(rb) Wenn es etwas gibt, bei dem kein Blatt Papier zwischen Regierungs- und Oppositionslager im Landtag passt, ist es die Bindung des Landes an Volkswagen. Ministerpräsident Stephan Weil sprach am Dienstag in seiner Unterrichtung des Parlaments, die nicht als Regierungserklärung dahergekommen ist, gar von einer „Perle der deutsche Industrie“. Die Aufforderung, dass es sich lohnt, für dieses in Schieflage geratene Unternehmen zu kämpfen, war wohl eher rhetorischer Natur. VW ist Niedersachsen, Niedersachsen ist VW-Land. Das Unternehmen ist der größte private Arbeitgeber des Landes mit fünf Produktionsstandorten und 120 000 Arbeitsplätzen plus weitere 80 000, die indirekt über die Zulieferindustrie von dem Automobilbauer abhängen, von den vielen Dienstleistern und Handwerksbetrieben, die ihr Geld ebenfalls vor allem mit Volkswagen verdienen, gar nicht zu reden.
VW ist für Niedersachsen kein Wirtschaftsthema wie jedes andere, sondern ein hoch emotionales. So hat man sich in Wolfsburg stets darauf verlassen können, dass die jeweilige Landesregierung, welche Parteien sie auch immer gestellt haben, und auch die jeweilige Opposition gleichsam bedingungslos an der Seite des Konzerns gestanden haben. Und das hat sich auch in der größten Krise, die das Unternehmen jemals erlebt hat, nicht geändert. Weils Erklärung war denn auch ein Werben dafür, gemeinsam daran zu arbeiten, das durch die jahrelang unentdeckte Abgasmanipulation bei VW-Fahrzeugen mit Dieselmotoren weltweit verlorengegangene Vertrauen wieder aufzubauen. Der Weg zurück wird hart und schwer genug sein – auch daran war man sich im Landtag einig.
Noch herrscht Fassungslosigkeit auf allen Seiten vor, dass sich ausgerechnet Volkswagen als Vorreiter für hohe Umweltstandards im Automobilbau gerade in diesem Bereich des Betrugs schuldig gemacht hat. Der Ministerpräsident setzt nun darauf, dass die Aufklärung der Hintergründe und die Identifizierung der tatsächlich Verantwortlichen möglichst schnell vonstatten gehen und dass dabei keine Rücksichten genommen werden im Interesse des Unternehmens und seiner Mitarbeiter/innen, die ja ebenfalls Opfer des Abgasskandals seien, damit auch möglichst schnell damit begonnen werden kann, die Scherben zusammenzukehren und sich wieder mit der Zukunft des Konzerns zu befassen.
Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies fühlen sich tief getroffen und auch betrogen als Mitglieder eines Aufsichtsrates, der seit Jahr und Tag offenbar keine Ahnung davon hatte, was einige oder vielleicht auch viele Entwickler da angestellt haben, damit VW seine Dieselmotoren im US-Automarkt als „grünes Produkt“ etablieren konnte. Der Ministerpräsident hat auch gleich seinen Amtsvorgängern Wulff und McAllister sowie den Aufsichtsratsmitgliedern Hirche, Rösler und Bode Dispens erteilt. Er habe keinen Hinweis darauf, dass sie die „fatalen Fehlentscheidungen“ von VW gekannt haben oder hätten erkennen können, meinte Weil. Das allerdings kann wohl erst das Ergebnis der zahlreichen Untersuchungen verschiedener Gremien sowie der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sein, die gerade erst begonnen haben. azDieser Artikel erschien in Ausgabe #188.