(rb) Die Integration von neu zuwandernden Kindern und Jugendlichen stellt das deutsche Bildungssystem vor gewaltige und vor allem vor dauerhafte Herausforderungen – es ist eine Langstrecke. Darin waren sich die Fachleute einig, die auf Einladung des Arbeitgeberverbandes NiedersachsenMetall und der gleichnamigen Stiftung am Donnerstag im Hannover CongressCentrum gemeinsam mit Ministerpräsident Stephan Weil vor mehr als 200 Gästen darüber diskutierten, wie die Integration jugendlicher Flüchtlinge an Niedersachsens Schulen am besten gelingen könnte. In seiner Begrüßungsrede mahnte NiedersachsenMetall-Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Schmidt die „richtige Weichenstellung“ im Schulsystem an, insbesondere für die Vermittlung der deutschen Sprache, damit aus der Flüchtlingskrise nicht eine „Integrationskrise“ werde. Mittlerweile sei der anfängliche Optimismus einer gewissen Ernüchterung gewichen angesichts des vielfach niedrigen formalen Bildungsstands der neu Zugewanderten, vor allem aber über den nahezu durchgängigen Mangel an Sprachkenntnissen.
Die erste Generation von Flüchtlingskindern dürfe nicht zur „verlorenen Generation“ werden. „Wenn wir dafür sorgen, dass heute Integration an den Schulen gelingt, können gerade die jungen Flüchtlinge einen Teil dazu beitragen, die Fachkräftelücke von morgen zu schließen“, betonte Schmidt. Dabei müsse jungen Erwachsenen der höhere Wert einer dualen Ausbildung gegenüber schnell zugänglicher Hilfsarbeitertätigkeit deutlich gemacht werden. Niedersachsens Unternehmen stellten sich ihrer Verantwortung, die Integration geflüchteter Menschen mit Bleibeperspektive durch Arbeit und durch Ausbildung zu unterstützen. Schmidt verwies in diesem Zusammenhang auf das Modell, das gemeinsam mit der IG Metall und der Bundesarbeitsagentur entwickelt werde, um Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen, ohne die Betriebe zu überfordern. Im Schnitt werde es fünf Jahre dauern, bis ein Flüchtling als ausgebildete Fachkraft voll einsetzbar sei. Allerdings könne die Wirtschaft nur ein Partner bei der Integration sein. Die Eingliederung jugendlicher Flüchtlinge werde über Jahre den Schulalltag prägen und zusätzliche Ressourcen für überschaubare Lerngruppen, intensiven Deutschunterricht und entsprechend ausgebildete Lehrkräfte erfordern. Zum Nulltarif sei das nicht zu haben, betonte er.
Es müssten schnell intelligente Lösungen her, damit sich die Fehler aus den 1970- und 1990-er Jahren nicht wiederholen, als sich vor allem türkische „Gastarbeiterkinder“ vielfach ohne Rücksicht auf Begabungen auf der Sonder- oder Hauptschule wiederfanden und später auch die osteuropäischen Flüchtlingskinder, die während der KosovoKrise nach Deutschland kamen, keineswegs auf gleichwertige Bildungschancen hoffen konnten. Diese mahnenden Worte kamen von Prof. Dr. Michael BeckerMrotzek, Direktor des MercatorInstituts an der Uni Köln. Der Spezialist für deutsche Sprache und deren Didaktik stellte am Donnerstag die Ergebnisse seiner Studie „Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem“ aus dem Jahr 2014 vor. Nach der Analyse der in den Ländern recht unterschiedlich gehandhabten Sprachförderung empfiehlt BeckerMrotzek grundsätzlich eine gute Balance zwischen schneller Integration in die Regelklassen und optimaler Förderung in Deutsch zu Beginn der Schulzeit für die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen in „Willkommens“- oder „Sprachlernklassen“. Eine mögliche Lösung könnte es sein, mit einer maximalen Anzahl von Deutschstunden zu beginnen und die Schüler/ innen schnell in „spracharme“ Fächer wie Musik, Kunst oder Sport zu integrieren. Keinesfalls dürfe die Sprachförderung dann enden. Zwei Jahre Schulunterricht reichten nicht aus, um die Bildungssprache Deutsch zu beherrschen.
„Es gibt keine Patentrezepte“, räumte der Sprachexperte ein. Allerdings sollte nach seiner Überzeugung der Zugang zum Bildungssystem für alle Kinder und Jugendlichen spätestens drei Monate nach ihrer Ankunft gewährleistet sein, und es sollten Mindestanforderungen und Standards festgelegt werden, etwa für die Verweildauer in „Willkommensklassen“, für das Verhältnis des Deutschunterrichts zu anderen Fächern, zur Klassengröße, zum Übergang in Regelklasse sowie zur Lernverlaufsdiagnostik, um Entscheidungen über die weitere Förderung in den Folgejahren treffen zu können. Zuwanderung müsse als langfristige Aufgabe anerkannt, die dafür notwendigen Strukturen aufgebaut und erhalten werden. Konkret würde das bedeuten, Sprachexperten in multiprofessionellen Teams anzubieten, Deutsch als Zweitsprache und Sprachförderung in alle Phasen der Lehrerausbildung zu implementieren sowie Diagnoseinstrumente, Lehr- und Lernmaterial zu entwickeln und wissenschaftliche Studien zu fördern. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #45.