Ein Akt der Verzweiflung
Zu den ersten Enttäuschungen dieser Wahlperiode gehört, dass Weil und Althusmann ihr Versprechen bislang nicht eingelöst haben. Beide, heißt es jetzt, hätten sich intern gegen eine Verfassungsänderung ausgesprochen. Dass dieser Vorschlag nun von Grünen und FDP kommt, die keine Aussicht auf eine Mehrheit im Landtag haben, geschweige auf eine verfassungsändernde, ist schon ein Akt der Verzweiflung. Warum konnten SPD und CDU ihre Zusage nicht halten? Ist ihnen die Stärkung der Oppositionsrechte in Wahrheit egal? Das wäre eine böswillige Unterstellung, denn die klugen Sozial- und Christdemokraten wissen selbstverständlich, dass eine zu schwache Opposition am Ende zwangsläufig zu einer schlechteren Regierungsarbeit führt. Vielleicht ist die Erklärung deshalb eine andere: SPD und CDU bringen, trotz ihrer satten Mehrheit im Parlament, nicht die Kraft zu wirklich gestaltender Reformpolitik auf. Sie sind knapp 150 Tage nach der Wahl in Wahrheit durch ihr gegenseitiges Misstrauen wie gelähmt. Wer den eigenen Partner nur immer skeptisch aus den Augenwinkeln betrachtet, ist nicht zu echt großen Schritten, wie die Verfassungsänderung einer wäre, in der Lage.
Das maximale Ziel scheint zu sein, möglichst keine Fehler zu machen und möglichst nicht angreifbar zu werden.
Die versprochene und nicht gehaltene Stärkung der Opposition ist nur ein Beispiel. Ein anderes ist die Finanzpolitik. Bisher haben sich SPD und CDU auf den Ausbau ihrer Stäbe in den Ministerien verständigt, auf neue Projekte in der Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, allen voran die Kindergärten. Alles, was konfliktbehaftet ist oder nur im Verdacht steht, Streit zu produzieren, wurde bislang ausgeklammert. So droht eine riesige Milliarden-Ausgabe zur Überlebenssicherung der Nord/LB den Landeshaushalt zu sprengen, aber in den Papieren des Finanzministers für das Kabinett wird darüber geschwiegen.
Es droht mächtiger Streit über die Frage, wie die Behördenlandschaft ausgedünnt und ein Stellen-Abbauprogramm für die Landesverwaltung ausgestaltet wird. Was die kommunale Seite angeht, sollen laut Koalitionsvertrag schon bis Mitte 2019 Ergebnisse vorliegen. Ein Gutachterauftrag aber ist immer noch nicht erteilt worden. Es droht ein Kräftemessen der Alpha-Tiere unter den Innenpolitikern der Koalitionsparteien, wenn ein neues Polizeigesetz vorgelegt wird. Schon vor Wochen wurde ein Entwurf erwartet, bis heute hat ihn Innenminister Boris Pistorius (SPD) noch nicht geliefert – sodass der CDU-Innenexperte Uwe Schünemann in der Neuen Osnabrücker Zeitung von gestern offen erklärte: „Ich habe den Eindruck, dass sich die SPD von dem behäbigen Regierungsstil aus der rot-grünen Zeit noch nicht verabschiedet hat.“


