15. Dez. 2020
Soziales

Bischof Wilmer: "Keine Nähe kann auch tödlich sein"

Die Corona-Krise hat die Gesellschaft in diesem Jahr durcheinander gewirbelt. Wird alles wieder wie vorher sein, wenn das Virus endlich erledigt ist? Der katholische Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, rechnet nicht damit. Er geht davon aus, dass die oft beschworenen „Kardinaltugenden“ künftig eine größere Rolle in unserem Leben spielen werden. Wilmer äußert sich im Interview mit dem Politikjournal Rundblick. [caption id="attachment_47549" align="alignnone" width="780"] Foto: Bistum Hildesheim[/caption] Rundblick: Weihnachten steht vor der Tür – aber in die Kirchen dürfen Sie nicht mehr so viele Menschen lassen wie früher. Macht Ihnen das zu schaffen? Wilmer: Das ist für alle nicht einfach. Aber die pastoralen Teams und die vielen Ehrenamtlichen in den Gemeinden entwickeln viel Phantasie, gute Angebote sicherzustellen – mit Wahrung des Mindestabstandes, mit Maskenpflicht und bei Verzicht auf den Gesang. Außerdem sind vorher Anmeldungen nötig. Wir versuchen auch, den Andrang zu entzerren, indem wir mehr Gottesdienste über die Festtage anbieten und drei Weihnachtsgottesdienste aus dem Dom auch per Live Stream übertragen. Das alles ist hinnehmbar. Wichtig bleibt uns allerdings: Die Kirchen müssen geöffnet bleiben, denn sie sind Trosträume für Menschen, die ihren Halt finden müssen in dieser schweren Zeit. Den Halt zu finden heißt, die Haltung wahren zu können.
In erster Linie geht es darum, dass wieder Vertrauen herrscht. Nur dann gedeiht auch das Wirtschaftsleben wieder.
Rundblick: Wird Corona unser Leben dauerhaft verändern? Wilmer: Ich denke schon – und das aus zwei Gründen. Erstens ist diese Krise noch lange nicht vorbei. Die trifft den ganzen Erdball, die gesamte Menschheit. Sie ist in einigen Gegenden schlimmer und führt in manchen Schichten, etwa bei den sozial Schwachen, zu härteren Folgen. Es gibt viele Tote. Das sind die Primärschäden. Dazu kommen die Sekundärschäden – die Veränderung in der Psyche vieler Menschen, der Verlust von Vertrauen und das Nachlassen des Gefühls, dass wir zusammenhalten. Viele reden immer gleich von der Wirtschaft, wenn es um Sekundärschäden geht. Ich halte das für zu kurz gedacht. In erster Linie geht es darum, dass wieder Vertrauen herrscht. Nur dann gedeiht auch das Wirtschaftsleben wieder.
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Rundblick: Welche Schäden erleidet denn nach Ihrer Einschätzung die Psyche vieler Menschen? Wilmer: Ich höre von vielen, die sich angesichts des Virus ohnmächtig, überfordert oder allein gelassen fühlen. Manche denken, sie würden nicht mehr gebraucht, und es kümmert sich niemand um sie. Das wird immer dann besonders bitter, wenn Familien nicht mehr von ihren engsten Angehörigen Abschied nehmen können, weil der Zutritt zum Krankenbett nicht mehr möglich wird. Jens Spahn hat einmal gesagt: „Wir werden uns einander noch viel zu vergeben haben.“ Das sehe ich genauso. https://www.youtube.com/watch?v=7ivLllCAFsI&t=3s Rundblick: Was kann uns jetzt gerade Halt geben? Wilmer: Gern erwähne ich die „Kardinaltugenden“. Die heißen nicht etwa so, weil sie auf Kardinäle deuteten – sondern es hängt mit dem lateinischen „cardo“ zusammen, dem Wort für die Türangel, den Dreh- und Angelpunkt. Dazu zählen Gerechtigkeit, Klugheit, Maß und Tapferkeit. Die Pandemie zwingt uns zum Maßhalten, zur Abkehr etwa vom Massentourismus mit all seinen Folgen für das Weltklima. Das Maßhalten hat für mich zwei Ausprägungen – zum einen, bezogen auf mich selbst, die Disziplin in der Lebensführung. Zum anderen, mit Blick auf die anderen Menschen, die Rücksichtnahme und Solidarität vor allem mit den Schwachen, die Hilfe brauchen. Ich bin Mensch, wenn ich mich im Griff habe, klug und besonnen handele.
Zu viel Nähe macht momentan krank, weil dann die Ansteckungsgefahr zu groß ist. Keine Nähe aber ist ebenso schlimm, auch sie kann töten.
Rundblick: Die Schwachen brauchen besonderen Schutz. Wer sind gegenwärtig die Schwachen in unserer Gesellschaft? Wilmer: Weltweit sind es jene auf anderen Kontinenten und in anderen Ländern, die wegen der Pandemie vor viel größere Probleme gestellt sind als wir hier in Deutschland und Europa. Wenn wir bei uns an die älteren Menschen denken, die einsam sind, dann heißt hier Solidarität, trotz der Beschränkungen zu ihnen Kontakt zu halten und sie nicht abzuschotten. Zu viel Nähe macht momentan krank, weil dann die Ansteckungsgefahr zu groß ist. Keine Nähe aber ist ebenso schlimm, auch sie kann töten.
Die Generation zwischen Kindheit und Erwachsenensein läuft Gefahr, für ihr Leben wichtige Erfahrungen nicht mehr sammeln zu können.
Rundblick: Was ist mit den jungen Menschen, gerade denen in der Pubertät. Sie müssen in einer Phase, in der sie sich eigentlich vom Elternhaus abkoppeln wollen, auf Kontakte zu Gleichaltrigen verzichten. Wenn das ein Jahr oder anderthalb Jahre lang geht, ist das für viele in dem Alter eine unvorstellbar lange Zeit… Wilmer: Wir haben die jungen Leute nicht genügend im Blick. Die jungen Menschen brauchen Räume, die jenseits des Elternhauses liegen. Sie müssen das gemeinsam mit anderen erleben. Die Generation zwischen Kindheit und Erwachsenensein läuft Gefahr, für ihr Leben wichtige Erfahrungen nicht mehr sammeln zu können. Deshalb trete ich dafür ein, dass die jungen Menschen möglichst früh und möglichst schnell geimpft werden, damit wir nachhaltige Schäden von der Gesellschaft abwenden. Junge Leute brauchen auch körperliche Präsenz und sinnliche Erfahrung, sie brauchen Berührungen – all das, was gegenwärtig nicht sein soll. Wenn sie dann erleben müssen, dass einige sinnliche Erfahrungen fehlen, die in der Pubertät wichtig sind, geht ihnen ganz viel verloren. Rundblick: Das ist eine Schwachstelle neben vielen anderen… Wilmer: Das wird womöglich die wesentliche Erfahrung dieser Corona-Zeit sein, die wir derzeit sammeln und die uns dann später bewusst werden dürfte: Die Gesellschaft mit ihren tragenden Säulen, etwa dem Gesundheitssystem, ist viel fragiler und verletzlicher, als wir es lange Zeit geglaubt haben. Die Pandemie macht uns bewusst, dass wir uns große Mühe geben müssen, diese Säulen unserer Gesellschaft zu bewahren.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #227.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter