
Alle paar Jahre, sagt Stephan Weil, schaut er beim TÜV Nord vorbei, einem Unternehmen mit weltweit 14.000 Mitarbeitern, das seinen Sitz in Hannover hat. „Jedes Mal gehe ich überrascht und bereichert wieder fort“, fügt der Ministerpräsident hinzu. An diesem Mittwoch hat sich Weil im Gespräch mit den Ingenieuren, Planern und Energieexperten ausführlich zu einem wichtigen Thema ausgetauscht, vielleicht dem derzeit wichtigsten überhaupt: Wie schaffen wir die Energiewende? Wie können wir unsere Stromversorgung möglichst schnell und vollständig auf Erneuerbare Energien umstellen?
Das Fazit von Weil nach einem einstündigen, vertraulichen Gespräch lautet: „Die Dauer für die Genehmigung neuer Windräder muss sich deutlich verringern. Das Tempo, in dem jetzt das schwimmende LNG-Terminal in Wilhelmshaven geplant wird, muss der Maßstab sein. Das muss die Deutschland-Geschwindigkeit sein“, betont der Ministerpräsident. Für ihn sei das „die große Erwartung an das Sommerpaket der Bundesregierung“. Mit dem „Sommerpaket“ sind gesetzliche Vorschläge der Ampel-Koalition in Berlin gemeint, die im Detail zeigen sollen, wie die Energiewende rascher vollzogen werden soll. So folgt das „Sommerpaket“ dann auf das „Osterpaket“, in dem schon mal eine wesentliche Vorleistung geregelt wurde: Windkraftanlagen gelten künftig als „privilegiert“, und ihr Ausbau soll stark forciert werden. Das heißt, in der Abwägung der verschiedenen Nutzungsinteressen bei der Raum- und Flächenplanung bekommen sie einen Vorrang.
Doch wie genau sieht der Vorrang aus? In der Praxis, so verdeutlichte TÜV-Nord-Chef Dirk Stenkamp, sind die Hürden immer noch groß genug: Zu üppige Abstandsregeln zur Wohnbebauung verhindern neue Windräder, zu wenige Flächen für Windkraft stehen bereit – und wenn es dann ans Bauen gehen kann, kommen Lieferschwierigkeiten beim Stahl oder bei seltenen Erden, die für die Magnete und Rotoren gebraucht werden, noch hinzu. Die Botschaft von Stenkamp an den Ministerpräsidenten lautet dabei: Wir bieten unsere Hilfe an, wir könnten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der TÜV will die Politik mit dem Problem nicht allein lassen.
Aber wie groß ist die Herausforderung tatsächlich? Der TÜV-Planer Alex Ohff skizziert das Problem anhand weniger Zahlen. Wenn es um Onshore-Windkraft geht, also die Anlagen auf dem Land, liegt der jährliche Zuwachs bisher bei weniger als 2 Gigawatt. Im „Osterpaket“ werden aber 10 Gigawatt angepeilt. Gegenwärtig liegt die Kapazität bei 57 Gigawatt, bis 2030 oder möglichst noch früher sollen aber zusätzlich 59 Gigawatt über Onshore entstehen – die Menge soll also verdoppelt werden. Nun zieht Ohff einen Vergleich: Derzeit dauert die Genehmigung einer Windkraftanlage auf dem Land in der Regel etwa acht Jahre, laut Plan der Bundesregierung soll der Zuwachs aber schon 2025 von jetzt 2 auf 10 Gigawatt jährlich gewährleistet sein. „Eine Verfünffachung des Zubaus ist nicht möglich, wenn jede neu geplante Anlage acht Jahre bis zum Bau benötigt.“ Man müsse also schauen, was der Grund für die zögerlichen Genehmigungen ist. Da falle zunächst auf, dass viele Landkreise nicht ausreichend Planer und Ingenieure haben, die einen Bauantrag auch beurteilen können – schon gar nicht, wenn der erhoffte Boom an neuen Anträgen kommt, sich also in den Kreishäusern die Anträge stapeln.
Zudem gehe es in jedem Einzelfall auch um konkrete Fragen, die begutachtet, geprüft und abgewogen werden müssen: Wie ist die Schallimmission des neuen Windrads? Welche Schatten wirft sie und ist das verträglich? Wie geeignet ist der Standort mit Blick auf Sturmgefahren? Wie werden die Risiken bei einem Brand oder bei Vereisung der Anlagen beurteilt? Wie ist der Boden beschaffen und welche Freileitungen liegen in dem ausgesuchten Gebiet, die womöglich in Mitleidenschaft gezogen werden? Hier kommt nun der TÜV ins Spiel, der anbietet, den Genehmigungsbehörden helfend zur Seite zu stehen – indem er seinen wissenschaftlichen Sachverstand bei der Plausibilitätsprüfung für all diese Fragen beisteuern könnte. Das könnte wohl auch landesweit geschehen, also als Hilfestellung der Landesverwaltung für die mit der Sache betrauten, aber hin und wieder wohl überforderten Landkreise.
Ob sich das Land und die Kommunen darauf einlassen? Zumindest das Angebot des TÜV Nord liegt vor, und auch den Landkreisen ist längst bewusst, dass die Größe der Aufgabe einer beschleunigten Energiewende ihnen einiges abverlangen wird. Wenn das schon alles wäre… Der TÜV geht noch weiter. Niedersachsen könne das Wachstum des Windmarktes anschieben, wenn das Repowering, die Aufrüstung schon vorhandener Anlagen, beschleunigt wird. Wichtig sei dafür, dass man an alte Genehmigungen anknüpfen und nicht alle Teilschritte noch einmal wiederholen muss – denn sie sind ja schon beim Bau der ersten Anlage geschehen. „Mehr Pragmatismus“ sei in den Behörden an dieser Stelle notwendig. Noch ein anderes Problem schließt sich allerdings an, und dieses ist zum einen sehr grundsätzlich, zum anderen aber auch sehr ärgerlich.
Mehrere Speichermöglichkeiten sind denkbar, wenn es darum geht, überschüssigen Strom aus Wind- oder Sonnenenergie „festzuhalten“: Man kann es über Wasserstoff speichern (das ist noch in der Entwicklung), über Pumpspeicherwerke (das wäre ein großer Eingriff in die Landschaft) oder über Batterien (deren Leistungsfähigkeit noch begrenzt ist). Daher ist für die Grundlast und den Ausgleich der Schwankungen, die die Erneuerbaren Energien mit sich bringen, eine Unterstützung nötig. Die Firma Uniper hatte noch zu Jahresbeginn den Plan verfolgt, zu diesem Zweck bundesweit 57 neue Gaskraftwerke zu errichten. Jetzt steht dieses Konzept in Frage, denn russisches Gas scheidet auf absehbare Zeit aus, LNG-Gas ist viel zu teuer. Soll man stattdessen auf Kohlekraftwerke ausweichen oder doch das Tabu antasten und die Kernkraftwerke wieder hochfahren? Noch hat die Politik für diese Frage keine Lösung. Der TÜV auch nicht.


