20. Dez. 2017
Kommentar

Die große allgemeine kulturelle Verunsicherung unterm Weihnachtsbaum

Darum geht es: Die angebliche Absage einer verpflichtenden Weihnachtsfeier für alle Schüler in einem Lüneburger Gymnasium schlägt hohe Wellen. Ist das ein Zeichen für die Zurückdrängung der christlich-abendländischen Kultur? Dazu ein Kommentar von Klaus Wallbaum. Dem Sprecher des Kultusministeriums war gestern sichtlich daran gelegen, mit einem drastischen Wortspiel die Situation zu entkrampfen. „Da wird aus einer ausgetrockneten Pfütze eine Welle entwickelt“, sagte Sebastian Schumacher. Keinesfalls, betonte er, billige das Kultusministerium eine Absage von Weihnachtsfeiern in den Schulen. Diese könnten, ja sollten wie immer stattfinden. Es sei allerdings Sache der Schulen, wie das organisiert werde – und hier würden sich die Schulleitungen sehr verantwortungsbewusst zeigen. Was war geschehen? Das Lüneburger Johanneum hatte die Weihnachtsfeier während der Unterrichtszeit abgesagt. Kolportiert wurde, dies hänge damit zusammen, dass sich eine muslimische Schülerin im vergangenen Jahr beschwert habe, da einige der christlichen Weihnachtslieder nicht ihrem Glauben entsprächen. Deshalb habe das Gymnasium die Veranstaltung auf den Nachmittag verlegt, die Teilnahme der Schüler sei auch nicht mehr verpflichtend, sondern freiwillig. Ein entsprechender Passus aus dem Schulgesetz wurde zur Begründung auch präsentiert – danach muss im Unterricht die religiöse Überzeugung der Schüler geachtet werden. Die Version, die gestern der Sprecher des Kultusministeriums vorstellte, klingt nun etwas anders: Die Terminverschiebung der Weihnachtsfeier habe rein organisatorische Gründe in der Schule gehabt, das sei nicht auf eine Beschwerde zurückzuführen. Zitiert hat der Sprecher Paragraph 2 des Schulgesetzes: Die Schule solle die Persönlichkeit der Schüler „auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und er Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen weiterentwickeln“. Das klingt nun so, als basiere alles auf einem Missverständnis. Vermutlich lässt sich nie ganz klären, ob die Weihnachtsfeier nun wegen Beschwerden muslimischer Schüler verschoben wurde oder aus anderen Gründen. Das ist auch nebensächlich. Interessant ist vielmehr, dass die Absage mit der zunächst transportierten Begründung einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat. Die AfD meldete sich mit Protesten zu Wort, mehrere Medien fühlten sich berufen zu Bekenntnissen. Die Weihnachtsfeier, so lautete der überwiegende Tenor, dürfe nicht einem falsch verstandenem Grundsatz religiöser Toleranz geopfert werden. Völlig zu Recht ertönten diese Signale. Die Vorweihnachtszeit mit ihren Symbolen, Liedern und Bräuchen ist in erster Linie Ausdruck der kulturellen Tradition in Europa, auch in Deutschland. Das Religiöse spielt eine große Rolle, aber es steht nicht im Vordergrund – und ob christliche Weihnachtslieder die religiösen Gefühle von Nicht-Christen wirklich verletzen können, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Insofern ist die öffentliche Empörung nach der Absage der Feier nicht nur verständlich, sondern geradezu notwendig. Aber das Problem liegt tiefer: Wieso entzündete sich an diesem Fall eine große Aufregung, sodass der Schulleiter sich inzwischen sogar genötigt sieht, eine öffentliche „Richtigstellung“ zu verbreiten? Liegt es an der AfD, die solche Ereignisse zur Mobilisierung einer Anti-Islam-Stimmung nutzt? Wohl kaum, denn die AfD allein könnte nie solche mediale Zündkraft entfalten. Sie stößt mit Protesten auf Resonanz, weil es tatsächlich bei sehr vielen Menschen ein Gefühl der kulturellen Verunsicherung gibt. Die Mitgliederschaft der Kirchen schmilzt auf der einen Seite, auf der anderen nimmt die kulturelle und auch religiöse Vielfalt in der Gesellschaft zu. Viele plagt tatsächlich die Sorge vor einer Entfremdung – dass nämlich die überlieferten Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten verdrängt oder entwertet werden und dass damit die Orientierung in einer immer unübersichtlicheren Welt zunehmend schwerer falle. Da derartige Ängste bei vielen Menschen unterschwellig vorhanden sind, waren viele auch sofort bereit zu glauben, dass die Beschwerde einer muslimischen Schülerin zur Absage der Weihnachtsfeier führte – auch wenn das, wie der Schulleiter inzwischen beteuert, in der verknappten Darstellung eben nicht so war. Zwei Dinge kann man aus diesem Ereignis lernen. Erstens sind kulturelle und christliche Traditionen, besonders in der Vorweihnachtszeit, hochsensible Angelegenheiten. Neben dem Recht von Schülern, ihre religiösen Überzeugungen zu pflegen, gibt es auch ein bisher vielleicht unterschätztes Recht von anderen, an überlieferten Gewohnheiten auch in der Gemeinschaft mit anderen festzuhalten. Das ist Teil der viel geschmähten Leitkultur, die – wie sich hier zeigt – für den Zusammenhalt der Gesellschaft absolut notwendig ist. Zweitens drückt sich ein Bedürfnis nach konservativen Werten wie Brauchtum, Identität, Heimat und Zusammenhalt aus, das zu bestimmten Zeiten und Anlässen im Jahr – Weihnachtsfeiern gehören unbedingt dazu – von vielen Menschen erwartet wird. Die Politiker sollten wissen, dass sie darauf künftig noch mehr achten müssen. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #228.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning