(rb) Jenseits der verbissen geführten Diskussion darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder wie viele Migranten das Land aushält, lässt sich jeden Sonnabend auf ungezählten Flohmärkten in großen und kleinen Städten, aber auch auf dem Land beobachten, dass in jedem von uns etwas von einer asiatischen Straßenhändlerin, von einem feilschenden Orientalen auf dem Basar schlummert, die sich notfalls auch mit Händen und Füßen verständigen, um zu handeln. Egal auf welcher Seite des Tapeziertisches man steht, das Verkaufen und Kaufen gebrauchter Dinge zumeist unter freiem Himmel, auf staubiger Piste macht großen Spaß und befriedigt vielfältiges Verlangen – natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt und keine Ferienzeit ist.
Am Finanzamt vorbei hin und wieder Sachen zu verkaufen, die man selbst nicht mehr braucht oder schon immer schrecklich fand, hat ein herrlich anarchistisches Flair – unabhängig davon, wie hoch oder niedrig am Ende der Erlös ausfällt. Der direkte Kundenkontakt vermittelt im Gegensatz zum aseptischen Handel oder zur Nerven aufreibenden Versteigerung im Internet das Gefühl einer im Privat- und Arbeitsleben oft nicht mehr vorhandenen Bodenständigkeit. Dass man in aller Herrgottsfrühe auf dem Platz sein muss, um einen guten Standort zu erwischen, die Standmieten jedes Jahr erhöht werden und mittlerweile locker bei zehn Euro pro laufenden Meter liegen, der Verdienst häufig unter dem Mindeststundenlohn landet, beeinträchtigt das Glück eingefleischter Flohmarktfans nur marginal.
Wer den eigenen Keller räumen will oder Umzugskisten mit Haushaltsgegenständen, Deko etc. aus dem aufgelösten Elternhaus loswerden muss, ist auf dem Flohmarkt richtig. Erfahrene Hobby-Händler drapieren ihre Waren ansprechend in Kästen und Kisten, in Stiegen und Körben, vor allem aber thematisch geordnet: Sammelsurien gehen in der Masse unter. Dagegen verspricht der Stand mit Kleidung, Spielsachen und Büchern für Kinder oder die Kombination von edler Tischwäsche, Geschirr, Seidentüchern, vielleicht noch ein wenig Schmuck mehr Erfolg. Was geht, was nicht geht – das hängt natürlich auch von der Saison ab. Winterkleidung sollte man im Sommer im Keller lassen. Grundsätzlich kann aber alles irgendwann Abnehmer finden, zum Beispiel die kleine Holzgarderobe für Kinder. Obwohl diese auf den ersten Blick als Werbegeschenk eines bekannten Pharmariesen zu erkennen ist, begeistert sich dafür ein Motorradfan und kauft sie für einen Euro, weil darauf ein Elefant auf einem Zweirad mit Beiwagen abgebildet ist. Oder die Gartenzwerge: Entgegen abfälliger Äußerungen eines deutschen Kunden („die sind definitiv out“) wechseln die entweder heiß geliebten oder als Symbol des kleinkarierten Spießertums geschmähten Ton-Skulpturen wenig später die Besitzer. Ein türkisches Paar und eine russische Familie teilen sich die Sammlung für ihre Kleingärten. Das hat was von Kulturbotschaft.
Das Beste am Second-Hand-Handel ist aber, dass man das gute Gefühlt hat, etwas für die Umwelt und das Prinzip der Nachhaltigkeit getan zu haben, so dass man sich nach einem erfolgreichen Verkaufstag wieder ohne allzu schlechtes Gewissen dem eigenen Konsum hingeben kann: Wer mindestens zehn T-Shirts von einer der verrufenen Ramsch-Textilketten für wenige Cent weiterverkauft hat, darf doch wohl wieder Kleidung einkaufen, die im Zweifel nur einmal getragen wird? Schließlich werden diese jetzt zum zweiten Mal getragen. Zudem ist es doch sehr zweifelhaft, ob ausgerechnet der eigene Konsumverzicht den armen Frauen hilft, die in einem der Billiglohnländer bis zum Umfallen unsere T-Shirts, Jeans, Jacken oder luftige Sommerfähnchen nähen. Im Übrigen sind die vielen abgelegten, aber noch gut erhaltenen Kinderschuhe für die Familie aus Ghana fast ein Geschenk. Nach ausgiebigem Handeln muss diese nur noch 50 Cent pro Paar bezahlen. Dass der Modeschmuck und die gebrauchten Marken-Turnschuhe, die die russische Großmutter angeblich für ihre vielen Enkel zum Spottpreis erstanden hat, unmittelbar danach drei Stände weiter von deren Großfamilie für wesentlich mehr Geld angeboten werden, ist dem freien Spiel der Kräfte geschuldet, das natürlich auch auf dem Flohmarkt herrscht – Schwamm drüber, weg ist weg, Besitz belastet. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #98.