7. Sept. 2020
Umwelt

Wie erneuerbare Energien blockiert werden

Ginge es nach Ministerpräsident Stephan Weil, würde Niedersachsen bald einen weiteren Spitzenplatz in einem bundesweiten Ranking einnehmen. Nach dem Agrarland Nummer eins, dem Auto- und dem Pferdeland, soll Niedersachsen künftig auch das Klimaschutzland Nummer eins werden. Das verkündete Weil jedenfalls beim Branchentag vom Landesverband Erneuerbare Energie Niedersachsen Bremen (LEE). Doch wie steht es denn wirklich um den Ausbau der Erneuerbaren in Niedersachsen? Noch immer fehlt das Klimaschutzgesetz, bemängelt der Branchenverband. Noch immer fehlen die klaren Regeln und Rahmenbedingungen, an denen sich Investitionen orientieren könnten. Die Baustellen sind vielfältig, wir haben einige besucht: Windenergie unter der Knute des Artenschutzes: Hier könnte Niedersachsen tatsächlich Vorreiter sein, doch in den vergangenen Jahren ist der Ausbau der Windenergie ins Stocken geraten. Sehr deutlich gezeigt hat sich das in der Krise des Windenergie-Giganten Enercon, der im vergangenen Jahr seinen Rückzug aus Niedersachsen angekündigt hatte: Warum weiter hierzulande teuer produzieren, wenn in der näheren Umgebung eh keine Windräder aufgestellt werden können? Ein Problem sind die langwierigen Genehmigungsverfahren – und das sind sie nicht erst seit neustem. Bereits im vergangenen Jahr kam es beim LEE-Branchentag zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen zwischen Windwirten und dem Nabu-Vorsitzenden Holger Buschmann. Denn häufig sind es der Naturschutzverband oder dessen Mitglieder, die gegen den Bau einer Windkraftanlage klagen. „Die Novellierung des Windenergieerlasses und des Artenschutzerlasses darf nicht ungefähr bleiben, sie muss zum Erfolg führen“, erklärte deshalb Bärbel Heidebroek, Vorsitzende des LEE. Mantra-artig wiederholen die Verfechter der Erneuerbaren Energie genau wie Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies die Aussage, dass Klimaschutz auch Artenschutz sei – und die beiden Schutzziele nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Im Streit zwischen Windbranche und Naturschützern zeichnet sich nun eine Annäherung der beiden Konfliktparteien ab. In einem vom Umweltministerium geförderten Projekt wollen LEE und Nabu ein sogenanntes „integratives Genehmigungsverfahren“ entwickeln. Ziel ist es, dass weniger angreifbare Bauprojekte entstehen, indem man die Artenschützer frühzeitig mit einbindet. https://www.youtube.com/watch?v=VJ1_vwr0PhM Standortsuche für neue Windräder: Weiter fordert die LEE-Chefin, dass „die Landesraumordnung der Windenergie substanziell Raum schaffen“ müsse. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin war ein runder Tisch des Umweltministeriums, bei dem man sich darauf verständigt hat, bis 2030 2,1 Prozent und bis 2050 2,4 Prozent der Landesfläche mit Windenergieanlagen zu belegen. Doch das Problem bleibt weiterhin: Wo kann überhaupt gebaut werden? LEE-Chefin Heidebroek spricht sich dafür aus, das Repowering – also die Erneuerung von Kraftwerken – stärker zu fördern. Schließlich hätten die bestehenden Standorte den großen Vorteil, dass sie in der Regel von der Gemeinde und der Bevölkerung akzeptiert würden. In diesen Fällen sollte es vom Staat ermöglicht werden, die Anlagen zu erneuern, selbst wenn sie nicht in einer ausgeschriebenen Vorrangfläche liegt, so Heidebroek. Es sei auch wichtig, Übergangsmodelle zu finden, um Standorte zu erhalten, an denen ein Repowering aktuell nicht möglich sein sollte. „Sind die Anlagen erst einmal weg, sind die Standorte verloren“, warnte Heidebroek. Bei der Suche nach neuen Standorten setzt die LEE-Vorsitzende auf den Wald. Wenn man versuche, immer weiter von der Bevölkerung weg zu kommen, dürfe man den Forstbereich nicht kategorisch ausschließen. Dabei spreche sie bewusst von Wind im Forst und nicht im Wald – denn nicht jeder Wald sei der klassische Märchen- oder gar Urwald, den manche bei dem Begriff im Kopf hätten. „Eine Fichtenmonokultur ist nicht per se wertvoller als eine Offenlandfläche“, sagte Heidebroek.
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Mehr Solar wagen: Gerade in Niedersachsen gebe es beim Ausbau der Solarenergie noch unglaublich viel Potential, meint LEE-Chefin Heidebroek. Auch hier solle das Raumordnungsprogramm genutzt werden, um zu schauen, welche Flächen noch für die Solarenergie genutzt werden könnten. Doch die Erfahrung macht sie hier vorsichtig: Man sollte vorher ganz genau hinschauen, damit man nicht in den nächsten Konflikt um die Nutzung von Flächen gerät. Heidebroek plädierte deshalb für einen „Masterplan Solar“ für Niedersachsen und Bremen. Der Zwei-Städte-Staat hat kürzlich eine Solarpflicht für Neubauten beschlossen. Heidebroek wünschte sich, dass in Niedersachsen zumindest überprüft wird, welche Dachflächen noch genutzt werden können. Beim Branchentag Erneuerbare Energien berichtete Bremens Umweltsenatorin Maike Schaefer, wie versucht wird, Bremen und Bremerhaven zur „Solarcity“ zu machen. Neben der bereits genannten Pflicht für Photovoltaik-Anlagen auf allen geeigneten Neubauten, hat sich Bremen ein Solardach-Kataster zugelegt. Dazu sei man über die Stadt geflogen und habe ermittelt, wo es schon Solaranlagen auf den Dächern gibt und welche Dächer noch Potential haben. Über eine Online-Datenbank kann nun jeder Bürger die Eignung seines Daches einsehen, kann seinen eigenen Verbrauch eintragen und dann errechnen lassen, ob sich ein Solardach lohnen würde. „Wir wollen Solar lecken machen“, sagte Schaefer. Farbenlehre beim Wasserstoff: Der neuste Trend in der Energiebranche ist es, Wasserstoff als Energieträger einzusetzen. Bund und Land haben inzwischen eigene Wasserstoffstrategien vorgelegt. Doch Wasserstoff ist nicht gleich Wasserstoff – es gibt blauen, grünen und gewissermaßen dazwischen noch türkisen Wasserstoff. Entscheidend ist die Art und Weise der Erzeugung: Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen, bei der Erzeugung entsteht das schädliche Treibhausgas CO2. Beim türkisen Wasserstoff wird versucht, die CO2-Bildung zu unterbinden, so dass nur noch Kohlenstoffmoleküle herauskommen, die man dann anderweitig verwenden könnte. Grüner Wasserstoff hingegen entsteht grob gesagt dadurch, dass (im Idealfall durch Windenergie erzeugter) Strom auf Wasser gelegt wird und so Wasserstoff- uns Sauerstoffatome getrennt werden. Die LEE-Vorsitzende mahnte: „Wasserstoff muss grün sein, sonst ist es eine klimapolitische Mogelpackung.“ Von Niklas Kleinwächter
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #155.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter