Steigt ein Niedersachse auf zur neuen Leitfigur der AfD im Bundestagswahlkampf? Eine Entscheidung in dieser Frage könnte bereits in wenigen Tagen fallen, wenn die Delegierten der Partei am 10. April zum Bundesparteitag in Dresden zusammentreffen. Offiziell ist noch nichts, aber in der AfD kursieren Informationen, wonach dem früheren Bundeswehrgeneral Joachim Wundrak aus dem niedersächsischen Landkreis Schaumburg diese Rolle angetragen werden könnte. Wundrak wäre dann der Kandidat der parteiinternen Gruppierung, die als die „Gemäßigten“ gelten und dem baden-württembergischen Bundessprecher Jörg Meuthen zugeordnet werden. Doch die Situation ist unübersichtlich – und es ist auch noch nicht einmal klar, ob Wundrak weiterhin als Spitzenkandidat der niedersächsischen AfD für die Bundestagswahl firmieren kann. Denn die Liste, die in der Aufstellungsversammlung Anfang Dezember in Braunschweig beschlossen wurde, befindet sich noch in der Prüfung bei Landeswahlleiterin Ulrike Sachs. Wie es heißt, hat Sachs zur Klärung auch den Bundeswahlleiter hinzugezogen. Es gab Hinweise, dass bis zu 40 AfD-Mitglieder die Einladung zu der Versammlung nicht erhalten hatten. Da die Wahlergebnisse in Braunschweig teilweise knapp ausgefallen waren, könnte dieser Formfehler ins Gewicht fallen und den Anlass liefern zur Wiederholung der Listenaufstellung.
In der AfD tobt nach wie vor ein interner Streit, und Wundrak könnte in die Mühlen des bundesweiten Konflikts geraten, der sich zwischen dem Lager des Bundessprechers Meuthen und dem seines Sprecherkollegen Tino Chrupalla entfaltet. Einige Kräfte rund um Chrupalla und den Vertretern des früheren rechten „Flügels“ möchten ihn an der Spitze sehen, kombiniert womöglich mit der Fraktionssprecherin Alice Weidel aus Baden-Württemberg. Andere wiederum sehen die Notwendigkeit, die Parteiflügel zu einen und einen unbelasteten Dritten nach vorn zu stellen. Wundrak, der ranghöchste frühere Soldat in der AfD, wäre eine solche Figur. Wieder andere sehen in der Nominierung von Wundrak ein Mittel, Fakten zu schaffen und den ungeliebten Meuthen zu verhindern. In seinem Heimatverband Baden-Württemberg hat Meuthen erheblich an Unterstützung eingebüßt, aber gemutmaßt wird, dass er nach Nordrhein-Westfalen ausweichen, sich dort für den Bundestag aufstellen lassen kann und dann für sich selbst eine Spitzenkandidatur beansprucht. In diesem Zusammenhang kommt der Bundesparteitag am 10. April ins Spiel: Eine Festlegung auf ein Spitzenteam käme zu früh für Meuthen, man könnte ihn damit ausbremsen.
Neben Wundrak werden noch andere Namen gehandelt – so Joana Cotar aus Hessen oder Kristin Brinkner aus Berlin. Sie könnten, heißt es, anstelle von Weidel neue Teampartnerin eines Spitzenkandidaten Chrupalla werden. In diesem Konzept wäre für einen bundesweiten Spitzenkandidaten Wundrak dann kein Platz. Wie es heißt, hat sich der frühere General parteiintern bisher auch sehr zurückhaltend geäußert, zumal die Wirksamkeit der niedersächsischen Landesliste derzeit noch von der Landeswahlleiterin in Hannover geprüft wird.
Derweil bereitet sich der AfD-Landesverband auf einen möglichen Sonder-Landesparteitag vor. Unabhängig von der Frage, ob die Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl wiederholt werden soll, begehren die Gegner des derzeitigen Landesvorstandes intern auf. Sie möchten eine neue Mitgliederversammlung, und gemutmaßt wird, dort könnte ein Abwahlantrag gegen den Landesvorsitzenden Jens Kestner und seine Stellvertreter auf den Tisch kommen. Kestner, der bisherige Außenpolitiker Armin-Paul Hampel und die Vize-Landesvorsitzenden Christopher Emden und Uwe Wappler waren bei dem Versuch gescheitert, für den Bundestag auf sicheren Plätzen aufgestellt zu werden. Es gibt allerdings AfD-intern Versuche, bei einer möglichen Wiederholung der Aufstellungsversammlung die Lager zu einen und einen Kompromissvorschlag vorzulegen – womöglich mit Wundrak und Hampel an der Spitze.


