22. Juni 2020
Soziales

Ärztekammer-Chefin blickt mit Sorge auf die Grippe-Saison

Die niedersächsische Ärztekammer-Chefin Martina Wenker schaut mit Sorge auf die kommende Grippesaison. Möglicherweise wäre es am besten, wenn man alle Menschen gegen Grippe impfen lassen würde, damit niemand gleichzeitig an Covid-19 und der saisonalen Grippe erkrankt, sagte sie am Montag in der Enquetekommission Gesundheit des Landtags. Dafür gebe es aber laut Bundesgesundheitsministerium nicht genügend Impfstoffe. Laut Wenker stehen 25 bis 30 Millionen Impfstoffe zur Verfügung, man brauche aber allein für Fachkräfte und Risikogruppen 40 Millionen Impfstoffe. „Schon jetzt sagen Hausärzte, dass sich Patienten auf die Warteliste für die Grippeimpfung setzen lassen wollen. Wir müssen schon jetzt überlegen, wie wir priorisieren können“, forderte Wenker. https://www.youtube.com/watch?v=zgfX0Md0VUE&feature=youtu.be Zugleich forderte die Ärztekammer-Chefin eine neue Balance zwischen der Versorgung von Pandemiepatienten und der Regelversorgung. „Die Regelversorgung muss jetzt wieder losgehen, hier hatten wir große Defizite“, sagte Wenker. Viele Menschen hätten sich aufgrund des Corona-Geschehens nicht behandeln lassen, viele Kleinkinder hätten die nötigen Impfungen nicht absolviert. „Die Folgen werden wir erst später merken“, sagte Wenker. Heiko Engelke, Chef der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, schränkte allerdings ein, dass die Belegung in den Krankenhäusern weiterhin nicht an die Normalbelegung heranreichen wird. Nach wir vor werden Betten für Corona-Patienten freigehalten. Auch Engelke stellte eine reduzierte Zahl von Arztbesuchen in der Corona-Krise fest. Dies müsse wissenschaftlich untersucht werden.
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Wenker berichtete in der Enquetekommission, dass sich die Bundesärztekammer in der Hochzeit der Corona-Krise lange mit Szenarien wie in Italien beschäftigt habe, wo die Zahl der Beatmungsgeräte nicht gereicht habe und Ärzte Patienten auswählen mussten, die beatmet werden konnten. „Die Kollegen in Italien haben uns gesagt: Macht Euch frühzeitig Gedanken darüber, bevor der leitende Oberarzt nachts plötzlich eine Entscheidung treffen muss“, sagte Wenker. Man habe versucht, sich am Transplantationsgesetz zu orientieren, wo es nicht nur um die Dringlichkeit, sondern auch um die Erfolgsaussicht einer Maßnahme geht. „Wenn man zwei Patienten hat, die beatmet werden müssen, man aber nur ein Beatmungsgerät hat, kann man nur falsch entscheiden, weil ein Mensch sterben muss. Deshalb braucht man Erfolgsaussichten der Maßnahme“, so Wenker.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning