(rb) Der Beginn des zweiten Schulhalbjahres nähert sich unaufhaltsam, die Not an den Schulen wächst: Ab 1. Februar müssen nicht nur der zunehmende Ganztagsbetrieb und die aufwachsende Inklusion geschultert werden, sondern auch zusätzliche Lehrkräfte für die ersten großen Gruppen von Flüchtlingskindern bereitstehen, die mittlerweile in den Kommunen angekommen sind und jetzt in die Schulen strömen werden. Eltern aller Schulformen klagen nicht erst seit gestern über deutlich zunehmenden Unterrichtsausfall. Davon wollte das Kultusministerium bisher nichts wissen. Ende vergangenen Jahres war die Rede von einem landesweiten Durchschnittswert von 99,1 bis 99,5 Prozent für die allgemeinbildenden Schulen. Die berufsbildenden Schulen liegen weit darunter, wie das Kultusministerium jüngst auf Anfrage der Landtagsopposition mitteilen musste. Offenbar sind diese Angaben inzwischen Makulatur. Wie jetzt bekannt wurde, zeichnet sich an einigen Schulen eine dramatische Lage ab.
Wie hoch die Versorgung mit Lehrerstunden im landesweiten Durchschnitt oder an den einzelnen Schulen rechnerisch bzw. tatsächlich ist, darüber lässt sich nur noch spekulieren, seit es dem Kultusministerium im Frühjahr 2014 gefallen hat, die statistische Erhebung für das zweite Schulhalbjahr grundsätzlich einzustellen und fortan mit einem „Prognosemodul“ zu arbeiten. Seither „rätselt“ Niedersachsen über die Unterrichtsversorgung in den Schulen – wie es die FDP in ihrer Eingangsbemerkung für ihre Dringliche Anfrage formuliert hat, die sie am Donnerstagvormittag während der Januarsitzung des Landtags stellen wird. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt ist erneut gefordert, die aktuelle Unterrichtsversorgung für die einzelnen Schulformen des Landes auf den Tisch zu legen.
Böse Ahnungen weckt ein Schreiben vom 5. Januar. Darin hat das Dezernat 3 (Gymnasien und Gesamtschulen) der hannoverschen Regionalabteilung der Landesschulbehörde die entsprechenden Schulleiter/innen aufgefordert, bis zum 15. Januar Lehrkräfte zu benennen, die ab 1. Februar bis Juli dieses, besser noch nächsten Jahres, mindestens 20 Stunden pro Woche an Grund-, Haupt-, Real-, Ober- und Förderschulen abdecken, also dorthin versetzt oder abgeordnet werden könnten. Begründung: Es zeichne sich „aktuell eine intensive Unterversorgung an mehreren Schulen“ ab. Die Schule, von der eine Lehrkraft versetzt oder abgeordnet wird, soll dafür sofort eine ganze Stelle zugewiesen bekommen, also die Möglichkeit erhalten, eine neue Stammlehrkraft zu besetzen.
Erwartungsgemäß löste die Berichterstattung der „Braunschweiger Zeitung“ über diesen Vorgang am Dienstag heftige Reaktionen aus. Aus Sicht des schulpolitische Sprechers der CDU-Fraktion, Kai Seefried, ist es schlimm genug, dass die Gymnasien mit nur knapp über 99 Prozent Unterrichtsversorgung die am besten mit Lehrern ausgestattete weiterführende Schulform in Niedersachsen sind. „Da ist kein Spielraum mehr nach unten, sonst gerät der Pflichtunterricht in Gefahr“, warnte er und forderte von der Kultusministerin ein Konzept zur Sicherung der Unterrichtsversorgung an allen Schulformen. Der Verband der Elternräte warf dem Ministerium vor, Löcher bei der Unterrichtsversorgung stopfen zu wollen, indem neue in den Gymnasien aufgerissen würden. Bereits im Oktober 2015 hatte der Verband eine Mitgliederumfrage veröffentlicht, nach der die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien bei durchschnittlich 97 Prozent gelegen haben soll. „Anstatt jetzt endlich die lange angekündigten, verbindlichen Zahlen der tatsächlichen Unterrichtsversorgung zu veröffentlichen, reicht die Ministerin den Gymnasien jetzt ein Damoklesschwert“, beklagte Verbandschef Dr. Oliver Gossel am Dienstag. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte sieht mit großer Sorge die schlechte Unterrichtsversorgung an vielen Schulen des Sekundarbereichs I und die hilflose Reaktion der Landesregierung darauf. Gleichwohl dürfe es nicht sein, dass die Schulformen gegeneinander ausgespielt würden. „Eine Abordnung von Schulen, die allenfalls nur etwas besser mit Lehrkräften versorgt sind als die übrigen, ist keine Lösung des Problems“, sagte der Landesvorsitzende des Verbands, Manfred Busch. Es räche sich nun, dass die Politik den Schulen immer mehr Aufgaben zugemutet habe, ohne für eine ausreichende Personalaufstockung und Entlastung auf der anderen Seite gesorgt zu haben.
Das Kultusministerium wiegelte am Dienstag ab: Durch diese Maßnahme werde keine Schule schlechter gestellt. Die Gymnasien bzw. die Gesamtschulen, die Lehrkräfte abordneten, würden dadurch Einstellungsermächtigungen zum 1. Februar gewinnen, so dass dort keine Verluste bei der Unterrichtsversorgung entstünden. Die Landesschulbehörde habe 200 zusätzliche Stellen zur Verfügung, darunter 100 Stellen für Ausschreibungen an Gymnasien und Gesamtschulen, die zum Ausgleich der Lehrkräfteversorgung an schlechter gestellten Schulen eingesetzt werden sollen. Folgerichtig habe sich die Regionalabteilung Hannover auch in diesem Sinne an alle Gesamtschulen (IGS und KGS) und Gymnasien in ihrem Bereich gewandt. 25 der 100 Ausgleichsstellen seien bereits oder würden kurzfristig ausgeschrieben, teilte das Ministerium mit. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #13.