9. Okt. 2026
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Siebels, Schüßler oder Bratmann? Die SPD brütet über eine optimale Politze-Nachfolge

Wer wird neuer Chef der SPD-Landtagsfraktion? Das Personalkarussell dreht sich, aber jede Lösung hat auch erhebliche Nachteile. Ein Kompromiss wird wahrscheinlich.

Wiard Siebels (links) neben Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne. | Archiv-Foto: Wallbaum

Wer wird Nachfolger des vergangenen Donnerstag zurückgetretenen Chefs der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Politze? Dieses Thema hält derzeit die Gremien der niedersächsischen SPD und einflussreiche Gesprächskreise rund um SPD-Landeschef Olaf Lies in Atem. Nicht ausgeschlossen ist eine zeitnahe Lösung, die vielleicht noch während der bis zum 25. Oktober dauernden Herbstferien beschlossen werden könnte.

Wer sich nun bei SPD-Politikern umhört, bekommt unterschiedliche Antworten nach der Frage zum bevorzugten Anforderungsprofil. Einige meinen, die SPD-Fraktion brauche jetzt einen „Integrator“, der von allen akzeptiert wird, zusammenführen und ausgleichen kann. Ideal wäre aus dieser Sicht ein Abgeordneter, der nächstes Jahr seine Karriere beendet und keine eigenen Karriereambitionen mehr hat. Der Name von Landtagsvizepräsident Marcus Bosse (Wolfenbüttel) fällt. Andere sagen, der neue Fraktionschef müsse in den kommenden elf Monaten bis zur Landtagswahl vor allem rhetorisch im Landtag glänzen und schnell auf aktuelle Vorhaltungen der Opposition reagieren können. Es komme also weniger auf die Innen-, als auf die Außenwirkung an. Wie es heißt, neigen Olaf Lies und die anderen führenden SPD-Politiker momentan zu der zweiten Einschätzung. Der Ministerpräsident hofft, mit der Nachfolgeregelung einen Schub für den Wahlkampf erzeugen zu können.

Für manche zu eigenständig: Claudia Schüßler (rechts) neben Stefan Politze bei Schüßlers Wahl zur Vize-Vorsitzenden der Fraktion im Mai 2025. | Archiv-Foto: Wallbaum

Über einige Varianten wird intern gerade diskutiert – unabhängig von der Frage, ob die Betroffenen überhaupt bereit sind für eine Kandidatur:

  • Wiard Siebels: Der bisherige Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion gilt als der pfiffigste und schlagfertigste Redner seiner Fraktion. Er ist einer der besten Kenner der Abläufe im Landtag. In den zurückliegenden Jahren hatte Siebels nie die Chance zum Aufstieg. Einige Abgeordnete meinten, er integriere nicht stark genug, andere lasteten ihm eine zu große Nähe zu der umstrittenen damaligen Fraktionschefin Johanne Modder an. Inzwischen aber wächst das Ansehen des 48-Jährigen, zumal er wiederholt die SPD aus der Defensive befreit hat, wenn die Opposition die Regierung unter Druck setzte. Gegen Siebels spricht nur seine Zugehörigkeit zum Parteibezirk Weser-Ems. Da auch der Ministerpräsident und die Landtagspräsidentin aus diesem Bezirk kommen, wäre das eine große Machtkonzentration für Weser-Ems. Die Frage wäre, ob der SPD-Bezirk Hannover, der größte im Lande, es hinnehmen könnte, wenn Siebels Fraktionschef wird und an seiner Seite Claudia Schüßler (Region Hannover) neue Parlamentarische Geschäftsführerin.


  • Claudia Schüßler oder Silke Lesemann: Beide Abgeordnete sind Vize-Fraktionschefs und kommen aus der Region Hannover. Die Juristin Schüßler gilt als forsch und selbstbewusst. Sie hat in der SPD nicht nur gute Erfahrungen gemacht, wurde im Februar 2022 als Vorsitzende des SPD-Unterbezirks verdrängt und von Steffen Krach abgelöst. Aus Sicht ihrer Kritiker ist Schüßler zu wenig stromlinienförmig für ein Führungsamt. Die Historikerin Lesemann ist seit vielen Jahren Wissenschaftspolitikerin und hat nie einen Zweifel an ihrer Loyalität zur Parteilinie aufkommen lassen. Kritiker meinen aber, sie könnte in Wortgefechten nicht gut genug parieren. Eine große Integrationskraft habe sie auch nicht.
Christoph Bratmann, ein Braunschweiger mit Ambitionen. | Foto: NDR/Screenshot
  • Christoph Bratmann: Dem Braunschweiger Vize-Fraktionschef wird zugetraut, die Fraktion selbstbewusst nach außen zu vertreten. Da die Braunschweiger ohnehin meinen, in der SPD-internen Machtverteilung einen Nachholbedarf zu haben, wäre sein Aufstieg in die Fraktionsspitze ein Schritt in diese Richtung. Das könnte auch im Interesse des mächtigen SPD-Bezirkschefs Thorsten Kornblum sein, da er so den Anspruch seines Bezirks auf mehr Macht einlösen könnte. Allerdings sind die Braunschweiger allein nicht stark genug. Sie bräuchten ein Bündnis mit Weser-Ems oder Hannover, um ihren Machteinfluss zu vergrößern. Und ohne das Ja-Wort von Olaf Lies könnten sie einen Kampf wohl kaum gewinnen.

Viel hängt nun von zwei Faktoren ab: Was will Olaf Lies – und was will der SPD-Bezirk Hannover? Der Regionalproporz ist in der SPD sehr wichtig, und dem Bezirk Hannover steht eigentlich der Posten des SPD-Fraktionschefs zu. Bis Redaktionsschluss war noch offen, ob der Bezirk (geführt von Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne und der Bundestagsabgeordneten Svenja Stadler) auf diesem Anspruch beharrt oder wegen der Wahlkampf-Situation Siebels den Vortritt lässt. Wenn der zweite Fall eintritt, würde der Bezirk Hannover vermutlich eine Kompensation einfordern, die einzulösen wäre nach der Landtagswahl. Auf der anderen Seite dürfte die Niedersachsen-SPD ihren Wahlkampf ganz auf Lies zuschneiden. Das bedeutet, dass ganz viel von Lies abhängt und davon, welche Lösung er vorschlägt. Die Anfertigung des Personaltableaus wird angesichts der Gemengelage nicht ohne Konflikte ablaufen – aber Konflikten mit den Hannoveranern ist der SPD-Landesvorsitzende bisher stets aus dem Weg gegangen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #178.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum
Siebels, Schüßler oder Bratmann? Die SPD brütet über eine optimale Politze-Nachfolge | Rundblick Niedersachsen