8. Dez. 2019
Wirtschaft

Architekten warnen vor einem Preiskampf bei der Planung und Gestaltung öffentlicher Gebäude

Der Europäische Gerichtshof hat vor wenigen Monaten wesentliche Bestimmungen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure gekippt. Damit fallen die garantierten Untergrenzen für die Vergütung von Planungsleistungen. Die Architektenkammer in Niedersachsen ist deshalb nun in Sorge. „Qualität hat ihren Preis – und ich hoffe, dass dies auch die Bauherren für öffentliche Bauten so sehen. Sie sollten ihre Vorbildfunktion wahrnehmen“, sagte Robert Marlow, Präsident der Architektenkammer, in einer Veranstaltung. Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU), der auch für die Bauverwaltung des Landes zuständig ist, zeigte sich verständnisvoll: „Bei mir rennen Sie damit offene Türen ein. „Auch in Zukunft müssen Planungsleistungen angemessen vergütet werden. Nur wenn wir qualitativ gute Arbeit bekommen, können wir uns auf die Architekten verlassen.“ Wie die Honorarordnung HOAI nach dem Urteil des EU-Gerichtshofes formuliert werden soll, steht bisher noch nicht fest, im Bundeswirtschaftsministerium wird an einem Konzept gefeilt. Der Richterspruch aus Luxemburg sei für die Branche „ärgerlich und kontraproduktiv“, meinte Marlow. Gerade jetzt, da der öffentliche Auftraggeber seine Anstrengungen verstärkte und viele neue Projekte in Gang geschoben werden, könne ein Preiskampf bei den Architekten zu empfindlichen Störungen führen. „Es wäre kurzsichtig, wenn jetzt einzelne dazu übergehen, Honorare unterhalb der Kostendeckung anzubieten.“ Die Architektenkammer fordere von ihren Mitgliedern auf jeden Fall „wesentlich mehr Transparenz“, damit die einzelnen Leistungen und ihre Preise für die Auftraggeber sichtbar und nachvollziehbar werden.
Lesen Sie auch: Wozu denn Beton? In vielen Fällen ist Holz der bessere Rohstoff fürs Bauen Architekten: Niedersachsen sollte das Bauen mit Holz erleichtern
Die Architektenkammer hat noch weitere Wünsche an die Landespolitik, wie Marlow hinzufügte: So begrüße es die Kammer, wenn die Auftraggeber wieder häufiger zu Planungswettbewerben aufrufen. Dies belebe die Debatte über die Gestaltung öffentlicher Räume, es stachele auch zu neuen Leistungen an. Als positiv empfindet Marlow auch die Neigung, gelungene Entwürfe von Architekten als Referenzen anzugeben – es somit deutlich zu machen, wenn ein hochwertiges Arbeitsergebnis abgeliefert wird. Außerdem fordert die Architektenkammer seit langem, die Mindestausbildungszeit für Innen-, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner von bisher drei auf vier Jahre auszuweiten. Es sei so viel zu beachten, betont Marlow – vom Klimaschutz über die rechtlichen Vorgaben bis hin zu den komplexen neuen Herausforderungen. Man müsse beispielsweise nur daran denken, wie häufig Starkregen-Ereignisse inzwischen vorkommen. Deshalb müssten solche früher eher seltenen Wetterentwicklungen auch Rückwirkungen auf die Bauplanungen haben. Zudem sei die Materie immer stärker verrechtlicht worden. Die Mehrzahl der Bundesländer sei jetzt schon auf vier Jahre gegangen – Niedersachsen aber gehöre neben Bayern, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen noch zu denen mit drei Jahren. Das Wissenschaftsministerium in Hannover habe sich hier noch nicht bewegt. Hilbers nahm zu diesem Punkt nicht Stellung.

Andretta lobt Architekten: Landtags-Plenarsaal „wirklich gelungen“

Lob zollte Landtagspräsidentin Gabriele Andretta den Architekten in einem besonderen Punkt: Die Neugestaltung des Landtags-Plenarsaales sei wirklich gelungen. Hilbers ergänzte, der Zeit- und Kostenrahmen sei eingehalten worden, das zeige, wie gut das Management hier geklappt habe. Was Andretta besonders freut ist der Umstand, dass die Architekten des Umbaus in diesem Jahr mit einem Preis des Bundes Deutscher Architekten (BDA) ausgezeichnet wurden. Dies sei im Jahr 1976 auch dem damaligen Planer des Plenarsaals widerfahren, dem legendären Dieter Oesterlen. Er hatte 1962 mit dem Bau die Reste des alten Schlosses mit dem neuen Gebäude verknüpft. Die äußere Hülle des Oesterlen-Plenarsaales ist nach dem Umbau völlig erhalten geblieben. Andretta berichtet, dass sich die Besucherzahlen im Landtag seit 2013 mehr als verdoppelt hätten – das neue Gebäude entfalte also seinen Reiz.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #218.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter