Melkroboter gehören in der Milchviehhaltung schon längst zum Stand der Technik. Darüber hinaus besteht in der Tierhaltung aber noch erheblicher Digitalisierungsbedarf im Stall, finden die Agrarexperten vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Wie dieser genau aussieht, haben VDI-Fachleute von der Max-Eyth-Gesellschaft Agritechnik (MEG) auf der Landtechnikmesse Agritechnica in Hannover erklärt.

Laut Wolfgang Büscher, Professor für Tierhaltungstechnik an der Uni Bonn, gibt es dabei eine klare Marschrichtung: Die Technik soll zu mehr Tierwohl und weniger Umweltbelastungen führen. Teilweise sei das bereits Realität. „Moderne Systeme zur Versorgung der Tiere erfassen nicht nur die Futteraufnahme, sondern unterstützen das Tierwohl, indem zum Beispiel bei Kälbern mit Hilfe von Tränkeautomaten die Milch körperwarm in kleinen Portionen angeboten wird, und die Betreuer per SMS informiert werden, wenn kein Futter abgeholt wurde“, sagt Büscher.
In Zukunft werde der „individualisierte Umgang mit den Nutztieren“ aber noch weiter verbessert. Der Gesundheitszustand der Tiere werde künftig noch viel genauer überwacht und quasi in einer digitalen Patientenakte gespeichert. „Die Humanmedizin schaut ein bisschen neidisch auf uns, denn wir haben alle Gesundheitsdaten über den gesamten Lebenswandel hinweg“, meint der Tierwohl-Forscher und schmunzelt. Das Datensammeln soll aber nicht nur helfen, die Prozesse im Stall zu optimieren, sondern auch die Landwirte dabei unterstützen, die immer anspruchsvolleren Transparenzanforderungen zu erfüllen. „Wir müssen auf Knopfdruck nachweisen können, dass wir bei der Einhaltung des Tierwohls alles richtig gemacht haben“, beschreibt Büscher die Herausforderung.
„In der Landwirtschaft werden immer weniger Menschen immer komplexere Prozesse steuern“, sagt Prof. Peter Pickel, der beim Landmaschinenhersteller „John Deere“ im Bereich der Automatisierung und Elektrifizierung forscht. „Die (Land-)Maschinen der Zukunft sind hochautomatisiert und vielfach auch autonom“, prophezeit er und drängt deswegen auf den Ausbau von 5G- und 6G-Kommunikationsstandards. Für den Datenaustausch in der Landwirtschaft werde eine hohe Bandbreite mit geringsten Verzögerungsraten immer wichtiger. Die Produktion werde künftig „aus der Cloud“ heraus gesteuert. Außerdem werde dem Landwirt dabei immer mehr Arbeit von sogenannten Farming-Management-Systemen (FMS) abgenommen. „Natürlich hat der Landwirt immer noch die Oberhoheit, aber die Systeme können viele Entscheidungen massiv vorbereiten“, erläutert Pickel.

Prof. Peter Pickel und Prof. Wolfgang Büscher. | Foto: Link
Rasanten Fortschritt erwarten die VDI-Experten aber nicht in allen Bereichen. „Wir sehen in der Elektrifizierung der Maschinen zwar eine Schlüsseltechnologie. Allerdings glauben wir auch daran, dass batterieelektrische Antriebe und Brennstoffzellentechnologie bis 2030 und sogar bis 2035 nur eine geringe Chance haben werden“, sagt Pickel. Bis zum Durchbruch der elektrischen Antriebe empfiehlt er den Einsatz von Biosprit, wobei er den Streit um Flächenkonkurrenz als Scheindebatte bezeichnet.
Bei der Herstellung von Pflanzenöl aus Raps zum Beispiel entstehe mit dem Rapspresskuchen auch ein Eiweißträger für die Tierfütterung, der aus Übersee importiertes Soja ersetze. „Richtig ist nicht ‚Teller oder Tank‘, sondern ‚Tank und Teller‘“, betont der Honorarprofessor von der TU Kaiserslautern.
Für die Landwirte wird es allerdings nicht leicht, mit dem Stand der Technik Schritt zu halten. „Die Technologie nimmt deutlich schneller in der Verbreitung zu als die Curricula geändert werden“, warnt der MEG-Vorsitzende Markus Demmel vom Institut für Landtechnik und Tierhaltung der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Gerade in der praktischen Aus- und Fortbildung der Landwirte sieht Demmel großen Reformbedarf. „Insbesondere ältere Landwirte sind häufig damit überfordert, neue Technologie einzusetzen. Ich glaube aber, dass sich das durch die Übergabe der Betriebe an die nächste Generation verbessert“, ergänzt Prof. Pickel und sagt: „Wir sehen, dass junge Menschen eine große Begeisterung für die Landwirtschaft entwickeln, gerade weil sie dort moderne Technologie umsetzen können.“

Für diesen Trend macht der Forscher unter anderem das Videospiel „Farming-Simulator“ (auch bekannt als „Landwirtschafts-Simulator“) verantwortlich, das sich weltweit millionenfach verkauft hat und auf der Agritechnica den gesamten Pavillon 32 füllt. „Dieses Spiel hat der Landwirtschaft einen guten Reputationsaufschwung verpasst“, lobt Pickel. Mit der Politik sind die VDI-Experten dagegen weniger zufrieden. „Wir brauchen mehr Planungssicherheit für langfristige Investitionen“, fordert Prof. Büscher und sagt: „Stallgebäude werden über 20 Jahre abgeschrieben. Da kann es nicht sein, dass nach fünf Jahren die Spielregeln geändert werden.“


