15. März 2016
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Zum Tage: Ganztagsschule auf dem Vormarsch

(rb) Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat die 50-Prozentmarke im Ganztagsbereich im vorigen Jahr fast geknackt: Im September 2015 besuchten 49,2 Prozent der 700 981 Schüler/innen in Niedersachsen eine öffentliche allgemeinbildende Ganztagsschule, davon 278 535 im Primarbereich. Zu Beginn des laufenden Schuljahres wurden 85 weitere Ganztagsschulen genehmigt, die Gesamtzahl liegt aktuell bei 1675. Damit bieten 63 Prozent der niedersächsischen Schulen ein Ganztagsangebot an. Nach den Sommerferien sollen weitere 150 Schulen mit Nachmittagsbetreuung an den Start gehen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Mehrheit der rund 1000 verbleibenden Schulen in den kommenden Jahren ebenfalls dazu übergehen wird, den Vormittagsunterricht mit einem warmen Mittagessen sowie anschließenden Förder- und Freizeitangeboten zu verknüpfen. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung, deren rechtliche sowie finanzielle Absicherung waren neben der Aufwertung der Gesamtschulen eines der wichtigsten bildungspolitischen Anliegen der rotgrünen Koalition, die im Februar 2013 ihre Arbeit aufnahm. Bis zum Jahr 2019 sollen sage und schreibe rund 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Ganztagsbetriebs geflossen sein. Die Kultusministerin ist zwar nicht bei null gestartet. Immerhin hatten die schwarzgelben Vorgängerregierungen das Ganztagsangebot aus dem einstelligem Bereich geholt und es auf ein knappes Drittel ausgebaut, als der Regierungswechsel anstand. Allerdings gab es für das Gros der Schulen nur eine Minimalausstattung für eine offene Gestaltung des Nachmittags, also mehr oder minder ohne den Einsatz von Lehrkräften, den SPD und Grüne noch in der Opposition als „Ganztag light“ ausgiebig verpönt hatten. Obwohl der politische Wille in der neuen Koalition da war, diesen Bereich als Herzstück der „Zukunftsoffensive Bildung“ deutlich aufzuwerten, musste Heiligenstadt ganz schön ackern, um am Montag während einer Zwischenbilanz vom „Ganztagsschulland Niedersachsen“ und von einem „höchst attraktiven Angebot“ sprechen zu können, das von den Eltern durch steigende Nachfrage belohnt werde. Heiligenstadt hat dieses Thema konsequent bearbeitet. Zunächst musste die von ihren CDU-Amtsvorgänger/innen geerbte Problematik der an den Ganztagsschulen eingesetzten Honorarkräfte, die die Rentenkasse als Scheinselbstständige im Visier hatte, aus der Welt geschafft werden. Das hat viel Zeit und Mühe sowie knapp 14 Millionen Euro Nachzahlung an Sozialversicherungsbeiträgen gekostet. „Jetzt sind die Verträge rechtssicher“, betonte die Ministerin – abgesehen von einigen Stolpersteinen, die das 2013 reformierte Arbeitnehmerüberlassungsgesetz nach wie vor breithält. Parallel dazu hat die SPD-Politikerin mit einem neuen Ganztagsschulerlass nicht nur den Zusatzbedarf für alle Formen des Nachmittagsbetriebs angehoben: Seither gibt es pro teilnehmende Klasse und Tag nicht mehr jeweils 0,1 Stunden an Grundschulen bzw. 0,08 Stunden an den weiterführenden Schulen, sondern pro Schüler/in und Tag mindestens 0,75 Stunden – Ziel bleibt eine volle Stunde. Für die Lehrkräfte wurden zunächst zwei Stunden außerunterrichtlicher Nachmittagseinsatz nur mit einer Stunde auf die Unterrichtsverpflichtung angerechnet. Mittlerweile gebe es eine „1:1-Regelung“, wie die Ministerin am Montag betonte. Dies und die mittlerweile recht flexible Personalplanung an den Schulen sind sicherlich ausschlaggebend dafür, dass der Ganztag auch bei den Lehrkräften immer besser ankommt, die ihre Lebensplanung ursprünglich auf eine Halbtagsschule ausgerichtet hatten. Zudem war es eine gute Entscheidung, dass Heiligenstadt sich vom grünen Koalitionspartner nicht vorschreiben ließ, den offenen Ganztag zu „beerdigen“ und am besten nur noch die Teilnahme an mindestens drei Nachmittagen vorzugeben (gebunden). Nach Angaben des Kultusministeriums arbeiten aktuell 60 Prozent der Ganztagsschulen mit offenen Angeboten, 30 Prozent im teilgebundenen (mindestens zwei Nachmittage bis 15.30 Uhr) sowie zehn Prozent im gebundenen Betrieb. Der Trend gehe vom offenen zum verbindlichen Angebot, berichtete die Ministerin. Bei aller Freude über die vielen Schulen und Lehrkräfte, die sich in Niedersachsen für die Ganztagsschule stark machen, damit vielen Kindern zusätzliche Chancen bieten und vielen Eltern das Berufsleben leichter machen, bleibt das Problem „Ferienbetreuung“ ungelöst. Die Tendenz der Kommunen, mit dem fortschreitenden Ganztag die Hortbetreuung abzubauen, stellt besonders Alleinerziehende, aber auch Familien einmal mehr vor das Problem, die vielen Ferienwochen im Jahr nicht aus eigener Kraft überbrü-cken zu können und nie gemeinsam Urlaub machen zu können. Zwar haben in Aurich, Neustadt, Osterholz und Salzgitter einige Horte und Ganztagsschulen während eines Modellversuchs erprobt, wie eine für alle gewinnbringende Kooperation aussehen könnte. Der große Wurf ist das aber noch nicht. Bevor die Hortbetreuung endgültig zerschlagen wird, muss das Ganztagskonzept einen guten Teil der Ferien abdecken – in ganz Niedersachsen. bri
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #52.
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