29. Sept. 2026
Blick in die WirtschaftWirtschaft

Wie Forschung in Niedersachsen zu Innovation wird – und was Laser damit zu tun haben

Mondstaub schmelzen, Schiffe säubern, Fabriken automatisieren: In Marienwerder zeigen Forscher und Firmen, wie aus Ideen neue Technik, Geschäftsmodelle und Unternehmen entstehen.

Aus Forschung wird Sicherheitstechnik: Das System Fastlight Shield der LZH-Ausgründung Inleap Photonics soll Drohnen mit einem Laser in weniger als einer Sekunde abwehren. | Foto: Inleap Photonics

Was haben Unkraut auf dem Acker, Muscheln am Schiffsrumpf und Mondstaub gemeinsam? Im Laser-Zentrum Hannover (LZH) geraten sie alle unter gebündeltes Licht, um sehr unterschiedliche Probleme zu lösen: Auf dem Acker beseitigt ein Laser auf einem Feldroboter Unkraut ohne Chemie. Das kann Pflanzenschutzmittel und damit Kosten sparen. Unter Wasser fährt ein magnetisches Fahrzeug am Schiffsrumpf entlang und entfernt mit einem Laser Algen, Muscheln und Seepocken. Saubere Rümpfe senken den Wasserwiderstand und damit den Treibstoffverbrauch. Für den Mond haben die Forscher einen Laser so klein gebaut, dass ein Rover ihn mitnehmen kann. Er verschmilzt Mondstaub zu festem Material, aus dem künftig Landeplätze, Straßen oder Bauteile entstehen könnten – statt sie teuer von der Erde zu transportieren. „Was in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen entsteht, zeigt die Anwendungsbreite der Lasertechnik: von der Tiefsee über den Acker bis ins All“, sagt Geschäftsführerin Lena Bennefeld. Hinzu kommen Anwendungen für minimalinvasive Operationen, intelligente Implantate, Sicherheitsanwendungen oder die Fusionsforschung. „Diese Bandbreite macht deutlich, warum Photonik eine Schlüsseltechnologie ist – und warum das LZH für Unternehmen und den Standort Niedersachsen relevant ist.“

LZH-Vorstand Prof. Stefan Kaierle erklärt Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne, wie die laserbasierte Unterwasserreinigung von Schiffsrümpfen die Seefahrt kosteneffizienter und umweltverträglicher machen kann. | Foto: MW

Das LZH hat in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen gefeiert. Und die Bilanz für 2025 zeigt, warum das Ereignis auch ein Pflichttermin für Ministerpräsident Olaf Lies war: Rund 190 Mitarbeiter arbeiteten an 112 Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Das Institut erwirtschaftete gut 21 Millionen Euro, davon rund 15 Millionen Euro über Projekte und sechs Millionen Euro über die Grundfinanzierung des Landes. Unternehmen können sich an öffentlich geförderten Vorhaben beteiligen, deren Kosten und Risiken sie allein kaum tragen könnten. Daneben übernimmt das LZH vertrauliche Entwicklungsaufträge, deren Ergebnisse ausschließlich dem jeweiligen Auftraggeber zugutekommen. „Unternehmen profitieren dabei von unserer Infrastruktur, unserem Know-how und unserem Netzwerk – ohne eigene Kapazitäten aufbauen zu müssen“, sagt Bennefeld. Hinzu kommt der Wissenstransfer über Köpfe: Junge Forscher arbeiten während ihrer Promotion an praktischen Problemen und wechseln später nicht selten zu den beteiligten Unternehmen.

Manche Forscher gehen noch einen Schritt weiter und gründen selbst eine Firma. 18 Ausgründungen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten aus dem LZH hervorgegangen. Wie viel regionale Wertschöpfung daraus entstehen kann, zeigt Meko-Manufacturing in Sarstedt: Das Unternehmen beschäftigt heute mehr als 400 Mitarbeiter und fertigt hochpräzise Bauteile für die Medizintechnik und andere Industriezweige. „Das Fundament, das die Gründergeneration vor 40 Jahren gelegt hat, trägt – und zwar nachhaltig“, sagt Bennefeld. Die jüngste Ausgründung Optes entwickelt Anlagen, mit denen optische Bauteile hergestellt und geprüft werden. Sie schaffte den Schritt in die Selbstständigkeit aus eigenen Mitteln und ohne externe Investoren. Fiberbridge- Photonics und Inleap-Photonics arbeiten dagegen an Lasertechnik zur Abwehr von Drohnen. Eine Sache haben laut Bennefeld alle Ausgründungen gemeinsam: „Sie sind aus wissenschaftlicher Neugier entstanden, aus der Hartnäckigkeit, nicht aufzugeben, bis aus einer Idee etwas wird, das funktioniert.“

Feiern 40 Jahre Laser-Zentrum (von links): Lena Bennefeld, Prof. Dietmar Kracht und Prof. Stefan Kaierle vom Geschäftsführende LZH-Vorstand mit Meko-Chef Clemens Meyer-Kobbe und Ministerpräsident Olaf Lies. | Foto: LZH

Sechs Ausgründungen des Laser-Zentrums sind in unmittelbarer Nachbarschaft geblieben: Cutting Edge Coatings, Fiberbridge-Photonics, die LZH-Laser-Akademie, Micreon, Neolase und Optes sitzen ebenfalls in Marienwerder. Sie gehören damit zur „Science Area 30X“, wie der frühere Wissenschafts- und Technologiepark seit 2021 heißt. Der Name klingt ein bisschen nach einer militärischen Geheimbasis zur Alienforschung, lässt sich aber einfach entschlüsseln: Die 30 steht für die ersten beiden Ziffern der Postleitzahlen von Hannover und Garbsen, an deren Stadtgrenze das Gelände liegt. Das X stammt aus der Mathematik – und lässt offen, was bei der Forschung herauskommt. Die Stadt Hannover kaufte das Gelände 1989, um dort gezielt einen Wissenschafts- und Technologiepark aufzubauen. Inzwischen sitzen auf den rund 28 Hektar mehr als 50 Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Mit zwei Technologiezentren bietet Hannover-Impuls jungen Firmen zudem Büros, Labore und Werkstätten, in denen sie anfangen und wachsen können, ohne den Standort wechseln zu müssen. „Die räumliche Nähe bedeutet kurze Wege, schnelle Abstimmungen und gemeinsame Projekte“, sagt Bennefeld. „Aus diesen Kontakten sind bereits mehrere Forschungsvorhaben entstanden.“

Zu den ältesten Nachbarn des LZH gehört das Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH). Es wurde 1988 aus der Universität Hannover ausgegründet und beschäftigt heute rund 80 Mitarbeiter. Während im LZH vor allem der Laser das Werkzeug der Wahl ist, geht es beim IPH um Produktionstechnik, Automatisierung und Logistik. Das Ziel ist dasselbe: Forschung soll nicht im Labor enden, sondern Unternehmen bei konkreten Problemen helfen. „Was das IPH erforscht, soll nicht in einer Schublade verschwinden, sondern tatsächlich in der Industrie ankommen und den niedersächsischen Unternehmen nützen“, sagt Geschäftsführer Malte Stonis. Besonders wichtig seien kleine und mittlere Betriebe. „Diese haben in der Regel weder das Personal noch die finanziellen Mittel, um selbst zu forschen und zu entwickeln. Diese Lücke füllen wir am IPH.“

Malte Stonis steht im Forschungsbereich für Additives Kunststoffrecycling des IPH. Er leitet das Institut seit zehn Jahren. | Foto: Kevin Münkel

Wie diese Hilfe ausfallen kann, zeigt das Projekt „Motorinspector“. Gemeinsam mit einem Messtechnikunternehmen entwickelt das IPH ein Verfahren, mit dem ein Roboter schmale Zwischenräume in Elektromotoren automatisch vermessen kann. „Der Luftspalt zwischen Rotor und Stator beeinflusst Wirkungsgrad, Laufruhe und Lebensdauer eines Elektromotors“, erklärt Stonis. Weil solche Spalten oft schmal und tief sind, werden sie bislang meist von Hand geprüft. Künftig sollen Kameras und Künstliche Intelligenz den Spalt erkennen und einen Roboter bei der Messung führen. „So entsteht erstmals eine vollständig automatisierte Vermessung tiefer Spalte und eine wichtige Grundlage für die automatisierte Elektromotorproduktion.“ Einsetzbar wäre die Technik später auch bei Turbinen, Pumpen, Getrieben, Batteriemodulen oder Bremssystemen. Das klingt weniger spektakulär als Mondstaub oder Muscheln am Schiffsrumpf, kann für Industriebetriebe aber ebenso wertvoll sein.

Hergestellt aus Sand und Sonne: So sieht der Prototyp des nachhaltigen Baumaterials von AddiSol aus. | Foto: AddiSol, Florian Fiedler

Im Büro von Florian Fiedler und Tim Drewke am IPH steht bereits der Prototyp eines 3D-Druckers, der Sand Schicht für Schicht aufschmilzt. Noch arbeitet die Anlage mit einem Laser, künftig soll gebündeltes Sonnenlicht die nötige Hitze liefern. So wollen die beiden Gründer aus Wüstensand feste Bauteile herstellen, ohne Sonnenenergie zunächst in Strom umwandeln zu müssen. „Wir könnten beispielsweise einen ganzen Torbogen an einem Stück drucken, wenn wir den 3D-Drucker entsprechend groß bauen“, sagt Fiedler. Erste Probekörper erreichten bei Untersuchungen der Materialprüfanstalt Hannover nach Angaben des Projekts bereits die Festigkeit hochfester Wandbaustoffe. Auf Addisol aufmerksam wurde IPH-Geschäftsführer Stonis beim hannoverschen Wettbewerb Startup-Impuls. Seit August können Fiedler und Drewke Räume, Fachwissen und Forschungsinfrastruktur des Instituts nutzen. „Das IPH ist ein sehr fruchtbares Umfeld für uns, auch wegen der Kompetenzen vor Ort“, sagt Fiedler. Ein erstes Signal aus der Wirtschaft gibt es ebenfalls: Das hannoversche Bauunternehmen Gundlach hat dem Projekt in einer Absichtserklärung strategische und fachliche Unterstützung zugesagt.

LZH und IPH arbeiten auch gemeinsam. Bei Niedersachsen-Additiv helfen sie kleinen und mittleren Unternehmen, den 3D-Druck in der eigenen Produktion einzusetzen. Hinzu kommt der informelle Austausch auf dem Gelände. Hannover-Impuls lädt die Nachbarn regelmäßig zum gemeinsamen Frühstück ein. Dort haben sich laut Stonis bereits Unternehmen und junge Firmen kennengelernt, die anschließend gemeinsam Förderprojekte beantragt haben. Auch über vorhandene Maschinen und Anlagen tauschen sich die Nachbarn aus, damit nicht jeder teure Technik selbst anschaffen muss. „Die Science Area 30X ist daher tatsächlich wie eine Nachbarschaft zu betrachten“, sagt Stonis.

Diese Nachbarschaft wächst weiter. 2027 soll neben dem LZH das Opticum eröffnet werden, ein rund 89 Millionen Euro teurer Forschungsbau der Leibniz-Universität Hannover. Rund 120 Forscher sollen dort die universitäre Optik- und Photonikforschung bündeln und unter anderem an Quantenphotonik und Technologien für die Fusionsforschung arbeiten. Grundlagenforschung, anwendungsnahe Entwicklung und junge Unternehmen rücken damit noch enger zusammen. Ob daraus neue Produkte und Arbeitsplätze entstehen, lässt sich ebenso wenig vorhersagen wie das Ergebnis einer Gleichung mit X. Gute Voraussetzungen dafür sind in Marienwerder jedenfalls vorhanden: Wer aus einer wissenschaftlichen Idee ein Geschäft machen will, muss im besten Fall nicht einmal die Straßenseite wechseln.

Dieser Artikel erschien am 30.9.2026 in Ausgabe #170.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link
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