29. Okt. 2026
KommentarGeschichte

Warum es heute schwerer fällt, an die Anfänge Niedersachsens angemessen zu erinnern

Niedersachsen wird 80 Jahre alt, und das ist ein Anlass, die Geschichte zu beleuchten. Doch das fällt immer schwerer, da wichtige Hinweise verschwunden sind.

Wieder einmal steht ein runder Geburtstag des Landes bevor. Aber wenn Niedersachsen am 1. November 80 Jahre alt wird, dürfte die Erinnerung an vergangene Zeiten schwerer zu vermitteln sein als früher – zumindest an jene, die sich bisher noch nicht mit den Anfangsjahren der Bundesrepublik beschäftigt haben. Der Grund dafür liegt in Entscheidungen, wie sie beispielsweise in der Stadt Hannover in den zurückliegenden fünf Jahren getroffen worden sind. Die Namen von Straßen und Plätzen, die an früher einflussreiche und prägende Politiker erinnerten, wurden ausgetauscht – mit Verweis auf die problematische Rolle dieser Personen, besonders mit Blick auf ihr Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus.

Es war einmal: Die Hindenburgstraße in Hannover. | Foto: Kleinwächter

Das ist fatal, und zwar aus folgendem Grund: Weil auf einst bedeutsame Entscheidungsträger im täglichen öffentlichen Stadtleben nicht mehr hingewiesen wird, schwindet auch die Bereitschaft, sich mit diesen Personen zu beschäftigen oder sich mit ihnen und ihren Fehlern auseinanderzusetzen. Knapp gesagt: Die Erinnerungskultur leidet unter dem wachsenden Bedürfnis, nur noch moralisch einwandfreie Personen als Namensgeber für Straßen und Plätze zuzulassen. Die sind dann zwar bestimmte Vorbilder, aber sie sind auch weniger widersprüchlich.

An zwei Beispielen, die beide Hannover betreffen, wird das besonders deutlich. Nach langem Hin und Her haben sich die politischen Gremien im zuständigen Stadtbezirksrat 2023 entschieden, die bisherige „Hindenburgstraße“ im hannoverschen Zooviertel, einer wohlhabenden Gegend, in „Loebensteinstraße“ umzubenennen. Schon 2015 war der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz direkt vor dem Landtag in der Landeshauptstadt in „Hannah-Arendt-Platz“ umgetauft worden. Zunächst mal muss dazu festgestellt werden, dass die neuen Namen angemessen sind. Lotte-Lore Loebenstein war ein jüdisches Mädchen, das in Hannover geboren wurde, mit ihren Eltern 1940 in die Niederlande floh, dort später von den Nazis festgenommen und deportiert wurde. Sie ist später von den Nazis ermordet worden. Die Philosophin Hannah Arendt, die in Hannover-Linden geboren wurde, zählt zu den großen Denkern des 20. Jahrhunderts und hat mit ihrem Werk die Politikwissenschaft und Publizistik entscheidend geprägt. Beide Personen sind, wegen ihres tragischen Schicksals hier, wegen ihrer großen Bedeutung dort, ideale Namensgeber für zentrale Straßen und Plätze.

Vorbildlich: Die Erinnerungstafel an der Hindenburgstraße in Wunstorf. | Foto: Wallbaum

Das Problem liegt eher woanders – nämlich im Weglassen. Dass der letzte Reichspräsident Paul von Hindenburg kein überzeugter Demokrat war und viele Anhänger der Republik enttäuscht hat, als er Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannte, ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Die neueren Forschungen haben vielleicht einige Akzente verschoben, aber nicht das Gesamtbild verändert. Dennoch war Hindenburg zweifellos eine wichtige Figur der deutschen Geschichte im Kaiserreich, im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Auch für Demokraten war er zeitweise ein wichtiger Hoffnungsträger. Und die Gegend in Hannover, in der bis vor wenigen Jahren die „Hindenburgstraße“ verlief, war über lange Zeit seine Heimat. Hier lebte er, hier wurde er gefeiert, hierhin reisten Menschengruppen, um ihn zu sehen und ihn hochleben zu lassen. Es ist nicht lange her, dass man das Zoo-Viertel auch „Hindenburgviertel“ nannte, dass Restaurants in der Nähe sich mit dem Namen „Hindenburg“ schmückten.

Womöglich ist es nicht entscheidend, an Hindenburg genau an dem Ort zu erinnern, der stärker als viele andere in Deutschland mit seinem Wirken verknüpft ist. Schädlich für die Erinnerungsarbeit ist eine solche Verbindung allerdings auch nicht. Die Chance ist mittlerweile vertan. Als die Straße noch nach dem früheren Reichspräsidenten benannt war, gab es leider auch kaum Versuche, an ihn näher zu erinnern – sei es mit Hinweistafeln, Veranstaltungen, Filmen oder Dokumenten. Dabei kann, ja muss eine solche Erinnerung die Zwiespältigkeit historischer Persönlichkeiten zum Gegenstand haben. Es wäre nicht darum gegangen, Hindenburg zu ehren oder zu würdigen – sondern zu erklären, wo seine Positionen waren, welche Entscheidungen er getroffen hat, welche Fehler er beging, warum er das tat und welche positiven Seiten mit seinem Wirken verbunden sind. Das ist, wie erwähnt, versäumt worden. Nur in einer kurzen Phase von einigen Jahren war die historische Figur Hindenburg Gegenstand einer breiteren Berichterstattung – als es eben um die Frage ging, ob die Straße weiter seinen Namen tragen soll. Seit diese Debatte entschieden ist, fehlt jeder Hinweis auf Hindenburg in Hannover. Das ist schade. Woher soll heute noch der Anstoß kommen, den Zustand zu ändern? Es gibt ja kein Andenken mehr an ihn, abgesehen vielleicht vom früheren Wohnhaus, an das eine kleine Hinweistafel erinnert. Diese muss man schon gezielt suchen, um sie zu finden. Wie viel vorbildlicher ist da die Stadt Wunstorf vorgegangen, in der es auch eine Hindenburgstraße gab. Sie heißt immer noch so - und es steht dort eine aufschlussreiche, sachlich verfasste Informationstafel. Daran könnte sich Hannover mal ein Beispiel nehmen.

Die Hindeburgvilla in Hannover. | Foto: Kleinwächter

Hindenburgs Wirken ist wichtig für alle, die das Schicksal der Weimarer Republik verstehen wollen – und auch für den Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus. Damit gilt das mittelbar auch für alles, was nach 1945 geschah, als Niedersachsen gegründet wurde. Noch wichtiger für diese Phase ist die Rolle von Hinrich Wilhelm Kopf, des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten. Sein geschicktes Taktieren und Verhandeln in der „Stunde Null“, dem Neubeginn nach 1945, war maßgeblich für die Gründung von Niedersachsen – und für die Zusammenführung der Länder Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe. Insofern ist sein Wirken weniger widersprüchlich und fragwürdig als das von Hindenburg. Aber auch in Kopfs Vergangenheit sind dunkle Flecken zu finden, wie die Historikerin Teresa Nentwig 2012 näher herausgearbeitet hatte. Er war im Auftrag der deutschen Regierung am Verkauf einst jüdischen Eigentums im besetzten Polen beteiligt – und wird daher mit dem Vorwurf konfrontiert, vom Raub jüdischen Eigentums profitiert zu haben. Diese Erkenntnis war 2012 nicht neu, aber sie rückte – auf der Basis neuer Forschungsergebnisse – stärker ins Bewusstsein. Wenige Jahre später wurde entschieden, den zentralen Platz vor dem Landtag nicht mehr nach Kopf zu benennen. Und die Kopf-Büste, die im Landtagsfoyer stand, wurde abmontiert und verstaut. Sie ist heute nicht mehr sichtbar.

War das nun klug, die Erinnerung an Kopf quasi auszulöschen, indem sein Name aus dem Bild der Landeshauptstadt verschwindet? Auch hier entsteht eine bedenkliche Lücke. Mit dem Namen Hindenburg können viele Menschen etwas anfangen, aber mit Kopf? Wenn es vielleicht 100, 50 oder auch nur 20 Leute pro Jahr waren, die sich bei der Orientierung in Hannovers City die Frage gestellt hatten: „Wer ist denn dieser Hinrich Wilhelm Kopf, der da auf dem Straßenschild steht?“, dann dürfte es jetzt keinen mehr geben. Wo kein Zeichen mehr ist, das einen stutzig macht, da fällt auch die Nachfrage aus. Sicher, heute ist es viel leichter möglich als vor 20 Jahren, einem historischen Sachverhalt auf die Spur zu kommen. Man gibt den Namen bei Google ein, drückt auf den Knopf und kann einen erkenntnisreichen Wikipedia-Artikel lesen. Früher musste man erst ein Lexikon finden und darin blättern. Nur ist der erleichterte Zugang zu einer historischen Information nichts mehr wert, wenn es keinen Anstupser oder Auslöser gibt, der die Suche danach in Gang bringt.

Protestplakat zur Namensänderung der Hindenburgstraße in Hannover. | Foto: Beelte-Altwig

Wenn Paul von Hindenburg und Hinrich Wilhelm Kopf aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden, nutzt das der Demokratiebildung nicht, es schadet ihr vielmehr. Geschichte wird über Personen vermittelt und über die Orte, an denen sie gewirkt haben. Wo das verblasst, haben Agitatoren und Vereinfacher ein leichteres Geschäft für ihre Ideologie. Das Widersprüchliche, Peinliche in den Lebensläufen gerade dieser beiden Politiker sorgt ja dafür, dass man ihr Handeln einordnen und verstehen kann. War Kopf beispielsweise angreifbar wegen seiner Vergangenheit – und hat er mehr Zugeständnisse machen müssen, als er es eigentlich vorgehabt hatte? Oder waren ihm bestimmte Zugänge und Kontakte nur möglich, weil er in der NS-Zeit auch „belastet“ war? Wie ist es überhaupt mit der Frage danach, ob die Masse der Gründer-Väter und -Mütter der Bundesrepublik frei sein konnte von jeder Verbindung zum NS-Regime. Mussten nicht mehr Kompromisse geschlossen werden, als es in der heutigen Zeit vorstellbar erscheint?

Die Antwort auf solche Fragen kann nicht abgekoppelt werden von den Einzelpersonen und ihren Schicksalen. Wer aber die Erinnerung nur auf jene lenken will, die zweifellos moralisch unbelastet geblieben sind, blendet nicht nur einen großen Bereich der Wirklichkeit aus – er leistet auch der Illusion Vorschub, dass nur die wirklichen Vorbilder die Geschicke in die richtige Richtung gelenkt hätten. Zu den Lehren der Geschichte gehört, dass dies so nie gestimmt hat und auch nie stimmen wird.

Dieser Artikel erschien am 30.10.2026 in Ausgabe #192.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum
Warum es heute schwerer fällt, an die Anfänge Niedersachsens angemessen zu erinnern | Rundblick Niedersachsen