Abdul hat ein klares Ziel: „Ich möchte Arzt werden und dem deutschen Gesundheitssystem dienen.“ Doch das Jobcenter hatte andere Pläne mit dem Abiturienten aus Syrien: Pflege-Ausbildung oder Job im Lager, das waren die Alternativen, die ihm angeboten wurden. Ein Studium sei sein „privates Vergnügen“, hieß es. „Seit fünf Jahren steckt dieses Wort in meinem Kopf“, seufzt der heute 26-Jährige. Mittlerweile studiert er im vierten Jahr Medizin in Hannover. „Es ist richtig anstrengend, aber es macht auch Spaß“, berichtet er. „Jeder Satz, den ich lese, begeistert mich.“ Dass er so weit gekommen ist, verdankt er der Bildungsberatung „Garantiefonds Hochschule“ (GF-H). Das bundesweite Programm existiert bereits seit mehr als fünfzig Jahren und ist aus der historischen Flüchtlings- und Aussiedlerarbeit hervorgegangen. Es unterstützt junge zugewanderte Menschen dabei, ihre ausländischen Abschlüsse anerkennen zu lassen oder am Studienkolleg das deutsche Abitur nachzuholen, die erforderlichen Sprachnachweise zu finanzieren, sich auf einen Studienplatz zu bewerben und Stipendien oder Bafög zu beantragen. Die 21 Beratungsstellen bundesweit sind bei freien Trägern angesiedelt. In Hannover ist das der Caritasverband. Der schlägt jetzt Alarm: Denn das Bundesbildungsministerium will das Programm zum Jahresende einstellen.

„Bei aktueller und kritischer Betrachtung, zu der insbesondere die allgemeine Haushaltssituation zwingt, fehlt es an einer hinreichenden Förderzuständigkeit für das Programm aus den zentralen Aufgabenbereichen des Ministeriums“, erklärt eine Sprecherin auf Rundblick-Anfrage. Doch gerade an dieser „kritischen Betrachtung“ zweifelt Tanja Gomm vom Caritasverband. Denn hätte jemals eine Evaluation des Projektes stattgefunden, hätte sie nur positiv ausfallen können, meint sie: Die Bildungsberatung und -förderung koste bundesweit nur schlanke fünfzehn Millionen Euro und die Erfolge seien messbar. Von den 68 jungen Menschen, die 2026 in Hannover eine finanzielle Förderung erhalten haben, haben 66 bereits eine Studienzulassung. 75 Prozent der Geförderten bundesweit haben ein Studium in einem MINT-Fach, Medizin, Ingenieurs- oder Wirtschaftswissenschaften gewählt: „Bereiche mit akutem Fachkräftemangel“, wie die Beraterin betont. Doch der vorgelegte Wirkungsbericht liege weiterhin unbearbeitet im Ministerium, mutmaßt Gomm. Der Caritasverband hat eine andere Vermutung, warum das Programm abgewickelt werden soll: „Zuwanderung ist zurzeit nicht sexy.“
Das Bundesbildungsministerium verweist auf diverse andere Programme für junge Migranten. Doch die, kontert Tanja Gomm, decken jeweils nur Teilbereiche ab. „Das GF-H-Programm ist das einzige Programm in Deutschland, das individuelle Studienvorbereitung, Sprachförderung bis C1, Anerkennung ausländischer Abschlüsse und zielgruppenspezifische Beratung in dieser Kombination vereint“, betont sie. Die Hochschulen seien nur zuständig für Studierende, die bereits immatrikuliert sind. Bevor es so weit ist, sitzt man zwischen allen Stühlen. Das Jobcenter finanziert nur berufsvorbereitende Sprachkurse. Für einen studienvorbereitenden Sprachkurs mit entsprechendem Zertifikat werden in Hannover fast 4000 Euro fällig, rechnet Gomm vor. Eine Bewerbung um einen Studienplatz kostet für Nicht-EU-Ausländer schnell 500 Euro. „Mit einem Nebenjob allein kann man das nicht finanzieren“, ist die Beraterin sicher. Eine Petition zum Erhalt des Programms hat bereits mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt.

Der Caritasverband hat fünf junge Menschen aus verschiedenen Ländern mitgebracht, die alle eines vereint: Sie haben klare Ziele und sind hochmotiviert zu studieren. Deswegen ist eine Ausbildung, die das Jobcenter einigen von ihnen nahegelegt hat, keine Alternative für sie. „Wir sind jung, wir wollen nicht noch mehr Zeit verlieren“, sagt Sascha. Der 21-Jährige will seit seiner Kindheit Schiffbau-Ingenieur werden und hatte in der Ukraine bereits ein Studium angefangen. „Meine Freunde, die in meinem Alter sind, sind jetzt schon bei ihrer Promotion“, argumentiert Abdul. Tanja Gomm ergänzt: „Ihnen wird nicht gesagt, dass sie nach einer Ausbildung wieder von vorne anfangen. Selbst, wenn man einen deutschen Berufsabschluss hat, braucht man ein C1-Zertifikat, um zu studieren.“ Was sie nicht versteht: „Die Fachkräfte, die wir suchen, sind bereits hier. Wie kann man von Fachkräftemangel sprechen und solche Programme einstampfen?“


