19. Nov. 2019
Wirtschaft

„Die Politik muss den Mutigen Halt geben und den Zögernden die Zweifel nehmen“

Die jungen Menschen in Deutschland mit Mitte 20 oder 30, sagt Niedersachsenmetall-Hauptgeschäftsführer Volker Schmidt, haben eine echte wirtschaftliche Krise noch nicht erlebt. Sie wissen also nicht, wie man da reagieren kann. Deshalb ist Schmidt mehr als skeptisch: Ist unsere Gesellschaft gerüstet für das, was im nächsten Jahr bevorsteht? Die Anzeichen sind nicht gut, denn die Konjunktur trübt sich unverkennbar ein. Die Autoindustrie trifft es jetzt schon, und auch wenn die deutschen Unternehmen der Elektro- und Metallindustrie heute noch auf zwei Dritteln der Weltmärkte führend seien, zeigen sich doch auch bei ihnen düstere Wolken am Horizont. Wie steht es um den Weitblick der deutschen Politik? Werden die richtigen Weichen gestellt? Gibt es vielleicht verantwortungslose Fehlentscheidungen, deren Langzeitfolgen wir jetzt noch gar nicht abschätzen können? Was bewirkt beispielsweise die dauerhafte Niedrigzinspolitik der EZB in den Köpfen der Menschen, die aus ihrer Kindheit das Sparen noch als etwas Sinnvolles und Erstrebenswertes einschätzen? https://www.facebook.com/NiedersachsenMetall/posts/854516188298194 Zum zehnten Mal haben der Arbeitgeberverband Niedersachsenmetall und der Industrieclub Hannover zum „Herrenhäuser Wirtschaftsforum“ in die Galerie am Schloss Herrenhausen eingeladen. Wieder sind hochkarätige Gäste gekommen, sie sprechen über die Grundfragen der Gesellschaft – fern der tagesaktuellen Themen und Aufgeregtheiten. Wolfgang Schäuble ist gekommen, der Bundestagspräsident, der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer, Fränzi Kühne als Geschäftsführerin einer Digitalagentur, die im Ausland erfahrene Journalistin Melissa Eddy und der Verlagsmanager Thomas Düffert, Chef der Madsack-Mediengruppe. Sie alle greifen Schmidts Eingangsfrage auf: Sind wir gut genug vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft?

Was wir brauchen, ist eine veränderte Grundeinstellung. Wir müssen nach intelligenteren Lösungen suchen und darin investieren.


Schäuble spricht von zwei wesentlichen Entwicklungen, die der Grund für die gravierenden Umwälzungen seien – die Digitalisierung und die Globalisierung. Die Gesellschaften überall auf der Welt würden immer heterogener, konfliktreicher und unübersichtlicher. Auch bei uns in Deutschland beginne die Aufteilung in zwei Gruppen: Die einen, die den Entwicklungen aufgeschlossen gegenüberstehen und sich selbstsicher bewegen – und die anderen, die in den Veränderungen eine Gefahr sehen, sich abschotten und der Digitalisierung mit Angst und Misstrauen begegnen. Erschwert werde das durch eine Nachrichtenflut auf der einen Seite und eine auch in Deutschland wieder schwächelnde Wirtschaft. Mit neuen Schulden, sagt Schäuble, könne man den Problemen nicht begegnen – denn tatsächlich liege es nicht an den liquiden Mitteln, von denen gebe es genug. Das bereitgestellte Geld werde für neue Investitionen gar nicht abgerufen. „Was wir brauchen, ist eine veränderte Grundeinstellung. Wir müssen nach intelligenteren Lösungen suchen und darin investieren.“ Die Politik des billigen Geldes setze falsche Anreize, sie fördere auch die, die keine Innovationen anstreben. Nötig sei vielmehr die gezielte Förderung von Wissenschaft und Forschung – und da seien die Chinesen viel weiter als wir.

Der Versuchung zu widerstehen – das unterscheidet den ehrbaren Kaufmann vom Hasardeur.


Der Bundestagspräsident sieht gleichzeitig eine Unzufriedenheit und Verunsicherung in Deutschland. Die Politik müsse den Menschen das Gefühl geben, dass sie Schritt halten und die Anforderungen meistern können – sie müsse den Mutigen Halt geben und den Zögernden Zuspruch geben. In der Wirtschaft seien mehr Anstand und Gemeinwohl erforderlich: „Der Versuchung zu widerstehen – das unterscheidet den ehrbaren Kaufmann vom Hasardeur.“ Die Wirtschaft müsse es wieder wagen, Neues auszuprobieren und es wenn nötig auch wieder zu verwerfen. Die Komplexität der Herausforderungen müsse erkannt werden – man dürfe nicht, wie es in der Flüchtlingsfrage und in der Diskussion über die Klimaveränderungen geschehen sei, die Debatte auf nur eine einzelne Frage verkürzen. Erdrückt würden die nötigen Schritte durch den typisch deutschen Drang zur bürokratischen Überregulierung. Die Politiker müssten sich den wichtigen und auch unangenehmen Aufgaben stellen – dann könnten sie auch die darin liegenden Chancen entdeckten. Über die Balance zwischen „nicht zu viel und nicht zu wenig Regulierung“ müsse offen gesprochen werden – fern von Ängsten und Vorurteilen.

Wir müssen nicht Champion werden, aber Halbfinale ist Pflicht – und an einer Industriepolitik als Ergänzung zur sozialen Marktwirtschaft führt aus meiner Sicht kein Weg vorbei.


Joschka Fischer ergänzt Schäubles Beschreibung durch einige weltpolitische Sichtweisen: Das Ende der weltpolitischen Rolle der USA, ausgedrückt im Agieren Donald Trumps, der Aufstieg Chinas und die digitale Revolution übten diesen gewaltigen Druck auf die europäischen Politiker aus: „Wir müssen nicht Champion werden, aber Halbfinale ist Pflicht – und an einer Industriepolitik als Ergänzung zur sozialen Marktwirtschaft führt aus meiner Sicht kein Weg vorbei.“ Anders als der Bundestagspräsident hofft der frühere Bundesaußenminister auf mehr staatliches Engagement. Schäuble sagt: „Bis zur Wiedervereinigung waren wir Deutsche der Meinung: Um die Welt kümmern sich schon die anderen. Jetzt aber sind wir selbst in Europa gefordert.“ Die neuen Aufgaben und Herausforderungen seien auch deshalb hierzulande nur schwer aufzugreifen, weil die Deutschen „zu perfektionistisch“ seien – und alles immer ganz, ganz genau machen wollten. Fränzi Kühne gibt ihm Recht: „Wir brauchen eine Kultur, in der auch mal Scheitern in Ordnung ist. In der Wirtschaft brauchen wir viele kleine Schnellboote neben den großen und behäbigen Tankern.“ Von den Start-ups könne man lernen, sie könnten Vorbilder sein. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #204.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter