28. Aug. 2017
Wirtschaft

Hat Kronacher damals den Workshop „gekapert“?

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Und weil das so ist, ist ein respektvoller Umgang mit dem Gegenüber immer ein guter Ratschlag. Bei der Abwicklung der Innovatives Niedersachsen GmbH nach dem Regierungsanritt gingen SPD und Grüne nach Aussagen mancher Beobachter und Betroffener mit den Beteiligten nicht gerade zimperlich um. Gestern sah man sich ein zweites Mal. Der ehemalige Geschäftsführer der Marketingtochter, Stefan Franzke, sagte in der Vergabeaffäre vor dem Untersuchungsausschuss aus. Franzke ist seit drei Jahren Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Einen Grund dafür, die bereits entlassene Staatssekretärin Daniela Behrens, damals Aufsichtsratsvorsitzende der Marketingtochter, und weitere Beteiligte auf Regierungsseite zu schonen, sah er nicht. Allerdings gab es zahlreiche Erinnerungslücken an die Vorgänge, die bereits über vier Jahre zurückliegen. https://soundcloud.com/user-385595761/untersuchungsausschuss-spd-und-cdu-ziehen-ein-unterschiedliches-zwischenfazit Die Innovatives Niedersachsen GmbH hatte die Standortkampagne „Sie kennen unsere Pferde, erleben Sie unsere Stärken" ins Leben gerufen. Manch einer erinnert sich noch an die Pferdeäpfel auf den Plakaten. Dem neuen Wirtschaftsminister Olaf Lies sagte die Kampagne im Jahr 2013 nach der Regierungsübernahme aber nicht mehr zu. „Überholt“ sei sie und greife „kommunikativ-inhaltlich nicht weit genug“, monierte damals das Ministerium. „Hinzu kommt, dass die Anspielung auf Pferdestärken, und damit auf möglichst große und schnelle Autos, nicht unbedingt den Vorstellungen der Landesregierung beziehungsweise dem Zeitgeist im Jahr 2013 entsprechen“, hieß es unter anderem in einer Antwort auf eine Landtagsanfrage. Die neue Landesregierung wollte nicht nur die alte Kampagne loswerden, sondern auch die alte Marketingtochter. Lesen Sie auch:    Aber wenn es sie 2013 nun einmal noch gab, konnte man sie auch nutzen. In August 2013 fand ein Workshop statt, in dem es unter anderem um einen neuen Claim und um die Marketingaktivitäten des Landes ging. Offiziell lag die Organisation bei Innovatives Niedersachsen. Der ehemalige Geschäftsführer Stefan Franzke erinnerte sich gestern allerdings daran, dass der Workshop dann von Kommunikationsberater Michael Kronacher „gekapert“ worden sei. Zwar hatte die Marketingtochter nach Franzkes Worten ein etwas 20-seitiges Konzeptpapier erstellt. Man habe aber nicht viel Zeit gehabt, darüber zu sprechen. Man kam offensichtlich nicht gegen den Wortführer an: Michael Kronacher. „Wir fanden sehr ungewöhnlich, wie stark und wenig reflektiert Kronachers Kritik an unserer Kampagne war“, meinte Franzke und äußerte zugleich einen Verdacht: „Wenn sie jemanden einladen, der selbst Interesse an dem Job hat und diesen auch übernehmen könnte, wird sehr häufig sehr hart kritisiert.“ Wenn Kronacher nicht kritisierte, hätten zwei andere Teilnehmerinnen den Workshop geleitet: die Staatssekretärinnen Daniela Behrens (Wirtschaftsministerium) und Anke Pörksen (Staatskanzlei) – so hat es zumindest Franzke in Erinnerung.
Wir fanden sehr ungewöhnlich, wie stark und wenig reflektiert Kronachers Kritik an unserer Kampagne war  - Stefan Franzke
Als Michael Kronacher am Nachmittag im Untersuchungsausschuss mit Franzkes Vorwurf, er habe die Sitzung „gekapert“, konfrontiert wird, muss er lachen. Er kann sich an Franzke auch gar nicht erinnern. „Ich könnte nicht einmal sagen, ob er bei dem Workshop überhaupt anwesend war“, so der Kommunikationsexperte. Ein Dissens zwischen ihm und Franzke sei aber nicht verwunderlich. Es habe einen Konflikt zwischen der Überzeugung über die Qualität der eigenen Arbeit bei Innovatives Niedersachsen und der Position, dass man diese Arbeit zumindest einmal überprüfen müsse, gegeben. An der Stelle wird einmal mehr deutlich, dass es diesmal im Untersuchungsausschuss auch um alte Wunden aus dem Jahr 2013 geht.
Ich könnte nicht einmal sagen, ob er bei dem Workshop überhaupt anwesend war  -  Michael Kronacher über Stefan Franzke
Nach dem Workshop bekam Franzke die Rechnung auf den Tisch, weitergeleitet aus dem Wirtschaftsministerium. Das Innovative Niedersachsen sollte für die Moderatoren Michael Kronacher und Peter Ruhenstroth-Bauer bezahlen. „Es war ein ungewöhnlicher Vorgang, weil wir zu der Rechnung ja kein Angebot hatten. Und es war das erste Mal, dass wir von der Vorsitzenden des Aufsichtsrats aufgefordert wurden, etwas zu bezahlen, das die Gesellschaft nicht bestellt hatte“, berichtet Franzke. Sein damaliger Mitarbeiter Christian Kotschy erinnerte sich gestern im Ausschuss, damals sogar mit Behrens direkt über die Rechnung gesprochen zu haben. Auf die Nachfrage, ob die Umfirmierung der Rechnungsadresse eigentlich korrekt gewesen sei, antwortet Kotschy: „Ich habe auf Weisung gehandelt. Ich möchte das rechtlich nicht bewerten.“ Für CDU-Obmann Uwe Schünemann wurde im Untersuchungsausschuss gestern deutlich, dass die damals neue rot-grüne Landesregierung die Marketingtochter nur noch einmal ausnutzen wollte. „Für Landesregierung stand fest, dass Innovatives Niedersachsen abgewickelt werden sollte. Man wollte die Gesellschaft einfach noch einmal für die eigenen Zwecke benutzen. Herr Franzke war nur noch Beiwerk. Er war nur noch dazu da, die Rechnung zu begleichen“, sagte Schünemann dem Rundblick. SPD-Obmann Grant Hendrik Tonne war dagegen von Franzkes Auftritt verwundert. Er nimmt Franzke dessen Überraschung über die Tatsache nicht ab, dass Kronacher den damaligen Workshop moderierte. „Herr Franzke wollte sich selbst eine Rolle zuweise als überraschter Dritter. Aber man kann anhand der Akten nachweisen, dass er wusste, was auf ihn zukommt und welche Rolle er da auch zu spielen hat. Das klang mir heute sehr nach Märchenstunde“, meinte Tonne. Er will nicht ausschließen, Franzke ein weiteres Mal vorzuladen, um Widersprüche aufzuklären. Manchmal sieht man sich vielleicht sogar dreimal im Leben. (MB.)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #148.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning