… ist in dieser Rubrik schon mehrfach aufgetaucht. Das liegt daran, dass er so zugespitzt formulieren kann, und auch daran, dass man bei ihm nicht den Eindruck einer parteipolitischen Verfälschung seiner Äußerungen bekommt. In dieser Woche hat er die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in Schutz genommen. Der Niedersachse der Woche…

Schon wieder Niedersachse der Woche: Sigmar Gabriel – Foto: Maurice Weiss; GettyImages/ptasha

…heißt Sigmar Gabriel, ist 61 Jahre alt und hat sich aus der aktiven Politik zurückgezogen. Er äußert sich aber hin und wieder zu aktuellen Vorgängen und sagt seine Meinung. Diese ist meistens gut begründet und beruht auf einer reichen politischen Erfahrung. Schon vor langer Zeit hat Gabriel sich als „Mitglied im Club für deutliche Aussprache“ bezeichnet. Das ist allerdings in diesen Zeiten nicht ohne Risiko – und womöglich auch einer der Gründe, warum er sich aus der Reihe der deutschen Spitzenpolitiker verabschiedet hat.

Nachdem die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in dieser Woche massiv angegriffen wurde, weil nach Ungenauigkeiten und Fehlern in ihrem Lebenslauf auch bekannt wurde, dass Teile ihres neuen Buches aus anderen Quellen übernommen wurden, ohne dass Zitate kenntlich gemacht wurden, brach sein Shitstorm über Baerbock herein. Gabriel, ein Sozialdemokrat, sah sich genötigt, die Spitzenkandidatin der politischen Konkurrenz in Schutz zu nehmen. Er sagte:

Ich bin bestimmt kein Grünen-Wähler, aber was mit Baerbock passiert, zeigt nur, wie armselig der Wahlkampf ist. Sie sollte es als ,Wertschätzung‘ im wörtlichen Sinn nehmen. Sie wird nur auf ihre politische ,Schussfestigkeit‘ getestet. Mehr ist es nicht. Einfach stehenbleiben! Der journalistische Schaum vor dem Mund verdeckt nur den Voyeurismus, endlich mal wieder eine Frau scheitern zu sehen, die sich wagt, was zu wollen. Dabei würden die ganzen medialen Besserwisser nicht einen Tag überstehen, wenn sie mal selbst im Wahlkampf stünden.

Die Rundblick-Redaktion zeichnet Gabriel für diese Sätze nicht aus, weil dass die allein berechtigte Sichtweise auf die Vorwürfe gegen Annalena Baerbock wäre. Nein, Kritik an den Verhaltensweisen des Grünen-Spitzenpersonals in dieser Krise, vor allem am Umgang mit berechtigten Fragen und Vorhaltungen, ist mehr als nur angebracht. Was Gabriels Aussage aber so erfrischend macht, sind zwei Dinge. Erstens entlarvt er das Medienverhalten vor allem in Wahlkampfzeiten, das Oberflächlichkeiten und persönlichen Stilfragen weitaus mehr Raum gibt als politischen Inhalten.

Er beschreibt auch ein Jagdverhalten gegenüber Spitzenpolitikern in Wahlkampfzeiten mit dem berechtigten Hinweis auf die „Schussfestigkeit“. Dass dies eine typisch männliche Sichtweise ist, wird aus seinen Worten auch deutlich – und lässt die Frage entstehen, ob Gabriel selbst in seiner aktiven Zeit nicht vielleicht auch diesen Mechanismen zuweilen erlegen war. Zweitens liegt Gabriel quer zur Parteilinie. Andere Sozialdemokraten freuen sich still und setzen darauf, dass mit wachsender Kritik an Baerbock ihr eigener Kandidat, Olaf Scholz, an Stärke und Machtoptionen gewinnen kann. Das wäre ein durchsichtig taktisches Verhalten, was übrigens auch bei Christdemokraten mit Blick auf ihren Bewerber Armin Laschet zu beobachten ist.

Gabriel aber enthält sich einer solchen Taktik und sagt Sätze, die wie seine wirkliche Meinung klingen, es wohl auch sind. Deshalb zeichnet die Redaktion des Politikjournals Rundblick ihn mit dem Titel „Niedersachse der Woche“ aus. Glückwunsch dazu!