Ob es da an journalistischer Distanz fehlt? Der Autor ist bekennender Professor Dueck-Fan. - Foto: MB.[/caption]
Gunter Dueck ist unterhaltsam und immer wieder für einen Lacher gut, auch wenn es oft bittere Lacher sind. Er hat keine Schwierigkeiten, brandenburgische Dörfer mit der deutschen Autoindustrie zu vergleichen, denn auch sie sieht er vor enormen Umwälzungen. Derzeit sei ein Auto wahnsinnig teuer, werde aber nur zu vier Prozent ausgelastet. In der übrigen Zeit stehe es herum. „Beim künftigen automatisierten Fahren wird die Auslastung von derzeit vier auf 30 Prozent steigen. Das bedeutet zugleich, dass wir nur ein Siebtel der Autos von heute brauchen.“ Und die könnten auch aus Pappe gebaut werden, weil es keine Unfälle mehr geben werde. „Schnelles Fahren, Trunkenheit am Steuer und waghalsiges Überholen gibt es dann nicht mehr. Das kann schließlich der dümmste Programmierer verhindern – der muss nur programmieren: Fahr nicht zu schnell, halte die Abstände ein, fahr nicht besoffen.“ Dann passiere auch nichts und mehr und man brauche nicht mehr so viel Blech um einen herum. Für die Autoindustrie seien die Konsequenzen enorm: „Vorher hatten wir 100 Jahre Maschinenbau – jetzt geht es um Innenausstattung, IT und Batterien. Und die haben wir nicht.“ Er wundert sich über Autofirmen, denen fünf Milliarden Euro Investition für ein Batteriewerk zu viel Geld seien. „Daimler macht 15 Milliarden Euro Gewinn im Jahr. Kann man damit kein Batteriewerk bauen?“, fragt Dueck. Die Unternehmen müssten den „Hintern hochkriegen“, meint er. „Da werde ich langsam ungeduldig.“
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Aber warum heißt es immer wieder, dass es nicht geht? Warum wehren wir uns so vehement gegen Änderungen? Für Dueck hat das ganz viel mit der jeweiligen Identität zu tun. Eine große Computerfirma wollte angesichts von Cloud Computing keine kleinen Computer bauen. Warum? Das passe nicht zum Selbstverständnis, hieß es. „Die Kompetenzen verschieben sich. Und die Firma sagt dennoch von sich aus: Nein, das machen wir nicht, weil das nicht unser Selbstverständnis ist.“ Vor diesem Denken warnt Dueck. Denn die veränderten Identitäten beträfen viele. Schon heute brauche man keinen Versicherungsvertreter mehr, um eine Haftpflichtversicherung abzuschließen. „Und mein Beruf ist auch schon geschreddert: Ich war mal Mathe-Professor. Die braucht man auch alle gar nicht mehr. Man braucht nur einen guten, der das auf Video erklärt. Dann können es alle sehen.“ Eine weitere Identitätskrise käme auf Chemiefirmen und Pharmazie zu. Die Gentechnik werde, zum Beispiel bei der Heilung von Krebs, die Chemo-Therapie in Zukunft überflüssig machen, prognostiziert Dueck. Die Folgen würden auch für Patienten und Kliniken enorm sein.
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Identitätsveränderungen betreffen Dueck zufolge nicht nur die Wirtschaft. Sie seien auch ein Schlüsselproblem der Politik. „Früher waren die Meinungen klar. Wenn einer vom Bauernhof kam, dann hat er CDU gewählt. Es gab Stammwähler und Identitäten. Das ist alles verschwunden“, konstatiert Dueck und wundert sich, warum zum Beispiel in der bayerischen Politik so viel über Bauern gesprochen werde. Die gebe es doch kaum noch, sie machten nicht einmal mehr zwei Prozent der Bevölkerung aus. An dieser Stelle ist Dueck mehr Statistiker und Unternehmer, der sich über die Prozesse in der Politik wundert. Dennoch hat er für die Parteien eine Empfehlung: Sie sollten sich auf die Suche nach neuen Identitäten begeben. „Das muss möglichst konkret sein. Man sollte sich zum Beispiel nicht einfach für Gerechtigkeit einsetzen, sondern konkret für Menschen, die jetzt ungerecht zum Mindestlohn arbeiten müssen, weil die Preise auf dem Arbeitsmarkt gedrückt werden.“ Für die SPD dürfte der Hinweis fast ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl ein wenig spät kommen. Vielleicht holt sie sich für den nächsten Wahl Rat bei Dueck. Mit einer Antwort könnte er in diesem Fall allerdings dann wenig anfangen: „Das geht bei uns nicht.“

