Bei einer Expertenanhörung der Oppositionsfraktionen Grüne und FDP haben mehrere Wissenschaftler und Verbandsvertreter grundsätzliches Lob für die Idee eines „Stufenplanes“ geäußert – und gleichzeitig Änderungen im Detail angemahnt. Aus mehreren Ecken kam mehr oder weniger klar die Forderung nach neuen Chancen für Menschen, sich draußen aufhalten und dort auch – bei allen Einschränkungen – Veranstaltungen besuchen zu können. „Bald sind Osterferien, und ich hoffe inständig, dass wir kein gutes Wetter haben werden. Ansonsten wird es die Menschen auf die Straße und in die Natur treiben. Sie wollen dann auch übernachten. Die Leute wollen raus, sie brauchen ein Ventil“, sagte Rainer Balke vom Hotel- und Gaststättenverband Niedersachsen. Die Gastwirtschaft habe ja bereits funktionierende Hygienekonzepte entwickelt. Außerdem könnten Massentests eine Chance bieten, für größere Gruppen wieder den Zugang zur Hotel- und Gastwirtschaft zu öffnen. Ganz schlecht sehe es für Bars, Diskotheken und Clubs aus. „Ich sehe nicht, wie die wieder auf die Beine kommen sollen“, betonte Balke.
In eine ähnliche Richtung ging die Mahnung von Johannes Schmidt, dem Vorsitzenden des Kinderschutzbundes in Niedersachsen. „Die jungen Menschen sind pingeliger, genauer und moralischer, wenn man ihnen die Hand zur Beteiligung reicht“, erklärte er. Das Schlimmste aber sei, dass seit Monaten niemand die Talente der Kinder und Jugendlichen abfordere, dass bei ihnen Existenzängste, Zukunftsängste, Einsamkeit, Aggression und Antriebsarmut zunähmen. Die Stadtteile, forderte Schmidt, müssten „wieder zu Bauspielplätzen werden“, in denen sich Menschen begegnen und mit konkreten Aktionen ihren Frust abreagieren können. Die Politik sei gefordert, hier unbedingt Möglichkeiten zu schaffen, sobald die Entwicklung der Infektionen eine Öffnung zulasse. Hendrik Schmitt von der Industrie- und Handelskammer beklagte, mit den Geschäftsschließungen würden viele Unternehmer in die Verzweiflung und in den Ruin getrieben. Christoph Meinecke von den Unternehmerverbänden ergänzte, es sei für ihn nicht nachvollziehbar, warum das Verbot des Besuchs von Messen und Ausstellungen so strikt angewandt werde. Sinnvoller sei es, beispielsweise einzelnen Kunden den Zutritt zu erlauben – damit ein Handwerker etwa aus einem breiten Angebot an Fliesen die richtigen Bestände auswählen kann.
Zum Auftakt der Grünen/FDP-Anhörung erklärte Gérard Krause vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum, es gebe tatsächlich eine Alternative zu den umfangreichen und undifferenzierten Geschäftsschließungen. Wenn die Gesundheitsämter mehr Informationen darüber sammeln und auswerten dürften, welche Berufs- und Altersgruppen besonders Corona-gefährdet sind, wie die Ansteckungswege verlaufen und wo die Risiken eher gering sind, könne man daraus ein System von Teil-Öffnungen entwickeln. Verknüpft mit einer konsequenten Test-Strategie wäre so eine Wiederbelebung von Teilen der Wirtschaft und Kultureinrichtungen vorstellbar. Allerdings sei es dann auch nötig, dass jedermann verpflichtet wird, das Ergebnis seines Corona-Schnelltests zu melden.
Regierungssprecherin Anke Pörksen sagte am Dienstag, Ministerpräsident Stephan Weil verfolge ein Konzept aus umfangreichen Tests und Impfungen, verbunden mit der Corona-Warn-App könne so immer mehr Menschen wieder der Zugang zu Treffen ermöglicht werden. Solange aber die Zahl der Neuinfektionen nicht unter die Inzidenz 50 sinke, gehe man „nicht mit Enthusiasmus und Mut zu neuen Öffnungen“, sondern bitte „noch einmal dringend um Geduld“.
Schulöffnungen verschoben: Kultusminister Grant Hendrik Tonne sieht derzeit keine Chance, wie zunächst geplant Anfang März weitere Klassen wieder für den Präsenzunterricht zu öffnen. Die stagnierende Zahl der Inzidenzen lasse das leider nicht zu, erklärte der SPD-Politiker. Björn Försterling (FDP) warf Tonne „Untätigkeit“ vor und sagte: „Er koppelt mögliche Öffnungen einzig an die Indizenzen, statt endlich mehr zu unternehmen, um Unterricht und Kindergartenbetreuung sicherer zu machen.“


