5. Sept. 2018
Wirtschaft

Die Russlandversteher in Niedersachsen werben für unvoreingenommenen Blick auf Moskau

Der frühere Kultusminister und Politikprofessor Rolf Wernstedt und der hannoversche Historiker Prof. Hans-Heinrich Nolte setzen sich an die Spitze einer Bewegung, die mehr Verständnis für die aktuelle russische Politik erzeugen will. Beide haben ein Buch mit dem Titel „Russlandbilder – Deutschlandbilder“ herausgebracht, sie wollen gegenseitige Vorurteile abbauen. „Deutschland ist noch mehr als Russland darauf angewiesen, seine Möglichkeiten gegenüber Russland positiv zu organisieren und zu begründen. Dies sollte ohne Ressentiments und ohne herablassende und feindselige Rhetorik geschehen“, sagte Wernstedt. Zur Vorstellung des Buches holten die Herausgeber den früheren Bundesaußenminister Sigmar Gabriel, der die Thesen der Buchautoren teilweise auch kritisch bewertete, im Grunde aber mit Wernstedt und Nolte übereinstimmt. „Das Buch ist wertvoll, weil es mit Stereotypen und Vorurteilen aufräumt, die im Verhältnis zwischen Deutschland und Russland immer noch bestehen“, sagte Gabriel. Auch er setze sich für einen nüchternen Blick auf die politischen Verhältnisse ein. https://soundcloud.com/user-385595761/sigmar-gabriel-die-rechtspopulisten-knupfen-an-alte-ideen-an Gabriel sprach sich dafür aus, dass die deutsche Regierung 2019 mit Beginn der befristeten Mitgliedschaft der Bundesrepublik im UN-Sicherheitsrat einen neuen Versuch unternimmt, das Verhältnis zwischen Russland und der EU zu entkrampfen. Dazu sei es nötig, dass in der Ostukraine endlich Waffenstillstand herrsche und die schweren Waffen dort abgezogen werden. Sofern das beginnt, sollten nach Gabriels Ansicht schrittweise die EU-Sanktionen gegen Russland gelockert werden. Ein robustes UN-Mandat in der Region, das Russlands Präsident Wladimir Putin erst abgelehnt, im September 2017 dann aber selbst vorgeschlagen habe, könne den Frieden dort sichern. Wichtig sei jedoch, dass nicht Deutschland Sonderbeziehungen zu Russland aufbaue, sondern stets eine gemeinsame Linie in der EU verfolge. Nachdem sich gezeigt habe, dass sich das russische Engagement im US-Präsidentschaftswahlkampf nicht ausgezahlt habe, da Donald Trump eine Moskau-freundliche Linie bei Demokraten und Republikanern in Washington nicht habe durchsetzen können, bestehe die Chance auf eine Wiederannäherung von Russland und EU. Dies dürfe man nicht mit überspitzter Kritik an der Gasleitung Nordstream II „kaputtmachen“. Gabriel warnte allerdings auch vor Phantasien einer deutsch-russischen Annäherung, die gegen westliche Werte gerichtet ist und von Nationalisten und Rechtspopulisten vertreten werde. „Schon mein Vater, der ein überzeugter Nationalist war, dachte so – der Fehler sei gewesen, dass die Deutschen nicht mit den Russen gegen die USA in den Krieg gezogen seien.“ [caption id="attachment_34894" align="aligncenter" width="780"] Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, der Historiker Prof. Hans-Heinrich Nolte und der ehemalige Kultusminister Rolf Wernstedt (v.l.n.r.) bei einer Pressekonferenz in Hannover  - Foto: MB.[/caption] Zwischen Gabriel und dem Historiker Hans-Heinrich Nolte gibt es unterschiedliche Positionen zu der Frage, ob die EU sich an ihrer Ostgrenze stärker engagieren soll oder nicht. Nolte empfiehlt, die EU solle jegliche Pläne einer Osterweiterung aufgeben und den osteuropäischen Staaten, auch der Ukraine, so die Chance zur Bildung eigener Machtbündnisse bieten. Gabriel entgegnete, ein Rückzug der EU  aus Serbien, dem Kosovo und dem Westbalkan öffne dem IS oder China die Chance, dorthin vorzudringen – die Situation drohe also unsicherer zu werden. Nolte plädierte zudem um Verständnis dafür, dass die Demokratie in Russland noch nicht entwickelt sei wie im eingespielten Westen und dass sich autoritäre Regierungen durchgesetzt hätten, auch wenn der Parlamentarismus funktioniere. Wernstedt erklärte, man müsse mit der Unterstellung aufhören, dass US-Politik „ausschließlich ethisch motiviert“ und russische Politik unter Putin „prinzipiell freiheitfeindlich“ sei. Der frühere Landtagspräsident sieht allerdings schon, dass der Dialog mit russischen Vertretern – beispielsweise im Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge – schwieriger werde. Die hierzulande verbreitete Vorstellung, dass Soldaten im Krieg nicht nur als Helden, sondern auch als Täter angesehen werden können, stoße in Russland zunehmend auf Unverständnis. Hans-Heinrich Nolte/Rolf Wernstedt (Hrsg.): Russlandbilder – Deutschlandbilder, ISBN: 978-3-7881-2036-8, 29,60 Euro.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #155.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning