15. Feb. 2018
Kommentar

Hier die Guten, da die Bösen? Das trifft für Pflegedienste so nicht zu

Darum geht es: Mehrere große Wohlfahrtsverbände in Niedersachsen wehren sich gegen den Pflegenotstand. Mit einem neuen Kalkulationsmodell wollen sie nun ihre Kosten nachweisen und erhoffen sich eine bessere Finanzierung von Pflegeleistungen. Ein Kommentar von Martin Brüning. Die Probleme in der Pflege sind vielfältig. Die finanzielle Ausstattung ist auf Kante genäht. Das Fachpersonal ist jetzt schon knapp, neue Kräfte sind nur schwer zu finden. Immer wieder gibt es Berichte über „Mängel“ in den Abrechnungen und Pflegefehler – auch wenn es sich hierbei eher um Einzelfälle handelt. Die Branche ist weder bei den Pflegebedürftigen noch bei den potenziellen Bewerbern besonders gelitten. Deshalb ist es zu begrüßen, dass AWO, Caritas, Diakonie und die Sozialstationen im Städte- und Gemeindebund mit einem Kalkulationsmodell mehr Transparenz bei Kosten und Leistungen schaffen wollen. Denn dadurch wird Politik und Kostenträgern einmal mehr deutlich werden: Kostendumping wird in der Pflege mittelfristig nicht funktionieren und ist dieser Gesellschaft auch nicht würdig. https://soundcloud.com/user-385595761/offensive-gegen-den-pflegenotstand-in-niedersachsen Leider können es Caritas, Diakonie, AWO und Sozialstationen aber nicht lassen, kräftig auf die Tasten der Lobby-Klaviatur zu hauen. Wie sie die privaten Pflegeunternehmen in der Öffentlichkeit angreifen, ist mehr als schlechter Stil. Von „aggressiven Marktkräften“ ist die Rede. Sich selbst bezeichnen sie als „anständige Träger, die nicht Geld aus dem System ziehen, das in Gesellschaftertaschen fließt“. Das ist Sozial-Humbug, und sie setzen sich damit einen Heiligenschein auf, der ihnen nicht zusteht. Die Welt der Pflege ist nicht so schwarz-weiß, wie die Wohlfahrtsverbände, die schließlich mit der Pflege auch Geld verdienen ohne das Risiko eines privaten Unternehmens zu tragen, es darstellen. Nur weil private Pflegefirmen bisher keinen Tarifvertrag haben, bedeutet das nicht, dass deren Mitarbeiter grundsätzlich schlechter bezahlt werden. Wäre das so, hätten die Privaten im Wettstreit um neue Mitarbeiter überhaupt keine Chance mehr. Private Unternehmer lassen sich durchaus etwas einfallen, um Mitarbeiter an sich zu binden – das reicht vom Handy bis zur Fahrzeugnutzung. Und zu behaupten, dass die Arbeit bei jedem Diakonie- oder Caritas-Dienst grundsätzlich besser wäre als bei einem privaten Pflegeunternehmen, wird ebenfalls von der Wirklichkeit nicht gedeckt. Zu guter Letzt: Die höheren Personalkosten der Wohlfahrtsverbände dürften nicht allein durch die Tarifverträge begründet sein – ein Blick auf manche althergebrachte Wasserkopf-Struktur dürfte genügen. Die billigen und unangebrachten Schuldzuweisungen wären nicht nötig gewesen. Sie lenken nur den Blick von Problemen ab, die alle betreffen. Es wäre sinnvoller, die Kräfte zu bündeln. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, wie eine alternde Gesellschaft mit dem Personal, das man in der Pflege habe, in Einklang zu bringen sei, meinte Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen. Im Stil wie bisher könne man nicht weitermachen. Das betrifft uns alle, die wir irgendwann möglicherweise der Pflege bedürfen. Und es betrifft alle, die Pflegeleistungen anbieten. Wer sich in der Schwarz-Weiß-Malerei verliert, mag ein paar einfache Populismus-Punkte sammeln. Die Gesellschaft wird davon nicht profitieren. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #32.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum