Das Tempo, mit dem die Pharmaindustrie auf die Covid-19-Pandemie reagierte, war beachtlich. Am 10. Januar 2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler erstmals die Erbgutsequenz des neuen Corona-Virus. Nur sieben Monate später wurde in Russland bereits der erste Impfstoff („Sputnik V“) zugelassen, die Europäische Union zog mit dem Vakzin von BionTech und Pfizer noch vor Weihnachten nach. Die rasante Geschwindigkeit sorgte für Erstaunen, aber auch für Bedenken: Wurden bei der Impfstoffentwicklung etwa Abstriche bei der Sicherheit gemacht?

Medikamentenforscher, Immunologen und Biotechnologen aus Niedersachsen winken jedoch ab. Von unerlaubten Abkürzungen könne bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs keine Rede sein, stattdessen seien die Forscher sogar ausgebremst worden. „Wir haben bei der Entwicklung unseres Corona-Medikaments gelernt, dass die wissenschaftlichen Arbeiten durch zahlreiche nicht-wissenschaftliche Rahmenbedingungen verlangsamt wurden“, sagt Prof. Stefan Dübel, Leiter der Abteilung Biotechnologie der Technischen Universität (TU) Braunschweig. Für den Biologen und Corona-Antikörper-Experten ist deswegen klar: „Wir müssen jetzt beginnen, diese Hindernisse zu beseitigen, wenn wir wirklich bei der nächsten Pandemie schneller sein und mehr Leben retten wollen.“
Wie die Wirkstoffentwicklung noch schneller werden kann, erläuterte Prof. Dübel (kürzlich bei einem Fachkongress zur Medikamentenforschung in Göttingen, zu dem die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg eingeladen hatte. Dort stellte der TU-Forscher vor rund 50 Experten den Aktionsplan der Initiative „Rapid“ („Response Against Pandemic Infectious Diseases“) vor, an der quasi alle für die Infektionsforschung wichtigen Universitäten, Forschungseinrichtungen, Behörden, Ministerien und Unternehmen aus Niedersachsen beteiligt sind.
Zehn große Hürden haben die Fachleute identifiziert, die die Entwicklung eines Impfstoffs in der Pandemie ausgebremst haben, und dazu passende Lösungsvorschläge entwickelt. „Zahlreiche der vorgeschlagenen Maßnahmen werden auch außerhalb pandemischer Notlagen deutliche positive Effekte auf die Konkurrenzfähigkeit der Forschung und erfolgreiche wirtschaftliche Verwertung erarbeiteter Innovationen in Niedersachsen haben“, meint die Arbeitsgruppe. Mit ihrem Aktionsplan sollen etwa Hightech-Ausgründungen erleichtert, internationale Forschungsprojekte an niedersächsischen Universitäten beschleunigt und auch das Pandemie-Management außerhalb der Medikamentenentwicklung verbessert werden.
Es muss ohne Zeitverlust möglich sein, Mittel aus unterschiedlichen Haushaltsbereichen unbürokratisch und ohne rechtliche Konsequenzen umzuwidmen.
Vorsorgefonds für den Notfall: Dass das Land Niedersachsen innerhalb kurzer Zeit unter der SPD/CDU-Koalition einen Corona-Nachtragshaushalt aufstellte und bereits im April 2020 erste öffentliche Mittel an wissenschaftliche Institutionen bewilligte, loben die Experten ausdrücklich. Trotzdem wünschen sie sich für die nächste Pandemie besser geordnete Verhältnisse. Durch vorher klar definierte „Fast-Track-Prozeduren“ bei der Bewilligung von Forschungsmitteln könne Niedersachsen im Notfall entscheidende Wochen oder Monate einsparen.
Die Experten plädieren daher für vorher beschlossene und mit allen betroffenen Ministerien abgestimmte Notfallfonds, die unter Federführung des niedersächsischen Finanzministeriums stehen und eine sofortige Anschubfinanzierung von Projekten sicherstellen könnten. Außerdem schlägt die Arbeitsgruppe ein Fundraising zur Akquisition von zusätzlichen Finanzmitteln aus Gesellschaft und Wirtschaft vor, die dann im Pandemiefall eingesetzt werden. Als Vorbild dafür wird der schwedische „Pandemifonden“ genannt.
Von Veterinären lernen: „Die nächsten Pandemie-Erreger werden mit großer Sicherheit zoonotischen Ursprungs sein“, sagen die Infektionsforscher und fordern deswegen eine bessere Zusammenarbeit zwischen human- und veterinärmedizinischen Infrastrukturen. Durch diverse Krisenfälle habe insbesondere das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) eine große Expertise aufgebaut.
Die Arbeitsgruppe schlägt auch eine virtuelle Landesbehörde für Pandemiebekämpfung vor, die im Pandemiefall aktiviert wird und Landesmitarbeiter aus verschiedenen Einrichtungen kurzfristig zur gemeinsamen Arbeit abordnen kann. Überhaupt sei der schnelle Austausch von finanziellen und personellen Ressourcen in einer Pandemielage entscheidend. „Es muss für niedersächsische Institutionen ohne Zeitverlust möglich sein, Mittel aus unterschiedlichen Haushaltsbereichen unbürokratisch und ohne rechtliche Konsequenzen umzuwidmen“, lautet daher eine weitere Forderung. Auch in anderen Bereichen der Zusammenarbeit fehle es an Rechtssicherheit, was durch Musterverträge und Haftungsbefreiungen geändert werden könne.


