23. Aug. 2016
Kommentar

Ehrliche Bestandsaufnahme

Darum geht es: Der Zuliefererstreit bei Volkswagen ist beendet. VW hat sich mit den beiden Zulieferern geeinigt. Ein Kommentar von Martin Brüning: „Ach, hören Sie mir doch auf mit der Legende von den armen Zulieferern“ – der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer kam am Telefon mächtig in Fahrt, als es um den Umgang zwischen Autobauern und Zuliefererbetrieben ging. Für Dudenhöffer steht fest: Die armen, geknechteten Zuliefererbetriebe gibt es gar nicht. Unternehmen wie Continental seien dafür das beste Beispiel. Nun ist Continental nur ein Beispiel und damit bei weitem nicht die ganze Wahrheit. Mittlerweile lässt sich auch in Studien nachlesen, dass der Preisdruck in der Branche das Verhältnis zwischen Autobauern und Zulieferern nachhaltig belastet. Der Ton ist ruppig, die Preisverhandlungen sind rabiat. Zulieferer kämpfen dabei mit steigendem Kostendruck seitens der Automobilhersteller auf der einen und höheren Rohstoffpreisen auf der anderen Seite. Volkswagen schneidet in diesem internen Ranking der schlechtesten Verhandlungspartner sogar noch unterdurchschnittlich ab. Das Beispiel Prevent hat nun gezeigt, wie es aussieht, wenn ein Zulieferer den Spieß einmal umdreht. Das mag weder die feine Art noch wirtschaftlich sinnvoll sein, manche sprechen auch von Erpressung. Dennoch lenkt es den Scheinwerfer einmal mehr auf eine Problemzone der Automobilindustrie. Gerade Volkswagen könnte mit gutem Beispiel vorangehen, und die Geschäftsbeziehungen mit den Zuliefererbetrieben auf neue, faire und vertrauensbasierte Grundlagen stellen. VW hätte diese Imagekorrektur bitter nötig. Die unrühmliche Salami-Taktik bei der Aufklärung des Diesel-Skandals, die Fremdschäm-Debatte um Bonus-Zahlungen für Vorstände und nun die Übertölpelung durch einen Zulieferer, was sich Volkswagen – auch das noch - mit einem Griff in die Sozialkassen über Kurzarbeit bezahlen lassen wollte. Das Image des Konzerns sieht derzeit etwa so aus wie ein VW Touareg nach der Geländefahrt durch Matsch und Schlamm. Da reicht nicht einmal das „Premium-Perfect-Shine“-Waschprogramm. Das ganze Auto sollte nach Konstruktionsfehlern abgesucht werden. Bei einer ehrlichen Bestandsaufnahme dürfte dabei einiges zu finden sein. Es ist noch nicht zu spät.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #149.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning