5. Juli 2020
Finanzen

Verdi warnt: ÖPP-Projekte sind risikoreich

Der Verdi-Landesleiter Detlef Ahting tritt in der neu aufgeflammten Debatte über eine Beteiligung privater Investoren an öffentlichen Bauvorhaben auf die Bremse. „Jeder, der so etwas anschiebt, sollte die Sache vorher auf Herz und Nieren prüfen. Es geht um die Laufzeit, die Bedingungen und um die Frage, wie stark der Auftraggeber auf die Inhalte der Planung und mögliche Veränderungen einwirken kann. Ansonsten sollte man den Weg nicht gehen“, erklärte Ahting im Interview mit dem Politikjournal Rundblick. Im Zusammenhang mit der Finanzierung der beiden Uni-Kliniken MHH in Hannover und UMG in Göttingen war im Juni die Frage aufgetaucht, ob man nicht besser private Investoren hinzuziehen sollte. Diese Überlegung wurde konkret von der FDP-Landtagsfraktion und vom Landesrechnungshof vorgetragen. Für den Rechnungshof bedeutete das eine Kehrtwende, da er jahrelang eher vor den Nachteilen von „Öffentlich-Privater Partnerschaft“ (ÖPP) gewarnt hatte.

Corona-Krise hat die Reserven schrumpfen lassen

Das Problem bei MHH und UMG ist, dass für beide Vorhaben bisher in einem „Sondervermögen“ des Landes 2 Milliarden Euro geplant sind, von denen eine Milliarde Euro schon bereitstehen. Die gesamte Summe soll nach bisherigen Überlegungen erst 2035 zur Verfügung stehen. Dies ist zum einen ein sehr später Zeitpunkt, zum anderen scheint ungewiss, ob das Land nach der Corona-Krise noch jährlich hohe Beträge für beide Projekte zur Seite legen kann. Auf der anderen Seite zeigt der aktuelle Masterplan allein für die MHH schon einen Bedarf von 2,6 Milliarden Euro an.
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Der Landesrechnungshof schätzt die Gesamtkosten für beide Standorte auf einen Betrag „zwischen 5 und 7 Milliarden Euro“. Wissenschaftsminister Björn Thümler hatte unlängst im Haushaltsausschuss des Landtags erklärt, schon vor längerer Zeit hätten Versicherungen ihren Wunsch geäußert, auch für eine relativ geringe Rendite ihr Geld in öffentliche Projekte anlegen zu können. Thümler fügte aber hinzu, die Landeshaushaltsordnung mit ihren strengen Prüfungsvorgaben ermögliche einen derartigen Weg erst nach mehreren Jahren Vorbereitung – somit lohne sich das nicht.

Ahting: ÖPP lohnt sich nur in seltenen Fällen

Verdi-Landesleiter Ahting ist skeptisch gegenüber ÖPP-Vorhaben. Er verweist auf Prüfungen für kommunale Investitionen in Schulen und andere Bauten, die vor Jahren unter anderem in Salzgitter und Braunschweig gelaufen sind. Gutachter hätten schon seinerzeit festgestellt, dass der weit überwiegende Teil der Projekte am Ende teurer geworden sei als anfangs geplant. Ein anderer Nachteil sei, dass die Erstausstattung nicht sorgfältig genug ausgewählt wurde und für Nachbesserungen der Bauherr, nicht der private Träger habe aufkommen müssen. Dabei sei deutlich geworden, dass man die Folgekosten und die Einwirkung auf laufende Veränderungen sehr konkret in den Verträgen festschreiben müsse. Auch die privat finanzierten Autobahnen, die in der Vergangenheit gelaufen sind, zeigten bei der Nachbetrachtung nicht, dass es für den Staat günstiger gelaufen sei. In vielen Fällen hätten sich die Vorhaben sogar verteuert. Ein staatlicher Auftraggeber für ein Großprojekt müsse überdies aufpassen, dass er mit der Beteiligung von privaten Investoren nicht sämtliche Steuerungsmöglichkeiten aus der Hand gebe. Wichtig sei, auch später im Baufortschritt noch Veränderungen bewirken und diese auch durchsetzen zu können. Gerade im Gesundheitsbereich habe die Corona-Krise gezeigt, wie wichtig es sei, die Zügel in der Hand zu haben. Daseinsvorsorge gehöre in die öffentliche Hand. Dass Sozialstandards und Tarife nur gewährleistet werden könnten, wenn auch öffentliche Kontrolle bestehen bleibe, komme in dieser Debatte noch hinzu.

Lockerung der Schuldenbremse als Ausweg?

Was die Finanzierungsprobleme von MHH und UMG angeht, plädiert Ahting für eine Lockerung der Vorschriften der Schuldenbremse. Nach bisherigen gesetzlichen Bestimmungen sind Ausnahmen vom Neuverschuldungsverbot nur bei einem Konjunktureinbruch oder bei einer Notlage (wie jetzt nach den Corona-Einschränkungen) erlaubt. „Es darf nicht sein, dass der Staat künftig nach allen Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft und anderen Hilfen nicht mehr handlungsfähig ist und kein Geld mehr etwa für die Krankenhäuser ausgeben kann“, betont Ahting. Ein Teil der Firmen, denen der Staat derzeit hilft, sollten zur Rückzahlung verpflichtet werden, sobald die Krise überwunden ist. Auch über eine gerechte Besteuerung solle man sich Gedanken machen. Im Übrigen plädiert der Verdi-Landesleiter dafür, den Vorschlag des DGB-Landesvorsitzenden Mehrdad Payandeh aufzugreifen: Ein Betrag von etwa einer Milliarde Euro könne aus dem Landesetat ausgegliedert werden in einen „Niedersachsen-Fonds“, der dann selbstständig Kredite aufnehmen und damit Großvorhaben der Infrastruktur bezahlen kann.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #126.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter