5. Apr. 2018
Soziales

„So gezielt und so wenig wie möglich“: Antibiotika-Einsatz soll weiter sinken

„Wir können nicht davon ausgehen, dass wir im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen nur auf einen Knopf drücken. Es ist ein langer Weg“, sagte Matthias Pulz, Präsident des Landesgesundheitsamtes, gestern in Hannover bei der Vorstellung der Neuauflage des Antibiotika-Ratgebers. Die Empfehlungen wurden von Experten weiterentwickelt und gehen an niedergelassene Ärzte in Niedersachsen. [caption id="attachment_31684" align="aligncenter" width="780"] Matthias Pulz, Carola Reimann, Martina Wenker, Jörg Berling (v.l.n.r.) - Foto: MB.[/caption] Durch die Abgabe von weniger Antibiotika soll die Entstehung neuer Resistenzen eingedämmt werden. Gerade für den ambulanten Bereich ist der Ratgeber wichtig, weil hier 85 Prozent der Antibiotika gegeben werden. Knapp die Hälfte der Verschreibungen kommen aus der Hausarztpraxis. Die Ärzte können die Hilfe durch den Ratgeber nach Meinung der Experten gut gebrauchen. „Man kann sich vorstellen was jetzt während der Grippewelle in einer Hausarztpraxis los ist“, sagt Jörg Berling, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Da werde die Zeit zum größten Problem. Denn der Arzt müsse beim Termin innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen. Auch Pulz meinte, im Alltag werde nicht immer das beste Antibiotikum gegeben. Manchmal fehle auch einfach die Zeit für die nötige Kommunikation zwischen Arzt und dem Patienten. Seiner Meinung nach sollte auch die Beratungsleistung der Ärzte finanziert werden, nicht nur die Diagnostik. https://soundcloud.com/user-385595761/antibiotika-oft-wird-mit-kanonen-auf-spatzen-geschossen Eine weitere Herausforderung ist die Erwartungshaltung der Patienten. „Sie haben ein hohes Zutrauen in Arzneimittel. Und es ist erklärungsbedürftig, wenn ein Patient zum Beispiel kein Antibiotikum bekommt“, stellte Sozialministerin Carola Reimann fest. „Der Grundsatz muss sein: soviel wie nötig, so gezielt und so wenig wie möglich.“ Auch die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker, warnte vor falschen Annahmen bei der Verabreichung von Antibiotika. „Manche Patienten denken, wenn sie kein Antibiotikum bekommen, sind sie auch nicht besonders krank. Das ist nicht so. Man muss den Patienten erklären, wann es falsch ist, ein Antibiotikum einzunehmen“, so Wenker und verwies dabei auch auf die Nebenwirkungen von Antibiotika.
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Laut Zahlen der Techniker Krankenkasse geht die Zahl der verschriebenen Antibiotika zurück. Demnach bekamen im Jahr 2016 noch 26,7 Prozent der Beschäftigten, die erkältungsbedingt krankgeschrieben waren, Antibiotika verschrieben. Zwei Jahre zuvor waren es noch 32,6 Prozent. „Die Trendwende geht in die richtige Richtung, auch wenn weiterhin im Schnitt mehr als jeder vierte wegen Erkältung krankgeschriebene Beschäftigte Antibiotika verschrieben bekommt. Daher sollten Ärzte und Patienten bei dem Thema nicht lockerlassen“, sagt Inken Holldorf, Leiterin der niedersächsischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse. Auch die Patientenaufklärung sei ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen Bei der Vorstellung des Ratgebers wiesen die Mediziner darauf hin, dass nicht allein die zu häufige Abgabe von Antibiotika zu Resistenzen führt. Auch der Lebensstil spielt eine Rolle, sagte Berling. „Wer Fernreisen nach Indien oder Südamerika macht, bringt ein Vielfaches an Resistenzen mit, weil er zum Beispiel Antibiotika gegen Reisedurchfall eingenommen hat. Dann hat sich die Resistenzlage dramatisch erhöht.“ Zudem gibt es Wenker zufolge in einigen anderen Ländern einen eher nachlässigen Umgang mit Antibiotika. „In manchen Ländern kann man sie sich einfach in der Apotheke holen. Das birgt Gefahren: Antibiotika sind keine Smarties“, machte die Präsidentin der Ärztekammer deutlich. Laut einer Studie der Universität Antwerpen im Auftrag der EU-Kommission geht zum Beispiel in Rumänien jedes fünf eingenommene Antibiotikum ohne Verschreibung über den Ladentisch.    
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #65.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning