20. Dez. 2023
Kultur

Wie in Niedersachsens Sammlungen nach menschlichen Überresten gesucht wird

Dass sich Unmengen menschlicher Gebeine in den Sammlungen und Archiven von deutschen Museen und Universitäten befinden, ist zwar bekannt. Wie viele es aber genau sind, das kann man bloß schätzen. Eine neue Erhebung bringt nun ein wenig mehr Licht ins Dunkel dieses finsteren Kapitels der deutschen Kolonialgeschichte. Die Umfrage unter bundesweit 33 Einrichtungen, die relevante Bestände menschlicher Überreste verwahren, hat nun die Zahl von rund 17.000 Artefakten ermittelt, die einem kolonialen Kontext zuzuordnen sind. Das sind noch einmal 3000 Objekte mehr als man bislang angenommen hatte. Bei fast der Hälfte der Objekte lasse sich derzeit die geografische Herkunft nicht feststellen. Die Übrigen kommen demnach zu einem übergroßen Teil aus Afrika oder Ozeanien, aber auch aus dem gesamten Rest der Welt.

Foto: GettyImages TiSanti

Was die Umfrage aber vor allem zeigt: Trotz wachsender Bedeutung der sogenannten Provenienzforschung weiß man noch nicht sonderlich viel darüber, was sich in den Kisten und Kellern der deutschen Forschungsstätten befindet. 38 Prozent der übermittelten Zahlen seien summarische Angaben und stellen nur Annäherungswerte dar, heißt es in dem Bericht, dessen Ergebnisse dem Politikjournal Rundblick in Auszügen bekannt sind. Es bleibt also einstweilen bei Schätzungen. Nur bei etwas mehr als zwei Dritteln der Einrichtungen sind die Bestände inventarisiert, weniger als die Hälfte der ermittelten menschlichen Überreste wurden bislang digital erfasst.

„Der Umgang mit menschlichen Überresten aus kolonialem Kontext in Deutschland war in der Vergangenheit häufig fragwürdig. Jetzt haben wir die Chance, es besser zu machen.“

Die Erhebung war ein erstes Herantasten, man wollte sich einen Überblick verschaffen über ein Themenfeld, das gut ein Jahrhundert lang nicht angesehen wurde – oder zumindest nicht mit dem kritischen Blick von heute. Durchgeführt wurde die Umfrage von der Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland im Auftrag von Bund, Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden. Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD), der derzeit Vorsitzender der Kulturministerkonferenz ist, appelliert an die besondere Verantwortung, der sich die Museen und Sammlung aufgrund der deutschen Kolonialgeschichte stellen müssten. „Der Umgang mit menschlichen Überresten aus kolonialem Kontext in Deutschland war in der Vergangenheit häufig fragwürdig. Jetzt haben wir die Chance, es besser zu machen“, erklärte Mohrs gegenüber dem Politikjournal Rundblick. „Wo immer es geht, sollen Transparenz geschaffen und mit aller gebotenen Sensibilität Rückgaben ermöglicht werden. Die jetzt vorliegende Umfrage bietet dafür eine erste Grundlage, auf der weitergearbeitet werden kann.“

Gearbeitet wird derweil schon vielerorts. Auf Bundesebene kümmert sich etwa die Niedersächsin Katja Keul (Grüne) aus Nienburg, Staatsministerin bei der Bundesministerin des Auswärtigen, neben anderem um die Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit und um die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Ihr Augenmerk liegt derzeit auf Tansania, dem früheren Deutsch-Ostafrika, und möglichen menschlichen Überresten von Schlachtfeld und Schafott des blutig niedergerungenen Maji-Maji-Aufstands von 1905. Aber auch in Niedersachsen laufen bereits einige Forschungsprojekte und die ersten „human remains“ wurden bereits in ihre Herkunftsländer zurückgeführt. Ein Überblick:

Göttingen:

Seit 2020 untersucht die Universität Göttingen in dem von der Volkswagenstiftung finanzierten Forschungsprojekt „Sensible Provenienzen“ die eigenen Bestände nach kolonialen Artefakten – und öffnet dafür die eigenen Sammlungen auch für Forscher aus den möglichen Herkunftsländern. Insbesondere die Schädelsammlung des Naturforschers Johann Friedrich Blumenbach wurde dabei intensiv durchleuchtet. Im Sommer 2023 konnten die ersten menschlichen Überreste ihre Heimreise antreten – auf die Chathaminseln und nach Neuseeland. Die Knochen, die identifiziert werden konnten, ordnen die Forscher 32 Individuen zu. Herausgefunden hat man außerdem, dass die menschlichen Überreste auf zwei Wegen nach Göttingen gelangt sind. Zum einen über den Hamburger Unternehmer Umlauff, der Ende des 19. Jahrhunderts mit Knochen der Moriori gehandelt und sie zunächst an das Hamburger Museum für Völkerkunde verkauft hat. Schon damals war dies in Neuseeland illegal. Zum anderen über den Händler Kluckauf, der Überreste der Maori aus Neuseeland nach Wien verkauft hat, bevor diese nach Göttingen gelangten.

Hildesheim:

Nicht nur in der Blumenbachschen Schädelsammlung in Göttingen fand man jüngst Überreste der Maori, auch im Roemer- und Pelizeus-Museum der Stadt Hildesheim stieß man auf einen solchen Schädel. Ähnlich wie in manchen Göttinger Fällen fiel die erste ethno-geografische Zuordnung auch hier leicht, denn man hatte auf einem der Schädel die Aufschrift „Maori“ aufgebracht, wie das Museum mitteilte. Bei einer Recherche im Stadtarchiv sei Provenienzforscherin Sabine Lang dann auf einen Aktenvorgang gestoßen, der belegt, wie das Museum in den Besitz des Schädels gekommen war. Der gebürtige Hannoveraner Adolph Durlach habe ihn um 1888 überreicht, nachdem dieser ihn von einer Geschäftsreise nach Neuseeland mitbrachte, auf der er ihn von einem Richter als Geschenk erhalten haben will.

Oldenburg:

Von 2019 bis 2021 untersuchte auch das Landesmuseum Oldenburg die menschlichen Überreste aus kolonialen Kontexten im eigenen Haus. In der anthropologischen Schädelsammlung wurden 34 Schädel und zwei Gipsabgüsse betrachtet, bei 27 Schädel aus dem Verzeichnis „Scelette und Menschenschädel von 1894“ habe man koloniale Kontexte nachweisen können, wie das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste dokumentiert. Sie stammen etwa aus Australien, Kamerun und Papua-Neuguinea. Sechs weitere Schädel und ein Kindermumienschädel seien zudem in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts in Südamerika erworben worden, die kamen zwischen 1960 und 1980 aus Peru nach Oldenburg. Bei den tatsächlich aus kolonialen Zusammenhängen stammenden Gebeinen sei man nach Auswertung historischer Quellen zu dem Ergebnis gekommen, dass sie zwischen 1850 und 1913 durch Kauf- und Seeleute sowie Ärzte und Apotheker ins Museum gelangt sein müssen. Eine Ermittlung der Herkünfte soll Grundlage für den Dialog mit den Nachfahren und eine mögliche Rücküberführung sein.

Dieser Artikel erschien am 21.12.2023 in Ausgabe #224.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter