Darum geht es: Die Landesregierung hat Leitlinien für den digitalen Wandel beschlossen. Ein Kommentar von Martin Brüning.
Niedersachsen müsse vom Silicon Valley lernen, sagte Ministerpräsident Stephan Weil vor gut einem Monat am Rande seiner USA-Reise. Jetzt schiebt Weil diesen Lernprozess in der niedersächsischen Landesregierung an. Der Ministerpräsident gehört mit Sicherheit nicht zu den sogenannten „Digital natives“; das würde er von sich selbst auch nie behaupten. Aber er hat erkannt: Man muss gar nicht zu dieser Gruppe gehören, um die Relevanz der Digitalisierung zu erkennen und diese politisch voranzutreiben. Mit der Einrichtung des Digitalrates, dessen Vorsitz Weil selbst übernehmen will, setzt Weil ein klares und wichtiges Signal für Landesregierung und Landespolitik. Damit wird die Digitalisierung nicht automatisch zur Chefsache – aber ohne den Chef geht es eben auch nicht. Der Ministerpräsident wird damit im übertragenen Sinne zum Router der Digitalisierungsoffensive.
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Man kann darüber streiten, ob es dazu nun die auf 12 Seiten aufgepumpten Leitlinien gebraucht hätte, auf denen viel unnötige Prosa zu finden ist. Wer braucht Sätze wie „Eine große Herausforderung unserer Zeit ist, die Sicherheit der Freiheit im Netz zu gewährleisten“? Die Auflistung einzelner bereits angeschobener Projekte der Landesregierung und Mutmaßungen darüber, was in Zukunft eine Rolle spielen könnte, wären nicht unbedingt nötig gewesen. Die Leitlinien haben allerdings dennoch eine wichtige Funktion. Durch sie wird deutlich, dass die Digitalisierung vor allem auch Chancen beinhaltet. Sie ist nichts, wovor wir Angst haben müssen. Das ist schon viel in einem Land, das gerne die Risiken über- und die Chancen unterbewertet.
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So wird in den Leitlinien zum Beispiel deutlich gemacht, dass der digitale Wandel gerade für den ländlichen Raum eine große Chance sein kann. Der technische Wandel findet eben nicht nur in den Städten statt. Er kann gerade für die Lebensbedingungen auf dem Land ein großer Vorteil sein. Und es ist auch der richtige Fingerzeig, dass Digitalisierung und entsprechende Medienkompetenz in den Schulen in Zukunft eine größere Rolle spielen werden und müssen – und das nicht nur bei den Schülern.
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Die Politik muss übrigens nicht die Sorge haben, dass ihr die Wirtschaft in Sachen Digitalisierung schon kilometerweit voraus ist. Zwar ist dort viel von „Disruption“ und „4.0“ die Rede. Allerdings ist immer wieder festzustellen, dass viele derjenigen, die diese Begriffe im Munde führen, inhaltlich doch recht wenig damit anfangen können. Es weiß eben in vielen Bereichen noch niemand so genau, wie sich die Digitalisierung konkret auf unser Leben in zehn Jahren auswirken wird und welche Entwicklungen in welchen Bereich besonders schnell Tempo aufnehmen werden. Am Ende behält einmal mehr Filmemacher Woody Allen Recht: „Alles in allem wird deutlich, dass die Zukunft große Chancen bereithält - sie enthält aber auch Fallstricke. Der Trick ist, den Fallstricken aus dem Weg zu gehen, die Chancen zu ergreifen und bis sechs Uhr wieder zu Hause zu sein.“
Mail an den Autor dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #208.