Pro & Contra: Klaus Wallbaum (li.) & Martin Brüning[/caption]
PRO: Die Vorstellung, in quasi revolutionären Zeiten wie jetzt könne man den Schulalltag weitgehend nach unten delegieren auf die einzelnen Schulen oder gar Lehrer, führt in die Irre. Gerade bei größeren Umwälzungen ist eine Anleitung, Beratung und Kontrolle der Fachbehörde nötiger denn je. Es geht um nichts geringeres als den Umbau der Schullandschaft für die digitale Zeit, meint Klaus Wallbaum.
Aus jeder Krise, lautet ein gern zitierter Leitspruch, kann man auch gestärkt hervorgehen – weil man neue Möglichkeiten und Wege kennenlernt, die vorher lange Zeit undenkbar schienen. Das passt sicher auch für die Bildungslandschaft, gerade auch in Niedersachsen. In den zurückliegenden Jahren schienen die Kultuspolitiker oft wie in Ritualen erstarrt – gefangen in Positionen, die sie über Jahre fast gebetsmühlenartig wiederholten. Es wurden so viele neue Lehrerstellen geschaffen wie nie zuvor, auch für die Inklusion und die Integration von Zuwanderern. Neue Aufgaben haben viele Pädagogen stark belastet, aber auf der anderen Seite hat das Land auch sehr viel unternommen, diese Belastungen wieder abzubauen. Um dieses Thema, wie sehr die Lehrer entlastet werden können, kreiste die Debatte nicht nur über Monate, sondern über Jahre. Daneben schien es kaum weiteren Gesprächsbedarf zu geben. Auch die Gewerkschaften trugen nicht dazu bei, beispielsweise inhaltliche bildungspolitische Diskussionen in Gang zu schieben. Es wäre ihre Chance gegeben. Nun auf einmal, in der Not, stellen sich all die verdrängten Fragen automatisch – und für die Formulierung einer Antwort bleibt kaum Zeit. Das große Ziel des Seuchenschutzes ist es, die Kontakte zwischen Schülern auf ein Minimum zu reduzieren. Das bedeutet erstens, der Unterricht soll auf das absolut Notwendige beschränkt werden – und zweitens, die Digitalisierung des Unterrichts muss soweit wie möglich umgesetzt werden. Es geht in beiden Punkten nicht mehr um das Ob, über das man lange und ausführlich in den vergangenen Jahren hätte streiten können, sondern nur noch um das Wie. Die Antwort, die Kultusminister Grant Hendrik Tonne wie seine Kollegen in den anderen Ländern geben musste, ist denkbar einfach und klar: Kernkompetenzen wie Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Natur- und Geisteswissenschaften werden vermittelt, Arbeitsgemeinschaften, Projekte und Wahlpflichtangebote treten dahinter zurück. Außerdem werden die Kinder künftig viele Schulaufgaben von zuhause aus erledigen müssen – allein aus dem Grund, dass sie dem Schulgebäude fern bleiben sollen. Die „Bildungscloud“, die das Ministerium kurz vor Beginn der Krise noch um ein Jahr vertagen wollte, kommt jetzt früher als geplant – und sie muss so gut wie möglich klappen. Da bleibt kein Raum für lange bildungspolitische Abwägungen in verschiedenen Projektgruppen.
Auch eine organisatorische Meisterleistung wird nötig – nämlich ein Plan, wie man die Digitalisierung durch Präsenztage am besten begleitet und wie man Ressourcen sparsam und effektiv einsetzt.
Die gegenwärtige Krise wird irgendwann vorüber sein, aber es droht jederzeit eine neue Epidemie. Das Schulsystem muss künftig also jederzeit auf „Krisenmodus“ und Notbetrieb umschalten können. Das bringt notwendig die Einteilung in wichtige und weniger wichtige Aufgaben mit sich. Auch eine organisatorische Meisterleistung wird nötig – nämlich ein Plan, wie man die Digitalisierung durch Präsenztage am besten begleitet und wie man Ressourcen sparsam und effektiv einsetzt. Dies jeder Schule selbst zu überlassen, wäre zwar im Sinne der Subsidiarität theoretisch sinnvoll, praktisch könnte das aber in einer Überforderung enden, da viele unterschiedliche Ansprüche und Herausforderungen parallel bewältigt werden müssen. Das kann zu Chaos führen und die Folge von Chaos kann ein krampfhaftes Festhalten am Status quo sein, eine Regungslosigkeit.
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Nötig ist vielmehr etwas anderes: Die Kräfte im Kultusministerium und in der Landesschulbehörde müssen gebündelt werden, um das jetzt mit der Corona-Krise abrupt eingeführte neue Unterrichtsmodell zu verfeinern, abzurunden und mit technischen wie pädagogischen Neuerungen zu ergänzen. Von überflüssigen Lerninhalten muss die Schule ebenso Abschied nehmen wie von inneren Widerständen gegen technische Ausrüstungen.
Was in diesem Prozess am wenigsten hilfreich wäre, ist eine Fortsetzung des ewigen Wehklagens der Gewerkschaften: Die Investitionen in den Schulen seien viele Jahre lang vernachlässigt worden, die Lehrer seien extrem überlastet, wir bräuchten mehr Lehrerstellen und eine Arbeitszeitentlastung der Lehrer. Jeder Vorwurf für sich mag berechtigt sein, aber keiner davon führt jetzt weiter. Andere bildungspolitische Fragen sind jetzt vorrangiger, das sollten auch die Gewerkschaften lernen.
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Contra: Jetzt geht es nicht darum, dass das Kultusministerium alles bis ins kleinste Detail regelt. Im Gegenteil: Es schlägt die Stunde der Eigenverantwortung. Jede Schule muss nun selbst angemessen und den Gegebenheiten angepasst den Unterricht organisieren, meint Martin Brüning.
Die Schritte werden klein, sehr klein. Wenn am 27. April die Schulen wieder öffnen, wird das zumindest in größeren Schulgebäuden vermutlich gar nicht so richtig auffallen. Schließlich kommen erst einmal nur die Schüler aus den 13. Klassen und die Zehnt- und Neuntklässler, die Abschlussprüfungen vor sich haben. Mit dem üblichen Schulbetrieb, wie er allen vor der Corona-Krise bekannt war, wird das wenig zu tun haben. Und auch die weitere Abfolge ist eher durch homöopathische Schritte gekennzeichnet, die von der Realität vor Corona noch meilenweit entfernt sind.
Für die Politik ist die aktuelle Phase ein Ritt auf der Rasierklinge, und es ist nicht unmöglich, dass die Pläne in zwei Wochen schon wieder radikal geändert werden müssen.
Das ist auch richtig so, und der Plan des Kultusministers einer vorsichtigen sukzessiven Öffnung scheint verantwortungsvoll durchdacht worden zu sein. Für die Politik ist die aktuelle Phase ein Ritt auf der Rasierklinge, und es ist nicht unmöglich, dass die Pläne in zwei Wochen schon wieder radikal geändert werden müssen. Jetzt kommt es aber nicht allein auf das Ministerium, sondern auch auf die Schulen selbst an. Niemals waren die eigenverantwortliche Schule und selbstbewusste Lehrkräfte wichtiger als heute. Das Ministerium kann einen Rahmen vorgeben, auch was Hygieneregeln in den Schulen angeht. In der Praxis aber wird sehr differenziert entschieden werden müssen, wie Leben und Arbeiten an den Schulen so gestaltet wird, dass der Infektionsschutz so gut wie möglich gewährleistet werden kann. Die Unterschiede können dabei groß sein.
Unterschiedliche Schulgebäude: Von kleinen einzügigen Grundschulen mit kleinen Klassen bis zu großen Schulzentren mit 2000 Schülern findet man in Niedersachsen alles. Einige Sanitärräume sind saniert, bei Bildern anderer Schultoiletten stehen einem die Haare zu Berge. In Schulen, in denen gerade gebaut wird, stehen gerade Klassencontainer vor den Gebäuden. Das dürfte dazu führen, dass das Prinzip der „halbe Klassen“ vor Ort sehr unterschiedlich umgesetzt werden kann, je nach Klassengrößen und räumlicher Situation. Hier brauchen die Schulen möglichst freie Hand, die Gruppen sinnvoll aufzuteilen.
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Unterschiedliche Einzugsgebiete: Die Voraussetzungen für das verbindliche Lernen von zuhause aus, das ab dem 22. April beginnen soll, sind äußerst unterschiedlich. Einer der Gründe kann dabei auch die örtliche Lage der Schule sein. Je nach sozialem Umfeld haben die Schüler entweder teurere IT-Geräte als die Lehrer oder zuhause weder ein entsprechendes Notebook noch eine ruhige Ecke, um sich mit den Aufgaben zu beschäftigen. Die Unterstützung der Eltern reicht von überengagiert bis vollkommen desinteressiert und auch die Sprachkenntnisse im Elternhaus spielen eine Rolle. Die Lehrkräfte brauchen an dieser Stelle größtmögliche Flexibilität. Aufgaben können teilweise vielleicht über das „IServ-Portal“ gestellt werden. In vielen Fällen werden Aufgaben aber auch in der Schule persönlich übergeben oder sogar zu den Schülern nach Hause gebracht werden müssen. Auch die Ansprechbarkeit der Lehrer muss sich nach den Möglichkeiten der Schüler richten. Die Schulen müssen hier den Ersatz-Unterricht angemessen in eigener Verantwortung organisieren.
Unterschiedliche Kollegien: Wie in jedem Betrieb gibt es in den Lehrerkollegien große Unterschiede. Die jüngeren Lehrer werden möglicherweise häufig den digitalen Alternativen aufgeschlossener gegenüberstehen als ältere Semester. Die Zahl der Lehrkräfte, die zu Risikogruppen gehören und dadurch für den Unterricht vor Ort ausfallen, dürfte ebenfalls schwanken. Auch der individuelle Motivationsgrad spielt jetzt eine noch größere Rolle als vorher. In den nächsten Wochen wird die Führungsqualität und Organisationskompetenz der Schulleiter noch wichtiger sein. Sie müssen sicherstellen, dass so viele Schüler wie möglich die gleichen Chancen bekommen, am Not-Unterricht teilzuhaben. Bildung darf jetzt nicht davon abhängen, wie motiviert die jeweilige Lehrkraft ist.
Derweil zeichnet Kritiker, denen das „Hygienekonzept“ aus dem Ministerium zu spät kommt und die am liebsten alles haarklein in Verordnungen geregelt haben wollen, vor allem ein tiefes Misstrauen gegen Lehrkräfte und Schulträger aus. Auch sie kennen die Abstandsregeln, das Gebot des Händewaschens, die Vor- und Nachteile von Masken. Sie sind mündig genug, die Infektionssicherheit an ihren Schulen so gut es geht zu regeln. Es wäre zudem naiv zu glauben, der Unterricht ließe sich nun allein auf dem Erlasswege "per Order di Mufti" aus dem Kultusministerium organisieren. Die Vielfalt der Bildungslandschaft ist so groß, dass es jetzt wirklich auf das individuelle Engagement in den Schulen ankommt.
In der aktuellen Phase liegt für die Schulen auch die Chance, die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Es ist nicht die Phase des Jammerns und der Fingerzeige auf die Landeshauptstadt, sondern die Phase des Anpackens und der Verantwortung. Ob das Schulträger, Lehrkräfte, Schulbegleiter, Hausmeister und Sekretariate schaffen? Natürlich.
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