es dauern, bis es eine wirkliche Sicherheit gibt. Politiker in Parteien und Parlamenten sollten sich daher darauf einrichten, dass Beratung und Beschlussfassung auch digital möglich sein sollte. Rechtlich und technisch hätte man da schon längst die Weichen eindeutig stellen müssen. Wie anfangs beschrieben, hat nun fast jeder seine Erfahrungen mit Videoschalten gemacht. Daraus sollten wir lernen, und ganz massiv an den besten Lösungen für den politischen Betrieb arbeiten.
Die Kommunen machen es gerade vor, weil sie es nun dürfen, und beginnen digitale Rats- und Ratsausschusssitzungen. Es beginnen derzeit kommunale Haushaltsplanberatungen in digitaler Form. Das ist der richtige Weg, davon sollte es noch viel mehr geben. Und wichtig ist dabei auch, dass auf diese Weise wieder mehr Öffentlichkeit zugelassen werden kann. Dass Ausschüsse des Landtags nur noch begrenzt öffentlich tagen, weil es kaum ausreichend Platz gibt, um auf Abstand zu sitzen, ist definitiv ein Problem.
Wenn Corona dann irgendwann vorbei sein wird, können wir alle kollektiv mehr – wir sehen ja, wie es jetzt schon läuft. Verbandsarbeit geht bereits digital. Man erreicht nun auch Menschen, die beispielsweise in Visselhövede leben und nicht für einen Abendtermin im November nach Hannover kommen würden. Und ganz viel Austausch klappt auch so. Es gibt viele Möglichkeiten, viele haben wir jetzt kennengelernt, mehr sind möglich. Die Tools müssen den neuen Bedürfnissen angepasst werden – zum Beispiel über eine bessere Option für sogenannte Breakout-Sessions – digitale Einzelgespräche am Rande eines großen digitalen Plenums.
Übrigens: Die Kommunikation ist durch digitale Formate ja gar nicht mal nur schlechter geworden. Es ist nicht alles weniger, nur weil es digital ist. Schon jetzt kann man neue Formen des informellen Austauschs erleben, etwa wenn während einer Videokonferenz einzelne Teilnehmer Nachrichten schreiben und über ungesehene virtuelle Blickkontakte kommunizieren. Werden wir jetzt zu Profis in digitaler Politik und kombinieren später das Beste aus beiden Welten zu einer noch besseren, integrativeren demokratischen Struktur.
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Contra: So sehr man sich auch bemühen wird, die Präsenz-Sitzungen sind durch nichts zu ersetzen. Wenn das Corona-Virus besiegt ist, muss es wieder üblich werden, die bisherigen Formen des Meinungsaustausches und der Zusammenkünfte wiederzubeleben, meint Klaus Wallbaum.
Eines sei vorweggeschickt: Gegenwärtig ist es verdammt wichtig, die gegenseitige Ansteckungsgefahr zu verringern und alles zu versuchen, die Ausbreitung des Corona-Virus in Grenzen zu halten. Deshalb handeln die Politiker, die Vereinsvorstände, die Familien, die Freundeskreise und die Unternehmen richtig, wenn sie lange geplante Treffen absagen. Es ist dann auch angemessen, Konferenzen ins Netz zu verlagern oder wenigstens einigen Teilnehmern zu ermöglichen, sich von zuhause aus zuschalten zu können. Wo die rechtlichen oder technischen Möglichkeiten dazu noch nicht gegeben sind, sollten diese nachgerüstet werden. Aber, und das sei deutlich hinzugefügt – diese Regel gilt für den Notfall, und wir erleben gerade den Notfall. Irgendwann, hoffentlich so schnell wie möglich, wird das Virus besiegt sein. Dann werden wir vor der Frage stehen, ob das gesellschaftliche Miteinander nicht generell neu organisiert werden müsste – aus so vielen Gründen, die schon vor der Corona-Krise immer mal wieder diskutiert worden sind. Ein Beispiel: Die Klage darüber, dass das politische Geschäft frauen- und familienfeindlich sei, wurde gerade 2019 sehr intensiv vertreten, verbunden mit der damals breit geführten Debatte, ob man nicht in einem Paritätsgesetz die Parteien verpflichten sollte, mehr Frauen als Kandidatinnen aufzustellen. In diesem Zusammenhang wurde oft – völlig zu Recht – beklagt, dass Gremien- oder Parteisitzungen für spätabends (nicht selten mit offenem Ende) angesetzt wurden, zu Zeiten also, in denen oft vor allem die Frauen sich zuhause um die Kinder und die Hausarbeit kümmern. Ein anderes Beispiel: Bisher wurden Mitarbeiter oft zu nationalen oder auch internationalen Konferenzen und Messen geschickt, sie kamen von weit her zu einer Tagung, bei der sie dann mehrere Tage verbrachten, lange An- und Abreise inbegriffen. Das verursacht Kosten, die sich so manches Unternehmen künftig sparen wird, dann die Corona-Zeit hat ja bewiesen, dass sich das schneller und weit günstiger im Netz regeln lässt.Der gesellige Plausch in der Kaffeepause, das Kennenlernen samt Austausch von Tipps und Erfahrungen dürfen nicht überschätzt werden – aber eben auch nicht unterschätzt.
Schneller ist das, ja, günstiger auch. Aber ist es gleichwertig? Der gesellige Plausch in der Kaffeepause, das Kennenlernen samt Austausch von Tipps und Erfahrungen dürfen nicht überschätzt werden – aber eben auch nicht unterschätzt. Bestimmt sind reichlich Konferenzen überflüssig, da sie nicht selten aus bloßer Tradition fortgeführt werden und nur deshalb stattfinden, weil auch die Veranstalter, die Agenturen, die Tagungshotels, die Referenten und Organisationsabteilungen leben und überleben wollen. Vieles kann also, rein sachlich betrachtet, durchaus ins Netz wandern.
Ganz darauf zu verzichten aber hieße, den Wert der nonverbalen Kommunikation für das Gefühl von Arbeitszufriedenheit und für neuen Input an Vorschlägen zur Innovation zu unterschätzen. In einer Videokonferenz lässt sich eben nicht per Knopfdruck Kreativität erzeugen. Eine größere Gruppe muss erst in einer Gemeinschaft auf ein bestimmtes Problem gelenkt und in ihrer Aufmerksamkeit dafür geschärft werden. Oft gelingt das am Bildschirm nicht, da der Mensch vor der Video-Kamera körperlich nicht wirklich anwesend ist und die Gefahr groß ist, dass er mit einem im Zweifel eher größeren als kleineren Teil seines Ichs gar nicht richtig anwesend ist. Wenn zuhause jemand den Raum betritt, wenn vom Nachbarzimmer Stimmen herüberklingen, wenn das Telefon schrillt – wie oft nimmt man dann schnell die Ablenkung auf, sollte es im offiziellen Programm der Video-Konferenz plötzlich zu langweilig werden?
Die Realität ist doch oft so, dass es die informellen, oft zufällig sich ergebenden Konstellationen sind, in denen zwei entscheidende Leute mal kurz rausgehen und eine Zigarette rauchen, dabei eine Verständigung erzielen und dies dann kurz darauf in der größeren Runde festgelegt wird.
Das soll nun kein Plädoyer gegen Videokonferenzen werden – wohl aber eines dafür, sorgsam abzuwägen und die Grenzen dieser Form zu erkennen. Besonders wichtig ist das für politische Gremien. So sinnvoll es sein kann, bei Ausschuss- oder Ratssitzungen eine Mischung aus Präsenz- und Videomodell anzupeilen, da dort ja meistens bereits vorberatende Themen nur noch abgestimmt oder zusammengeführt werden, so verkehrt sind Netz-Konferenzen in allen Fragen, die Kreativität und Kompromissbereitschaft erfordern. Wenn also wirklich verhandelt wird, wenn um eine Verständigung gerungen wird, wenn das Geben und Nehmen gehegt und gepflegt werden muss, dann führt an Präsenzsitzungen wohl kein Weg vorbei.
Die Realität ist doch oft so, dass es die informellen, oft zufällig sich ergebenden Konstellationen sind, in denen zwei entscheidende Leute mal kurz rausgehen und eine Zigarette rauchen, dabei eine Verständigung erzielen und dies dann kurz darauf in der größeren Runde festgelegt wird. Wie soll so etwas in einer Videokonferenz klappen, noch dazu, wenn das eher unauffällig am Rande geschehen muss? Selbst die Akteure solcher spontanen Verständigungen werden ja meistens kurzfristig ausgeguckt. Solche Methoden klappen nämlich oft nur, wenn sie nicht vorbereitet wurden, wenn es dazu keine Inszenierung gegeben hat.
Die Vorstellung, man könne in Zukunft die politische Arbeit zu einem großen Teil ins Netz verlagern, ist eine reichlich unpolitische Vorstellung. Zum Beispiel Parteitage – SPD und Grüne haben das unlängst erlebt, es wurden (teilweise höchst langweilige) Reden vorgetragen. Aber die auf Parteitagen so entscheidende Frage, wie die größere Gruppe reagiert, was dort bei den Leuten „ankommt“ und was Widerspruch oder Unverständnis auslöst, lässt sich für keinen Redner im Netz erahnen oder erspüren. Es ist im Netz ganz schwer, im Vorfeld wichtiger Wahlen einen Favoriten zu erkennen. Wie will man sagen können, wer wirklich „das Herz der Zuhörer erreicht“. Nur über anonyme Meinungsumfragen? Das reicht nicht.
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