7. Sept. 2020
Soziales

Gesundheitsexperte: Datenschutz im Klinikwesen nicht übertreiben

Als anerkannter Klinikmanager rät der Vorstandsvorsitzende des Essener Uni-Klinikums, Prof. Jochen A. Werner, zu einer angstfreien Öffnung des Gesundheitswesens für die Chancen der Digitalisierung. „Viele Menschen in Deutschland verstehen heute nicht, was die Digitalisierung jetzt schon zu leisten imstande ist. Deshalb wird es nicht abgerufen und die Chancen gehen uns verloren“, sagte Prof. Werner am Montag als Gastredner bei der Enquetekommission zur Zukunft der Krankenhauslandschaft im niedersächsischen Landtag. Nach seiner festen Überzeugung werde die Krankenbehandlung in Deutschland im Jahr 2030 ganz anders ablaufen als heute, nämlich in einer Symbiose von menschlichen Fähigkeiten und künstlicher Intelligenz. „Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass heute schon kein Mensch mehr die Datenflut eines Patienten vollständig erfassen kann. Es gibt also keinen Ausweg – wir müssen die künstliche Intelligenz über die Digitalisierung auch nutzen“, betonte er.
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Prof. Werner äußerte sich kritisch zu verschiedenen Debatten, die in den vergangenen Jahren und Monaten geführt wurden – und stets nicht große Fortschritte brachten. So sei leider die elektronische Gesundheitskarte gescheitert, auch bei der elektronischen Gesundheitsakte seien die Widerstände zu stark. Kliniken hätten allerdings gar keine Wahl, sie müssten in Zukunft „datenbasierte Gesundheitsplattformen“ sein. Die künstliche Intelligenz müsse mit Daten gefüttert werden, damit sie Algorithmen für bestimmte Krankheitsverläufe entwickeln könne. Die Krankenhäuser verstehe er in diesem Zusammenhang als „Treuhänder der Patientendaten“. Der Widerstand gerade aus der Ärzteschaft gegen die Erfassung von Gesundheitsdaten sei nicht rational begründet, denn heute schon würden Gesundheitsdaten gespeichert, beispielsweise von Pharma-Konzernen wie Roche. Die Gefahr bestehe, dass solche Daten dann etwa in den USA oder in Basel zusammengeführt werden. „Ich will aber, dass der Ort, an dem die Daten geschützt aufgenommen und verwahrt werden, das Krankenhaus ist.“ Die Klinik müsse in diesem Sinne „der Treuhänder der Gesundheitsdaten“ der Patienten sein. Eine deutliche Mahnung fügt der Wissenschaftler hinzu: „Wir sollen nicht alles mit dem Totschlag-Argument Datenschutz eliminieren. Vielmehr müssen wir erkennen: Medizinische Daten sind der Kraftstoff für die Uni-Medizin.“
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Nach Ansicht des Essener Klinikum-Leiters sind noch weitere Veränderungen unausweichlich. So müssten die Gesundheitsämter gestärkt werden, die flächendeckende Einführung des digitalen Systems „Sormas“ für den Datenaustausch sei ein richtiger Weg. Außerdem müsse die Pflege einen anderen Stellenwert erhalten als bisher. Dass ein Job in der Pflege absolut krisensicher sei, während die meisten anderen heute noch existenten Berufe eine ungewisse Zukunft hätten, sei ein Vorteil, der in großen Kampagnen für den Pflegeberuf beworben werden solle. Notwendig sei dann auch, der Pflege im Krankenhaus einen besseren Rang zu verschaffen. Das sei schwierig genug, da eine Uni-Klinik „aus lauter kleinen Königreichen“ bestehe, die Ärzte in ihrer eigenen Welt lebten und oft nicht verstünden, wie man Pflegekräfte auf den Weg zu Neuerungen mitnehmen kann. Schließlich führe am Abbau der kleinen, unwirtschaftlich und mit wenig medizinischer Kompetenz ausgestatteten Krankenhäusern in Deutschland kein Weg vorbei. Er rate allerdings, diese Kliniken in „medizinische Gesundheitszentren“ umzuwandeln und dort beispielsweise Facharztpraxen anzusiedeln. Was die Digitalisierung angehe, stelle der Bund drei Milliarden Euro bereit, bis Ende 2021 müssten die Länder Anträge stellen. „Niedersachsen sollte sich schleunigst überlegen, an welchen Stellen die Mittel richtig verwendet werden können“, rät Prof. Werner. Die CDU-Sozialpolitikerin Gudrun Pieper regte an, dem estländischen Beispiel zu folgen, wo der Patient selbst entscheide, welche seiner Daten weitergegeben werden. Prof. Werner hält das allerdings für wenig aussichtsreich. Pieper riet außerdem dazu, die Festlegung von Klinik-Standorten nicht länger als Gegenstand kommunaler Bürgerentscheide zuzulassen – denn solche Debatten führten, wie jetzt gerade im Heidekreis, zu einer unangemessenen Emotionalisierung, bei der die Sache ganz in den Hintergrund trete. Prof. Werner sagte: „Meistens sind solche Debatten zu aufgebauscht, es geht dann schnell um das Gefühl der Benachteiligung in manchen Regionen und nicht mehr um eine möglichst gute Krankenbehandlung.“
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #156.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter