20. Apr. 2016
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Zum Tage: Bergen-Belsen: Kontinuität als Selbstverständlichkeit

(rb) Zum 71. Mal fand am vergangenen Sonntag eine Gedenkveranstaltung aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt. Feierlich und den Geschehnissen an diesem Ort des Grauens entsprechend. Die Teilnehmer waren, wie sich das gehört, dunkel gekleidet. Hut oder Kippa zu Ehren der Ermordeten waren selbstverständlich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kannten sich die Besucher. Die meisten von ihnen kommen immer an diesem Tag. Das Umfeld war, wie könnte es anders sein, einmal mehr deprimierend. Gleichwohl freute man sich im Kreis von Gleichgesinnten über das Wiedersehen. Fast unbemerkt ist in einer Zeit weniger Selbstverständlichkeiten diese Gedenkfeier zur Selbstverständlichkeit von Demokraten geworden. Es liegt im gemeinsamen Interesse, sie nicht zur Routine werden zu lassen. Gleichgültig, ob Rolf Wernstedt, Bernd Busemann, Bernd Althusmann oder nun Frauke Heiligenstadt, sie alle sind als Kultusminister bzw. Kultusministerin mit innerer Anteilnahme und viel persönlichem Engagement für den Erhalt und den Ausbau der Gedenkstätte eingetreten. Ihre Ansprachen könnte man austauschen, nicht wegen identischer Belanglosigkeiten, sondern als Zeugnis gemeinsamer Grundüberzeugungen. Beeindruckend war vor allem der kurze, aber zugleich bewegende Redebeitrag der inzwischen fast 92-jährigen Anita Lasker-Wallfisch, eine der letzten Überlebenden des Kulturbruches von Bergen-Belsen. Sie hatte die Gräuel am eigenen Leib erlebt. Den Zynismus der Wachmannschaften, deren Freude am Leiden der gequälten Kreaturen, alles das wird sie in ihrem Leben aus verständlichen Gründen nie vergessen können. Und in der Art und Weise, wie sie ihre Erinnerungen vorträgt, gestattet auch den Nachgeborenen ein Gefühl für das eigentlich Unvorstellbare. Anita Lasker-Wallfisch hat aber nicht nur das Lager kennengelernt, sondern sie war auch als Zeugin im ersten NS-Prozess beteiligt, der im September 1945 in Lüneburg begann. Eindrucksvoll legt sie die Diskrepanz zwischen dem realen Geschehen in Bergen-Belsen und den formalrechtlichen Abläufen des Prozessgeschehens dar, die sie auch heute noch als bedrückend und makaber empfindet. Eine Frau zu erleben, die den Mördern, wie dem Lagerleiter Josef Kramer und der 22-jährigen KZ-Aufseherin Irma Grese, noch in die Augen geschaut hat, ist bewegend, aber zugleich auch zutiefst deprimierend. Zeigt ihre Darlegung doch auf, wie schnell die Grenze zum Unmenschlichen überschritten wird, wenn ethische Leitplanken fehlen. Mit dem Aufleben des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit ist der Giftschrank der Inhumanität heute wieder geöffnet worden. Die Gedenkveranstaltungen in Bergen-Belsen können dazu beitragen, dass er wieder geschlossen wird. Das allerdings wird nur gelingen, wenn sie nicht nur von jenen besucht werden, die schon immer gekommen sind, so begrüßenswert das auch ist. gl
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #76.
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