24. März 2016
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Gastkommentar: Geistiger Stacheldraht

von Jürgen Gansäuer (rb) Die politischen Konsequenzen aus den drei zurückliegenden Landtagswahlen und die geradezu psychotische Fixierung des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer auf die Person von Angela Merkel erobern in diesen Tagen ohne Mühe die Schlagzeilen der Medien. Verständlich ist, dass die bayerische Politik empfindsamer auf die Probleme der Bewältigung des Flüchtlingsstromes reagiert als die norddeutsche. An der deutschösterreichischen Grenze haben die Städte und Gemeinden das Chaos nicht vergessen, das durch die große Zahl völlig unkoordiniert einreisender Ankömmlinge und den fast totalen Ausfall der staatlichen Stellen verursacht worden ist. Den Bürgermeistern, den Kommunalpolitikern und den vielen Ehrenamtlichen im Freistaat kommt das Verdienst zu, das inhumane Wirrwarr halbwegs menschlich geordnet zu haben. Es ist zutiefst bedauerlich, dass hinter dem Gerangel um Parlamentsmehrheiten und den täglichen Berichten über die Multimorbidität einer entidealisierten EU die eigentlichen Probleme vernebelt und verdunkelt werden. Veränderungsprozesse, die den Menschen nicht hinreichend erklärt werden, haben in der Menschheitsgeschichte schon immer Ängste und schließlich Abwehrverhalten bewirkt. Verstärkt werden solche Reflexe, wenn es aufgrund vielschichtiger Sachverhalte keine Sofortlösungen gibt. Ein langer Atem war noch zu keinem Zeitpunkt eine herausragende Fähigkeit neuzeitlicher Gesellschaften. Gerade aber wir Deutschen sollten davor gewarnt sein, Sündenböcke zu kreieren. Die Bundeskanzlerin steht dabei in einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten, die über die Emotion des Tages hinaus zu denken in der Lage waren. Die Namen Gustav Stresemann und Friedrich Ebert sind nur zwei von vielen, die man nennen könnte. Die geistigen Stacheldrahtzäune waren in der Vergangenheit jedenfalls genauso unheilvoll wie die realen an der mazedonischen Grenze von heute. Dabei kommt den „Pegidas“ zugute, dass die Tiefe des Kulturbruchs der Jahre 1933 bis 1945 bis heute noch nicht in alle Teilen unseres Volkes gelangt ist. Die Abwehr und Verleugnung dieser Tatbestände baut auf einer historischen Erfahrung auf, die die Menschen spätestens seit der Völkerwanderung über Jahrhunderte hinweg gelehrt hat, dass Fremde stets eine Bedrohung sind. Der Verfasser dieser Zeilen hat als kleiner Junge selber noch erlebt, dass beim Herannahen von sogenannten „Zigeunern“ in den Dörfern die Wäsche von der Leine genommen und die Kinder von der Straße geholt worden sind. Erschwerend kommt in diesen Tagen hinzu, dass die Migranten zu einem großen Teil eine Religion im Gepäck haben, die sich uns medial fast täglich und gerade aktuell als gewaltbereit, intolerant und gegen die Gleichberechtigung von Frau und Mann gewandt darstellt. „Charly Hebdo“ in Paris ist ein Stichwort von vielen, das selbst liberalen Bürgerinnen und Bürgern ein geradezu chronisches Abwehrverhalten vermittelt. Da hilft auch nicht der historischwissenschaftlich falsche Hinweis, dass der Islam zu Deutschland gehört, auch wenn er von einem ehemaligen Bundespräsidenten stammt. Die Akzeptanz des Andersseins wird jedenfalls nicht durch devotes Verbiegen von Tatsachen, sondern nur durch das Bemühen um Offenheit und Vertrauen bewirkt. Die Grenzen in diesem Prozess werden dabei von unserer Verfassung markiert. Wer diese nur in Teilen zu akzeptieren vermag, sollte sich ein anderes Zuhause suchen als Deutschland. Unser Land ist der große Gewinner der Globalisierung. Darin sind sich die Fachleute einig. Dieses Resümee basiert maßgeblich auf einem wissenschaftlichtechnischen Fortschritt bisher ungekannten Ausmaßes, auf der Tüchtigkeit von Arbeitnehmern sowie auf klugem unternehmerischem Handeln. Mit der Erschließung der Weltmärkte ist in der Vergangenheit aber stets auch die Ausbeutung von Menschen in anderen Erdteilen verbunden gewesen. Die Zerstörung ganzer Lebensräume und die brutale Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft ist u.a. eine Folge des Anspruches auf Wohlstand in der westlichen Welt. Die sich daraus ergebenden Probleme der Migration werden sich in den nächsten Jahrzehnten durch die Folgen der unausweichlichen Klimaveränderungen noch verstärken. Millionen Menschen werden gezwungen sein, ihre angestammte Heimat zu verlassen, weil sie in ihr keine Lebensgrundlage mehr finden. Die Folge wird sein, dass die Kulturen immer intensiver aufeinandertreffen. Wenn die daraus entstehenden Probleme nicht zu dauerhaften blutigen Auseinandersetzungen und Kriegen führen sollen, müssen wir Wege finden, die Ressourcen dieses immer kleiner werdenden Globus‘ gerechter aufzuteilen. Die Fragmentierung in Wohlstands- und Armutszonen wird auf Dauer jedenfalls nicht funktionieren. Die Digitalisierung und das Internet werden dafür sorgen, dass die Ausgegrenzten täglich darüber informiert werden, wie gut es sich in anderen Teilen der Welt leben lässt. Und es ist ganz sicher davon auszugehen, dass sie das Schicksal, Verlierer zu sein, nicht auf Dauer fatalistisch hinnehmen werden. Wenn der Westen auf diese Herausforderung nicht oder nur unzureichend reagiert, werden der Islamische Staat (Isis) und Boko Haram nicht die letzten terroristischen Bewegungen gewesen sein. Natürlich ist unser Land nicht in der Lage, eine unbegrenzte Zahl von Menschen aufzunehmen. Dies vor allem ist ja auch der Grund dafür, dass sich Angela Merkel so vehement für eine europäische Lösung einsetzt. Unbestreitbar bleibt, dass jede Begrenzung immer auch mit menschlichen Härten verbunden ist. Der Weg der totalen Abschottung und die Unmöglichkeit einer unbegrenzten Aufnahme rufen nach einem Mittelweg, und dieser wiederum ist ein Tummelplatz für Moralisten auf der einen und Nationalisten auf der anderen Seite. Wir werden ihn gleichwohl gehen müssen, denn niemand kann ernsthaft glauben, dass die einzelnen Nationalstaaten den ökonomischen, ökologischen und terroristischen Herausforderungen getrennt voneinander erfolgreich begegnen können. Die Welt ist eine Schicksalsgemeinschaft geworden, auch wenn diese Feststellung einigen nicht gefällt. (Unser Gastkommentator ist Historiker und Landtagspräsident a.D.)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #59.
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