(rb) Die Terroranschläge von Paris haben ihre Spuren auch in der Zeitungslandschaft hinterlassen. Die Blätter sind voll mit allen denkbaren Details, über jeden einzelnen Anschlagsort, jede Äußerung von Prominenz aus Politik und Gesellschaft, die Opfer, die Täter, die Überlebenden, die Trauergemeinden und nicht zuletzt die Flüchtlinge, die vor eben diesem Terror hierher geflohen waren und nun von ihm eingeholt werden. Es gibt keine Unbeteiligten, denn dieses Massaker hat uns alle getroffen und viele von uns sprachlos zurückgelassen.
Es ist vor allem die Willkür, die uns nach Worten suchen lässt, die nicht nach Motiven fragt, sondern wahllos ist in der Entschlossenheit, alle zu töten, die im Weg sind, und seien es auch die eigenen Glaubensbrüder und -schwestern. Und es wächst die Erkenntnis, dass es blanker Zufall ist, ob man unter den Opfern oder unter den Überlebenden ist, und die Erkenntnis, dass man sich nicht schützen kann vor diesem Hass und dieser Gewalt. Als Anfang des Jahres die Redaktion von Charlie Hebdo angegriffen und niedergemetzelt wurde, gab es noch so etwas wie ein Motiv. Immerhin hatte sich das Satiremagazin über den Islam und dessen Ausprägungen lustig gemacht. Jetzt geht es offenbar nur noch darum, die Ungläubigen von der Erde zu vertreiben, mit allen Mitteln.
Der Nahost-Kenner Jürgen Todenhöfer, die letzten Jahre zu einem Islam-Versteher mutiert, der sich bemüht, die verschiedenen Strömungen dieser Religion und ihre extremen Flügel zu erklären und zu verteidigen, spricht mittlerweile von dem „größten Genozid aller Zeiten“, zu dem sich die Terrororganisation IS auf den Weg gemacht hat. Dass es gerade die jungen Menschen sind, die hier als Kanonenfutter missbraucht werden, macht die Dinge noch perfider und für Christen ebenso wie für friedliche Muslime und Angehörige anderer Religionen so unfassbar.
Viel ist die Rede davon, dass Europa seinen 11. September am 13. November hatte, einem Freitag, den 13., zumal. Doch nichts spricht dafür, dass sich eine so erbarmungslose Mörderbande mit der „Ausbeute“ von Paris zufrieden geben wird. Oder dass Paris das einzige Ziel bleibt. Selbstverständlich dürfen wir uns nicht vom IS in die Knie zwingen lassen. Aber nichts sagt sich einfacher. Viele Künstler haben ihre Konzerte in der französischen Metropole abgesagt – bis auf die hannoverschen „Skorpions“, die trotzig an ihrem geplanten Auftritt festhalten wollen. Sind sie jetzt Helden oder einfach nur leichtsinnig? Oder ist das in der Tat der einzige Weg, dem Terror Paroli zu bieten? Wenn es schon todesmutig ist, ein Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Hannover zu besuchen wie Angela Merkel und Stephan Weil, dann hat der IS in der Tat einen Teil seiner Ziele erreicht. Das „mulmige“ Gefühl aber wird bleiben, sobald wir oder unsere Spitzenpolitiker an einer Massenveranstaltung teilnehmen.
Die zivilisierte Welt steht offenbar vor einer Zeitenwende, einer bislang in dieser Form ungekannten Herausforderung. Ob diese wirklich mit denselben Mitteln – denen des Krieges – zu bewältigen ist, bleibt bei aller verständlichen Wut auf den islamistischen Terror mehr als fraglich. Viel wäre schon gewonnen, wenn die politischen Lager der Versuchung widerstehen könnten, die entstandene Situation wenigstens nicht parteipolitisch zu missbrauchen und sie mit der Flüchtlingsfrage zu vermischen. Aber dazu gehört wohl ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber einer ohnehin zutiefst verunsicherten Öffentlichkeit, das bedauerlicherweise viele Politiker/innen so wenig aufzubringen vermögen wie auch etliche Medien. azDieser Artikel erschien in Ausgabe #212.