11. Dez. 2015
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Zum Tage: Agrarstandort Niedersachsen?

(rb) Vor einem „stillen Rückzug“ bäuerlicher Familienbetriebe aus der Landwirtschaft hat Landvolk-Präsident Werner Hilse am Donnerstag während der diesjährigen Mitgliederversammlung des niedersächsischen Bauernverbandes in Hannover eindringlich gewarnt, bei der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, dessen niedersächsischer Amtskollege Christian Meyer sowie der Landesbischof der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers, Ralf Meister, zu Gast waren. „Die wirtschaftliche Situation auf unseren Höfen übertrifft in ihren negativen Ausmaßen alle bisherigen Erfahrungen“, sagte Hilse. Dass das kein berufsständisches Jammern auf hohem Niveau ist, belegen die aktuellen Zahlen der Landwirtschaftskammer. Danach sinken die Betriebsergebnisse der rund 39 500 niedersächsischen Höfe dramatisch. Die Kammer errechnete für das Wirtschaftsjahr 2014/15 einen Gewinnrückgang von durchschnittlich 45 Prozent. Das Unternehmensergebnis der Haupterwerbsbetriebe lag im Mittel nur noch bei 43 700 Euro. Die Verhältnisse seien für viele Betriebe existenzgefährdend, beklagte Kammerpräsident Gerhard Schwetje jüngst vor Journalisten in Oldenburg. Die Lage an den Agrarmärkten sei an Dramatik kaum zu überbieten. Alle Erzeugerpreise seien gesunken, zum Teil um bis zu 30 Prozent unter das Vorjahresniveau. Pro Betrieb gebe es Eigenkapitalverluste von mehr als 10 000 Euro. Für das laufende Wirtschaftsjahr sieht der Kammerpräsident „keine grundsätzliche Erholung der Märkte“. Rote Zahlen seien auf vielen Betriebskonten bereits jetzt „bittere Realität“. Die Stimmung sei miserabel. Dazu trage auch der politische und gesellschaftliche Druck bei. Immer mehr Betriebsleiter/innen dächten ans Aufhören. Aus Sicht von Landvolkpräsident Hilse muss die Entlastung der Bauern in erster Linie „über die Märkte kommen“. Gefordert sei aber auch die flankierende Hilfe der Politik. Sie dürfe der Landwirtschaft etwa die desaströsen Folgen des Russlandembargos nicht allein aufbürden. Mit zertifizierten Produkten etc. ließen sich Grenzen wieder öffnen. „Leider müssen wir mit Blick auf Brüssel, Berlin und Hannover zurzeit genau das Gegenteil feststellen“, kritisierte der Landvolkpräsident. Mit neuen Gesetzen – etwa die sogenannte NEC-Richtlinie aus Brüssel, die Düngeverordnung des Bundes oder der Tierschutzplan des Landes mit seinen weitreichenden Folgen – würden den aktiven Landwirten stets neue Ausgaben aufgebürdet, bevorzugt im Umwelt- und Tierschutzbereich. Zusätzlich zu den damit verbundenen Investitionen werde die Drosselung der Produktion zu noch geringeren Einkommen führen. „Höhere Ausgaben, geringere Erträge, das läuft betriebswirtschaftlich auf eine Katastrophe hinaus“, sagte Hilse. Schuld an der Misere sind aus seiner Sicht in erster Linie Faktoren, die von der Politik, der Gesellschaft, dem Handel und den Verarbeitungsunternehmen gesetzt werden. Zudem fehle der Agrar- und Ernährungswirtschaft als zweitwichtigster Branche des Landes ein „deutliches Signal der Unterstützung“. Den VW-Mitarbeitern habe Ministerpräsident Stephan Weil in einem beeindruckenden Schreiben versichert, er stehe in dieser schwierigen Zeit an ihrer Seite und zum Unternehmen. Solche eindeutigen Bekenntnisse gebe es gegenüber der Landwirtschaft leider nicht, bedauerte Hilse. Zudem müssten in die Debatte wieder Fachargumente, wissenschaftlich überprüfte Daten und Wirtschaftlichkeit einziehen. Mit seiner „sanften Agrarwende“ werfe der niedersächsische Landwirtschaftsminister dagegen sämtliche ökonomischen Prinzipien über Bord und stelle sich ausschließlich in den Dienst seiner Wählerschaft. „Wenn unseren Landwirten das Geld ausgeht und sie nur noch in Umwelt- und Tierschutz investieren dürfen, ohne jegliche Rentabilitätsrechnung, dann leiden bald auch Handwerksbetriebe und andere Unternehmen im ländlichen Raum“, warnte Hilse. Der Agrarstandort Niedersachsen nehme bereits jetzt großen Schaden. Dass diese Mahnungen auf offene Ohren in der Landesregierung stoßen werden, darf bezweifelt werden. Am Donnerstag kündigte die Berliner Vertretung des Landes eine Veranstaltung mit Landwirtschaftsminister Meyer und dem BUND-Vorsitzender Prof. Huber Weiger für Anfang Januar in der Bundeshauptstadt zur „Wunderwaffe Antibiotika“ an. Auf der Einladung prangen ein Schwein und ein Huhn – beide bestehen nur aus Tabletten. Im Einladungstext heißt es u.a.: „Antibiotika in der Nutztierhaltung sind schlecht für das Tier und schlecht für den Menschen. Schlecht für das Tier: weil sie benutzt werden, um Fehler in Zucht und Haltung zu kaschieren.“ Das deutet eher nicht auf eine differenzierte Herangehensweise an dieses komplexe Thema hin. bri
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #230.
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